Was heute manchmal zum Verkehrschaos gerät, nahm in der Zeit um 1900 seinen Anfang. Für die Anweisungen des Herzoglichen Staatsministeriums, welche etwa seit der Jahrhundertwende unter dem Titel „Verkehr mit Motorwagen“ ergangen waren, gab es in Eisfeld neue Akten.
Im Jahre 1905 legte der Eisfelder Magistrat die Akte 689 „Kraftfahr-zeuge“ an. Aus diesen Richtlinien geht hervor, dass sich die Behörden in das neue Fachgebiet „Kraftfahrzeugwesen“ recht vorsichtig hineintasteten. Dabei ging es um die praktischste Form der Fahrzeugnummernschilder, um die Einschätzung der Unfall-gefahren durch die verschiedenen Fahrzeugarten, um das Anlegen einer Unfallstatistik, um die Sicherheit des Verkehrs auf öffentlichen Wegen und Plätzen des Deutschen Reiches, also um all die Fragen, welche sich durch die sich auch in unserem Gebiet wachsende Zahl der Kraftfahrzeuge stellten.
Als zeittypisch darf eine Niederschrift der Eisfelder Polizeimannschaft betrachtet werden: „Eisfeld, den 2. Juli 1907. Der Pferdeschlächter Fritz Höhn erstattet folgende Anzeige: Am Sonntag, dem 30. Juni 1907 vormittags ½ 11 Uhr bin ich mit meinem Geschirr (Einspän-ner) der Sachsendorfer Straße entlang gefahren, während mein Hund (Rattenfänger) dem Geschirr zur Seite folgte. Bei dem Hermann Wolf´schen Haus …. bemerkte ich hinter mir ein Automobil, welches von der Stadt aus nach Sachsendorf zu fuhr, in rasender Schnelligkeit ankommen. Ich hatte mich zu beeilen, daß ich mein Pferd, um nicht überfahren zu werden, beiseite zu dirgieren. Trotzdem ich bis beinahe im Straßengraben fuhr, sauste dieses Fahrzeug so dicht an meinem Geschirr vorüber, daß ich glaubte, dasselbe würde mit hinweggerafft, ging aber knapp vorbei. Hierbei wurde mein Hund im Wert von 50 Mark von diesem Automobil totgefahren. Dieses Automobil führte das Erkennungszeichen RJ Nr. 72. Ich bitte … die Person des Besitzers dieses Fahrzeugs zu ermitteln und zur Regelung meines mir zugefügten Schadens gütigst veranlassen zu wollen.“ Nach dem Übersichtsverzeichnis über Kennzeichen der Kraftfahrzeuge war dieses Kennzeichen dem Stadtrat zu Gera Reuss jüngere Linie zugeteilt.
Am 3. Juli 1908 gab die Polizeimannschaft von Eisfeld, die auch für die Verkehrssicherheit zuständig war, folgende Anregung zur Aufstellung der ersten „Verkehrsschilder:
“Einer vorgesetzten Dienstbehörde zum Bericht, daß für den Flurbezirk Eisfeld Warnungszeichen zur vorsichtigen Fahrt mit Kraftfahrzeugen beim Eingang der Stadt, an der Coburgerstraße, Schalkauer-, Schleusinger-, Sachsendorfer- und Hildburghäuser-straße wegen der Berg- und Kurvenstraßen in der Stadt selbst anzubringen sein dürften. ……“. Es wurden daraufhin 5 Tafeln mit dem Text „Kraftfahrzeuge 15 km“ (km/h)“ bestellt und aufgestellt. Aus einer Aktennotiz geht hervor, daß vom Mai 1909 bis November 1910 in Eisfeld zwei Führer von Kraftfahrzeugen wegen Übertretung der Verkehrsvorschriften bestraft wurden. Die Erfahrung ergab, daß schon ab 1910 gewisse Kraftfahrer dazu neigten, zu schnell und zu riskant zu fahren. Die Abteilung des Innern der Herzoglichen Staatsregierung erließ deshalb im Juni 1912 für das gesamte Herzogtum Sachsen Meiningen (S.M.) die Aufforderung „Die Polizeibehörden sind daher anzuweisen, auf die Kraftwagen S.M. 75 und S.M. 132 ihr besonderes Augenmerk zu richten und die Führer dieser Kraftfahrzeuge wiederholt auf die Mitführung der vorgeschriebenen Legitimationspapiere zu kontrollieren und jede Übertretung zur Anzeige zu bringen.“
