Titel Logo
Amtsblatt der Gemeinde Unstrut-Hainich
Ausgabe 13/2026
Nichtamtlicher Teil
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Das Kriegskind. Werner aus Böhmen, eine authentische Erzählung von Werner Mann

Ein Buch als Lebensbericht - mit Mülverstedt als zentralen Punkt der Jugend des Erzählers

Es handelt sich um ein ungewöhnliches Buch, in einfacher Sprache geschrieben, verständlich und bewegend.

Mit dem auf der ersten Seite abgefasstem Vorwort beginnt das Buch und geht ohne Überschrift und Kapitel bis zur letzten Seite. Es gibt kein Inhaltsverzeichnis.

Das Vorwort enthält die Frage nach einer eventuellen Schuld des Vaters im „Nazi-Reich“.

 

 

Das Buch beinhaltet das schicksalhafte Leben einer Familie, die es 1945 durch die Vertreibung nach Mülverstedt verschlägt.

Es beginnt mit der unbeschwerten Kindheit des Erzählers im Sudetenland, mit dem Anschluss seiner Heimat ans „Reich“ durch den „Einmarsch Adolf Hitlers“. Er beschreibt die Zeit bis zum Krieg, seinem bitteren leidvollen Ende und der Vertreibung aus der Heimat.

Die Ankunft der Vertriebenen in der Mitte des Thüringer Landes, in einer völlig anderen Landschaft und Mentalität, wie auch der Wirtschaft, so empfindet und beschreibt es Werner Mann, eingebunden in den geschichtlichen Werdegang der beiden deutschen Staaten bis zur „Wiedervereinigung“ und der Zeit danach.

Es ist eine autobiographische Darstellung der Erlebnisse, eingebettet in die Geschichte seines Lebensraumes, der sich von der Heimat im Sudetenland, über die Thüringer Ackerebene zwischen Mühlhausen und (Bad) Langensalza, wo er zum Maler ausgebildet wurde, über die innerdeutsche Grenze bis nach Hessen zieht; wo er sich zum selbständigen Malermeister entwickelte, und nach dem in Kraft tretenden innerdeutschen Verträgen, hin und her pendelnd nach Mülverstedt, eines seiner Lebensmittelpunkte, mit den umwälzenden Änderungen nach der Wiedervereinigung und den wieder festen Bindungen innerhalb der Familie, ohne die trennenden Grenzbarrieren.

Die ergreifende Beschreibung dieses Buches, durchlesen nur durch die täglichen Unterbrechungen und Schlaf in knapp zwei Tagen, erinnerte den Leser an eine Deutsch-Stunde, wohl in der 4. oder 5. Klasse der Schulzeit in Gottern. Nach dem Lesen eines längeren Textes mussten von uns Schülern und Schülerinnen Zwischenüberschriften gefunden werden, um gemeinsam eine Gliederung des Textes zu gestalten.

So erging es mir nach dem Weglegen des durchlesenen Buches.

Der erste Zeitabschnitt der Erzählung gilt dem Leben der Familie in der Heimat mit all den Erinnerungen des Autors. An die Unbeschwertheit der Kindheit und die Änderungen seit dem „Anschluss an das Reich“, die weit in das Familienleben hineinreichten und dann vom Krieg bestimmt wurden. Auch die Spaltung der Familie, durch Angehörige die sich nach Kriegsende auf die tschechoslowakische Seite schlugen und sich teilweise an den Übergriffen gegen die Deutschen beteiligten.

Beschränken wir uns in erster Linie auf die Zeit als die Familie des Autors, mit ihm als Zehnjährigen am Ende des Krieges aus der Tschechoslowakei vertrieben wurde, an dem ihnen zugewiesenen Ort, jeder nur mit einem Koffer ankam, und die Zeit danach.

Gleich zu Beginn der Ankunft mit vielen anderen ihrer sudetendeutschen Landsleute, von Böhmen über Chemnitz in Sachsen, nach Thüringen, über Jena, Erfurt, Gotha, Eisenach in Richtung Hessen - mit der Hoffnung in die amerikanische Zone zu gelangen- doch der Zug fährt zurück und endet mit vielen Unterbrechungen auf „Ihrer“ Endstation (Seite 98-101).

