Bei ihrer ersten Panikattacke stand Karina John im Supermarkt. Es folgten viele weitere - und vor allem: die Angst vor der Angst.
Dieser Text stammt aus der BRIGITTE.
Es ist etwas mehr als zehn Jahre her. Ich war beruflich erfolgreich, hatte liebe Freunde und genoss die Welt in all ihren Facetten - zumindest empfand ich das so. Doch dann wartete ich an einem herrlichen Sommertag an der Kasse eines Supermarktes, und plötzlich raste mein Herz wie verrückt. Die Umgebung drehte sich, die Stimmen um mich herum klangen seltsam dumpf und verzerrt. Ich flüchtete aus dem Geschäft und spürte sofort eine wohltuende Erleichterung.
Wenige Tage später, bei einer Autofahrt, rebellierte mein Körper erneut. Diesmal fühlte es sich weitaus bedrohlicher an. Ich fürchtete einen Herzinfarkt. Noch am selben Tag suchte ich meine Hausärztin auf. Nach einem Untersuchungsmarathon erhielt ich die Diagnose: Angststörung mit Panikattacken. Ich verließ die Praxis mit einem Rezept für Medikamente und einer Überweisung zur Psychotherapie. Gehorsam befolgte ich die Empfehlungen meines Therapeuten. Diese umfassten neben einer weitestgehend zuckerfreien Ernährung auch Atemübungen zur Beruhigung und das Führen eines Tagebuchs, um meine Gedanken zu ordnen.
Doch die regelmäßigen Panikattacken zogen mich immer tiefer in ein Loch. Während sich die Welt weiterdrehte, blieb ich stehen. Meine Freunde und die Familie verstanden mich nicht mehr, da ich alle Orte mied, die vermeintlich eine Attacke bei mir auslösen könnten. Gleichzeitig litt ich unter der zunehmenden Isolation. Würde es von nun an den Rest meines Lebens so weitergehen?
Ich erklärte der Angst den Krieg. Doch je mehr ich mich ihr entgegenstellte und sie als Feind betrachtete, desto stärker ergriff sie Besitz von mir. Sogar der Trost meiner engsten Mitmenschen trieb mich weiter in den Strudel.
Der Wendepunkt kam erst, als ich mich parallel zur Gesprächs- und Verhaltenstherapie intensiver mit der Thematik beschäftigte. In Ratgebern las ich unter anderem von genetischer Veranlagung, Stress, hormonellen Schwankungen und Überforderung als möglichen Ursachen. Mir wurde klar, welche überlebenswichtige Rolle die Angst aus biologischer Sicht spielt. Durch den Adrenalinschub kann der Körper blitzschnell über sich hinauswachsen und entweder fliehen oder sich verteidigen.
Wenn mich heute jemand fragt, wie sich eine Panikattacke anfühlt, vergleiche ich es oft mit einer gefährlichen Situation im Straßenverkehr: Ein Autofahrer muss unerwartet stark bremsen, das Herz rast, und selbst Minuten nach dem Ereignis zittert der Körper noch - völlig normal in solchen Momenten. Aus dieser Perspektive betrachtet sind die Symptome der Angst nichts, wofür man sich schämen sollte. Wenn absolut harmlose Alltagssituationen bei mir Reaktionen verursachten, als wäre ein gefräßiges Tier hinter mir her, lag das an einer Fehlinterpretation von Reizen und einem Ungleichgewicht von Botenstoffen in meinem Gehirn. Es ging also darum, mein Inneres wieder in Balance zu bringen.
Ab diesem Zeitpunkt sprach ich offen mit mehr oder weniger nahestehenden Personen über meinen Zustand - nicht, um Mitleid zu erregen, sondern um inneren Frieden zu finden. Jedes Mal, wenn ich mich damit auseinandersetzte, erkannte ich klarer, was zu meiner Angststörung geführt hatte. Sie entwickelte sich, weil ich an Negativem festhielt - ob an Verlusten, beruflichen Misserfolgen oder belastenden Beziehungen. Nun begann ich zu akzeptieren und loszulassen. Dabei half mir auch meine verspielte Mischlingshündin, die jeden Tag konsequent auf ihre Spaziergänge bestand. Durch ihre lebensfrohe und unbedarfte Art nahm ich die Schönheit der Natur wieder wahr und schöpfte daraus neue Kraft.
Langsam wagte ich mich wieder hinaus und knüpfte neue soziale Kontakte, obwohl mich die Panik oft begleitete. Natürlich hatte ich den Impuls, wegzulaufen, aber ich blieb. Fortan war meine Strategie, die Panik bewusst an Ort und Stelle auszuhalten. Überraschenderweise ließen die Beschwerden bei jeder Episode nach kurzer Zeit nach, die Abstände zwischen den Attacken vergrößerten sich. Heute sind es nur noch ein bis zwei pro Jahr, und ich habe nicht nur die Kontrolle über mein Leben zurück, sondern auch innere Freiheit gewonnen.