Die Custodia (Knabenschule der Gemeinde St. Walpurgis) in Großengottern. Die erste Bildungsstätte Ernst Christian Hesses (um 1682-1687), bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts war das Erdgeschoß Gemeinderaum beider Kirchgemeinden und Unterrichtsraum für den Religionsunterricht.
Der Schulberg zu Langensalza. Das Gebäude des ehemaligen Augustinerklosters war das Gymnasium das Hesse von 1687-1690 besuchte
Die Lateinschule - auch Gymnasium zu Eisenach besuchte Ernst Christian 1690 - um 1692. Schon Martin Luther, wie auch später Johann Sebastian Bach, waren Schüler dieser historischen Ausbildungsstätte (Ehemaliges Dominikaner-Kloster, Zeichnung um 1860, der Zeichner ist unbekannt
[Im Band V der Beiträge zur Chronik von GG wurde schon einmal ein Aufsatz über das Leben und die Familie Ernst Christian Hesses veröffentlicht - „Ernst Christian Hesse, ein Musiker von europäischem Rang"-, S.59-64. Dort wurde von drei Ehen, die Hesse eingegangen wäre, geschrieben. Das war eine Fehlinformation, Hesse war nur zweimal verheiratet.]
Im April 2026 jährt sich zum 350. Mal der Geburtstag von Ernst Christian Hesse, einem Spross der alteingesessenen Bauern-Familie Heß/ Hesse aus Großengottern, aus deren Angehörigen sich in vielen Generationen Vertreter bis in die heutige Zeit auch der Musik widmeten.
Unser Jubilar war der berühmteste Gambist seiner Zeit, im Dienst des Hessen-Darmstädter Hofs, der bekannt war durch sein hohes Niveau der Musikpflege im damaligen deutschsprachigen Raum und angrenzenden Staaten wie England, Frankreich, Italien und anderen, mit dem im Barock beliebten Instrument der „Viola da Gamba". Hesse war als Konzertmeister am Darmstädter Hoftheater, als Komponist und im politisch administrativen Bereich des Darmstädter Hofes als Advokat und Kriegsrat tätig.
Hesse beherrschte mehrere Sprachen. Latein erlernte er auf den Gymnasien Langensalza und Eisenach, allerdings dürften die Grundlagen des Lateins schon in der Kirchschule von St. Walpurgis zu Großengottern gelegt worden sein. Da heißt es in einem Bericht zur Schule 1670: „Viel Zeit wird dem lateinischen Unterricht gewidmet." Griechisch gehörte zum Unterricht des Eisenacher Gymnasiums. Französisch erlernte Ernst Christian spätestens bei seinem mehrjährigen Studienaufenthalt in Paris.
Der umfangreiche Briefverkehr mit seinem landgräflichen Dienstherrn verlief, wie zeitgemäß in herrschaftlichen Kreisen üblich, in französischer Sprache.
Bei solch einer Persönlichkeit stellt sich die Frage, welche Umstände oder Ereignisse wirken auf eine Person, die, durch eigene Energie und Ausdauer, aber auch durch äußere Einflüsse solche Leistungen, die über vieles hinausragen, mit höchstem Ansehen für einen aus einfachen Verhältnissen der damals standesträchtigen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts auf solch hohe Ebenen bringt.
Eines der wichtigsten Ereignisse im Leben Hesses ist die Begegnung mit dem jungen hessischen Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, die 1692 in Frankfurt am Main stattfand und von da ab seinen Lebenslauf maßgeblich bestimmte. Die Begegnung des Landgrafen mit dem Jüngling Ernst Christian Hesse, ist so, wie sie von seinem Biographen beschrieben ist, nach heutiger Aktenlage zu bezweifeln.
[… …].
Anlässlich des 350. Geburtstag-Jubiläums ist es angebracht, […] an die Person Hesses zu erinnern, ihn zu würdigen, der in seiner angestammten Heimat nach wie vor wenig bekannt und in seinem einstigen Wirkungskreis, der hessischen bürgerlich-aristokratischen Oberschicht vorwiegend nur Insidern vertraut ist, wieder etwas mehr ins Bewusstsein zu rücken.
