Oft kehren Menschen zu den Wurzeln ihrer Familien zurück - so wie Gretchen Loss, geb. Düsterdick (s. Bild). Sie wird auf ihrer Deutschlandreise vom 21. bis 23. September für drei Tage in Gebesee Station machen.
Ihr Großvater Ernst Hermann Düsterdick war Gastwirt und Fleischer in der Gaststätte „Ratskeller“, später auch in der Gaststätte „Zum Ritter“. Sein Sohn Paul Düsterdick, ebenfalls gelernter Fleischer, wanderte 1912 in die USA (New Jersey) aus.
In Gebesee, wo die Gassen vertraut sind und das Rathaus den Mittelpunkt des Ortes bildet, führte sein Vater Ernst Hermann Düsterdick (s. Bild) ein Leben, das tief mit der Gemeinschaft verwoben war. Als Ratskellerwirt und Fleischer kannte er die Menschen, ihre Sorgen, ihre Feste und ihre Gewohnheiten. Der Ratskeller war ein Ort des Gesprächs, des Austauschs - manchmal auch des Trostes.
Dort wuchs sein Sohn Paul, geboren am 5. September 1893, auf - ein Junge, der früh die Welt des Handwerks und der Arbeit kennenlernte. Paul war fleißig, wissbegierig und stolz darauf, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. 1910 schloss er seine Lehre als Fleischer in Erfurt ab; noch ahnte er nicht, wie sehr ihm dieses Handwerk später das Leben erleichtern würde.
Mit kaum zwanzig Jahren erhielt er vom Vater einen schweren Auftrag: Er sollte seinen bereits 1910 ausgewanderten Bruder Karl in die Heimat zurückholen. Um Karls Gesundheit stand es schlecht, und so machte sich Paul 1912 auf den Weg über den Atlantik.
Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht. Paul fand seinen Bruder unheilbar krank vor; kurz darauf verstarb Karl Düsterdick, bevor er die Heimreise antreten konnte. Und dann kam der nächste Schlag: Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hinderte Paul selbst daran, nach Deutschland zurückzukehren.
Es war eine Zeit voller Härten, doch Paul trug die Zuversicht eines jungen Mannes im Herzen. Er versuchte, in New York Fuß zu fassen. Ganz unten begann er - zunächst als Aushilfe in einem kleinen Getränkeladen, später als Barkeeper. Hinter dem Tresen lernte er die Menschen kennen: ihre Geschichten, Hoffnungen und Brüche.
Und dort, zwischen Gläserklirren und dem Duft von Zigarren, begegnete er Lucy Stanton, einer Frau, die sein Leben verändern sollte.
Vom 21. bis 23. September wird seine Enkelin Gretchen Loss (geb. Düsterdick) aus den Vereinigten Staaten Gebesee besuchen. Sie kommt nicht als Touristin, sondern als jemand, der die Geschichte ihrer Familie wiederentdecken möchte.
Sie interessiert sich für die Häuser, in denen die Düsterdicks wohnten, für die ehemaligen Gaststätten „Ratskeller“ und „Zum Ritter“, für Geschichten, Erinnerungen, Fotos oder Dokumente, die vielleicht noch in Schubladen oder Familienalben schlummern.
Wer noch Erinnerungen, Fotos, Dokumente oder Hinweise zur Familie Düsterdick besitzt - sei es zu ihren Wohnstätten, zu den Gaststätten „Ratskeller“ oder „Zum Ritter“ oder zu anderen Spuren dieser Familie - ist herzlich eingeladen, sich zu melden.
Kontaktmöglichkeiten: Telefon: 036201/58033: E-Mail: info@gebeseer-kulturgut.de; Kontaktseite des Vereins: Gebeseer Kulturgut.
Jeder kleine Hinweis kann helfen, ein Stück Familiengeschichte wieder sichtbar zu machen.
Der Besuch von Gretchen Loss (geb. Düsterdick) ist deshalb nicht nur eine persönliche Reise, sondern auch ein Stück Gebeseer Heimatgeschichte. Und vielleicht gelingt es gemeinsam, ein paar der verlorenen Fäden wieder zusammenzuführen.
Erwähnen möchte ich weitere Gebeseer Auswanderer, die erfolgreich in den Staaten Fuß gefasst haben:
| • | Die Familie Ziegenbein wanderte mit sieben Kindern nach Nebraska, USA aus. Damals dauerte die Seefahrt 12-16 Tage. Wir kennen sogar das Schiff: die „Westphalia“ (s. Bild). |
| • | Die Familie Karl Louis Fischer wanderte 1887, kurz nach der Hochzeit, mit Kind und Kegel nach Minnesota, USA aus. |
Die Liste ließe sich fortsetzen - mit Auswanderern nach Kanada oder sogar bis ins ferne Australien.
Viele Menschen, deren Familien Gebesee vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten verlassen haben, spüren heute wieder den Wunsch, ihre Wurzeln zu verstehen. Die Geschichten der Auswanderer verbinden Vergangenheit und Gegenwart - und sie zeigen, wie weit die Wege von Gebesee hinaus in die Welt geführt haben.
Albrecht Fischer
Gebeseer-Kulturgut e.V.
PS: In Bremen widmet sich das Auswanderungshaus der Geschichte von mindesten 7 Millionen deutschen Auswanderern s. Bild