Im März 1913 gab die Eisfelder Polizei folgenden Bericht über die in ihrem Bereich zugelassenen Kraftfahrzeuge:
| • | Herr Erster Bürgermeister Klauß | S.M. 101 |
| • | Die Herrn Gebrüder Düsel Nachfolger | S.M. 105 |
| • | Herr Dr. med. Jäger | S.M. 179 |
| • | Herr Tünchermeister Ernst Wolf | S.M. 270 |
| • | Herr Posthalter Albert Truckenbrodt | S.M. 125 |
| • | Herr Bossierer, später Strumpffabrikbesitzer Albert Haas | S.M. 265 |
| • | Elektrizitätswerk Eisfeld | S.M. 117 |
| • | Herr Klempnermeister Johannes Deipser | S.M. 25 |
Sämtliche vorhandenen Fahrzeuge besitzen Auspuffklappen, die vom Führersitz aus bedient werden. Verbotswidrige Wahrnehmungen betreffend üblichen Geruch, Rauch oder Geräusch seitens der Fahrzeuge sind noch nicht gemacht worden.“
Den Bericht über den ersten größeren Autounfall formulierte die Polizei so: „Am 13. Juli 1913 nachts gegen ¼ 10 Uhr fuhr der Chauffeur Julius Carl von Eisfeld, angestellt bei dem Fabrik- und Automobilbesitzer Herrn Max Seifert in Eisfeld, mit dem von fünf Personen besetzten Automobil S.M. 205 „Sechssitzer“ von Bachfeld nach Eisfeld. Etwa ½ km von Eisfeld entfernt geriet das Fahrzeug offenbar infolge übermäßig schneller Fahrt an einen Straßenbaum, Chauffeur und Insassen wurden herausgeschleudert und wurden mehr oder weniger verletzt, das Auto gänzlich ruiniert.“
Schon im November 1914 warf der Krieg seine Schatten auf die Kraftfahrzeugbesitzer mit folgender Anordnung des Landrats in Hildburghausen an den Eisfelder Magistrat: „Das stellvertretende Generalkommando wünscht umgehend Feststellung, welche Bestände an Reifen nebst Zubehör (Gummidecken, Schläuche und Vollreifen) für Kraftfahrzeuge - unter Angabe der Abmessungen - bei Händlern lagern oder sich ungebraucht im Privatbesitz befinden. Die in Privatbesitz befindlichen neuen Reifen dürfen benutzt, aber nicht verkauft oder in anderer Weise abgegeben werden……..“ Aus dem Schriftwechsel 1917/18 geht hervor, daß es für die Kraftfahrzeugbesitzer schwierig war, Ersatzteile und besonders Ersatzbereifung zu erhalten. Beides war nur nach ausdrücklicher Prüfung und Genehmigung der Ortspolizei zu bekommen. Diese Genehmigungen wurden beschränkt auf die Fahrzeuge des Herrn Dr. med. Jäger und des Elektrizitätswerkes. Vielsagend ist eine Notitz vom 4. Dezember 1917: „Das Kraftfahrzeug der Firma H. Löwenherz (Sägewerk) ist bereits mit Eisenbereifung versehen.“
Der 1924 errichtete rotbraune „Auto-Benzin-Füllständer“ vor der Schlosserei des Herrn Friedrich Lages (Justus-Jonas-Straße 17) war die allererste Eisfelder Tankstelle. Bis dahin mussten die Autofahrer ihr Benzin in der Drogerie kaufen.
10.08.2026
Klaus Pfrenger
nach der Chronik von Albert Krapp