Es dürfte sich um denselben Transport handeln, der im Spätsommer 1945 Flüchtlinge des Sudetengaus auch nach Großengottern brachte, bei dem aus meiner Erinnerung (nach Erzählungen Familienangehöriger) in mehr als fünf Häusern der Schloßstraße Vertriebene aus dem Kreis Komotau ihre erste Unterbringung fanden. Eine Reihe dieser Angehörigen blieb ihr Leben lang in Gottern. Ein großer Teil dieser Vertriebenen sind namentlich unter den Einwohnern von Großengottern des Jahres 1948 aufgeführt, die auch in der HÄUSERCHRONIK verzeichnet sind.

Die Flüchtlinge und Vertriebenen werden auf mehrere Orte der Umgebung durch die damaligen Verantwortlichen der Gemeindevorstände in ihren Ortschaften aufgeteilt.

Ohne den Ort (Großengottern), dem Endpunkt ihrer langen Zugreise im Viehwagon zu nennen, ist die Beschreibung des weiteren Weges mit ca. 6 km Länge, fast nur bergauf, auf einer Allee mit Kirschbäumen bepflanzt und dann steil abfallend ins Dorf, und nach dem Dorf wieder fast nur gerade aus, lange bergauf durch den Wald, war dem Ortskundigen klar, es handelte sich um Mülverstedt, die Triftchaussee und die wenige Häuser umfassende Waldsiedlung Ihlefeld, fernab einer „pulsierenden“ Gemeinschaft, ohne Schule, ohne Einkaufsmöglichkeiten, etc.

Das sollte der zugewiesene Ort der Einquartierung, der ersten Herberge der Flüchtlingsfamilie mit vier Kindern sein (Seite 103).

Unannehmbar!

Der Familienvater wie auch die Mutter bestanden auf der Rückkehr ins Dorf (nach Mülverstedt), dem zukünftigen Aufenthaltsort der Familie.

Werner Manns Beschreibung zeigt die Andersartigkeit der hiesigen Wirtschaft im Vergleich zur Heimat, die Bedeutung der Gemüseverarbeitenden ländlichen Industriebetriebe der Einmachgeschäfte für Gurken, Weißkraut und andere Gemüsesorten der einheimischen Landwirtschaft. Das war neu.

Es folgt die Eingewöhnung im Ort, der schwere Anfang der Familie. Das nicht willkommen sein der Fremden, eine erste Konsolidierung, dann die Denunzierung des Familienvaters, der nach dem Anschluss des Sudetenlandes in die NSdAP eintrat und aktiv in der SA war, und nun in den Wirren nach der Vertreibung in das „Räderwerk“ des sowjet-russischen Machtapparates über Buchenwald nach Rußland und Kasachstan verschleppt wurde, aber die Familie von diesem „Verbannungsort“ nichts weiß.

Die Ungewissheit dauert Jahre mit all den Entbehrungen einer Flüchtlingsfamilie, bis endlich ein Brief aus Kasachstan (Kasachskaja USSR) eintrifft, das erste Lebenszeichen des Vaters. Danach, trotz sofortiger Antwort der Angehörigen an den Vater, keine weitere Meldung.

Die Ungewissheit bleibt!

Ungeschminkt und vorbehaltlos erzählt der Autor die familiären aber auch politischen Sachverhalte. Auch mit der im Hintergrund anklingend schwebenden Frage nach einer Schuld des Vaters.

Unerwartet nach einigen Jahren die glückliche (Heim) Rückkehr des Familienoberhaupts, der danach in dem holzverarbeitenden Betrieb des Ortes seine Arbeit findet.

Die Beschreibung der angekündigten Rückkehr (15.10.1949) aus der russischen Haft auf dem Bahnhof (Großengottern), des vergeblichen Wartens über Stunden, mehr als einen halben Tag auf dem Bahnhofsgelände, das Ausharren, und jeder folgende Zug bringt den Vater nicht.

Die traurige Nachricht am Abend bei dem Rest der Familie zeigt familiäre Verzweiflung.

Am Tag danach doch die Ankunft des Vaters (ohne Abholung) mit unverhofftem Klopfen am frühen Morgen am Haus, sind Momente die den Leser in Wallung bringen können (S. 137-140).

Die Schullaufbahn und die berufliche Entwicklung unseres Protagnisten als Malerlehrling und abgeschlossenen Malerberuf bringen erstmalig die Ortsnennung Weberstedt, als Zentralschule im Nachbarort des nicht genannten Wohnortes. Auch Bad Tennstedt, mit dem Erholungsheim für den Großvater, machen eindeutig die Ansässigkeit in Mülverstedt deutlich, das im Buch lediglich einmal genannt ist.

Mit dieser Zurückhaltung der Ortsangaben versucht der Autor (vielleicht unbewusst?) eine gewisse Anonymität zu wahren, vielleicht drückt sich damit die „Heimatlosigkeit“ aus, die bei vielen Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg permanent zu verspüren ist.

Die ersten Monate seiner Lehrzeit absolvierte Werner Mann in Langensalza, ohne in seinem Ausbildungsbetrieb für den zukünftigen Malerberuf gefördert zu werden. Glückliche Umstände lassen ihm die Lehre im Wohnort mit gutem Erfolg weiterführen und beenden.

Viel lernt er dazu als Geselle in Mühlhausen. Hier erlernt er die Erhaltung von alten Häusern, u.a. die historischen „Lehmtechniken“. Er beschreibt es als eine lehrreiche Arbeitstätigkeit, in der er auch sein „runtergekommenes“ unwohnliche Mansardenzimmer behaglich herrichtet und fast heimisch wird (S. 149).

Aber die politischen Verhältnisse, das Erleben der Ereignisse um den 17. Juni, verstärken seinen Entschluss im andern Teil Deutschlands sein Glück zu finden.

Im Sommer 1954, gemeinsam mit seinem Bruder, reisen sie zur Verwandtschaft in den „Westen“ um zu bleiben. Mit dem notwendigen Passierschein und der Geld-sparenden-Reise mit dem Fahrrad, wird der Entschluss Wirklichkeit (S. 154-155).

Die Familie spielt durchgängig in der Erzählung eine besondere Rolle, dabei auch die Verwandtschaft, die nach der Flucht und Vertreibung erst wieder zusammengesucht werden muss, sich aber allmählich mehr und mehr wiederfindet. So auch der erste Anlaufpunkt auf der abenteuerlichen Radreise über die innerdeutsche Grenze zur Tante Emma im Steigerwald (S. 155- 164).

Ohne die weiteren Abschnitte des Ablaufes seiner Lebenszeit darzulegen, die Begebenheiten des Alltags zwischen „Ost“ und „West“ klingen genau an, die Willkür der „DDR-deutschen“ Grenzbeamten wird beschrieben, auch die innerlichen Ängste der Kontrollierten, die der Willkür ausgeliefert waren. Und der Druck, der mit der Grenzöffnung 1989 auf einmal weg war.

Stolz über sein Leben bzw. seine Lebensleistung lässt der Autor erkennen, in der Beschreibung der Restaurierung des „Elternhauses“ in Mülverstedt, das seinen Eltern 1945 als alte ziemlich heruntergekommene Wohnstätte zugewiesen wurde, nachdem Sie nach der Vertreibung aus der Heimat, nach der langen Fahrt vom Ankunftsbahnhof Großengottern über Mülverstedt, durch den Wald über die Triftchaussee auf dem „Ihlefeld“ angesiedelt werden sollten, und dort den Aufenthalt verweigerten.

Das Talent des Autors: Er schreibt in einfacher Sprache und drückt Dinge und Ereignisse aus, die nicht unmittelbar in seinen Zeilen geschrieben sind, aber den Leser gedanklich dazu führen.

In den Abschnitten zur Hausrestaurierung in Mülverstedt, gibt er ohne es zu schreiben Kenntnisse und Fertigkeiten an, die er Jahrzehnte vorher bei seiner Tätigkeit in Mühlhausen als Geselle erlernte. Das „Elternhaus“ erklärt er nach der Fertigstellung der Restaurierung, als das schönste Haus von Mülverstedt.

Die nicht gestellte Frage nach der eventuellen Schuld des Vaters bezüglicher Verstrickungen in der Nazi-Zeit, bleibt unbeantwortet, doch hat der Autor, mit dem letzten Satz des Buches, nach Beendigung der Trauerfeier des verstorbenen Vaters, seinen Frieden mit ihm gefunden, - „Verzeih mir Vater.“

Peter-Jürgen Klippstein/ Erfurt

Gotterscher Gemeindehistoriker