Berichte zu unserem Jubilar aus und vor dem 19. Jahrhundert beleuchten in erster Linie die künstlerische Entwicklung des Musikers und weniger das familiäre Umfeld, das durch seine hohe Anzahl von Kindern zu weitreichenden Bindungen und Verbindungen in höchst gestellte Familien, bis ins preußische Königshaus, reichte.
Die umfangreichste Darstellung zu Ernst Christian Hesses Werdegang ist die von Ernst Pasqué, der selbst Mitte des 19. Jahrhunderts am Großherzoglichen Theater in Darmstadt als Sänger engagiert war. Pasqué beschreibt in seiner zeitgenössischen Sammlung von Biografien der Künstler des Darmstädter Hofes auch den Lebensweg Hesses, hauptsächlich auf die musikalische Karriere bezogen, die beachtliche Anzahl der Kinder aus seinen zwei Ehen sind sachlich mit biographischen Daten aufgeführt, und auch der gesellschaftliche Aufstieg der Familie in höchste Schichten, die zwei Linien (einem Sohn und einem Enkel) der Familie die Nobilitierung brachte.
[… … …]. Von der Erziehung der Kinder durch die Eltern und eventuellem Personal, und wie sie aufwuchsen, ist wenig überliefert. Die Erziehung der Kinder und manches andere muss somit weitgehend ausgespart bleiben.
Das Leben mit den Ehefrauen sollte eine tiefere Betrachtung erhalten. Besonders die zweite Gattin, Johanna Elisabeth Döbricht, die mit der Heirat die Kinder Hesses aus erster Ehe zu versorgen hatte, als Mutter 14 Kinder austrug und ihre musikalische Laufbahn weiterführte, sich mit ihrem Ehemann auf Konzertreisen begab und den gesamten Haushalt der wachsenden Familie versah.
Am 16. April 1676 trug Hans Hesse, ein jung verheirateter Mann aus gutem ländlichem Hause in Großengottern, zu St. Walpurgis seinen erstgeborenen Sohn zur heiligen Taufe und ließ ihn auf den Namen Ernestus Christianus taufen und segnen. Der Taufpate des hier im Mittelpunkt stehenden Jubilars war Hans Christian Klipstein, der später als Handelsmann in Mühlhausen ansässig wurde, ein Sohn des 1670 verstorbenen langjährigen Gemeinde-Schreibers Friedrich Klipstein.
Die Taufzeremonie wurde vom Pfarrer Andreas Martin Rhodius vollzogen, der schon 1674 die Eltern des Täuflings, Hans Hesse und Magdalena Dorothea Kirsten, getraut hatte.
Hans (Johannes) Hesses Gattin, Magdalena Dorothea, eine geborene Kirsten, war eine Enkelin des ehemaligen Pfarrers zu St. Walpurgis, Georg Kirsten (um 1567-1636), wie auch eine Nachkommin des Erfurt/Mühlhäuser Patriziergeschlechts- von Otthera. Ihre Mutter war Euphrosyna, geb. von Otthera.
Beide Eltern Ernst Christians stammten aus gut situierten ortsansässigen Familien. Schon in jenen Jahren, wenige Jahrzehnte nach dem 30jährigem Krieg, war die Familie Heß/ Hesse in Großengottern weit verzweigt, deren verwandtschaftliche Beziehungen untereinander wegen fehlender Quellen nicht eindeutig zu klären sind.
Die Eltern des Täuflings wohnten nicht weit von der Kirche im damaligen Haus Nr. 318 (der heutigen Marktstraße 2), auf dessen Grundstück noch heute Nachkommen dieser Familie leben. Der letzte des Namens Hesse im „Stammhaus" war Artur Hesse, Bürgermeister zu Großengottern (1947-1953).
Eine Berufs- oder Standesbezeichnung für Hans/ Johannes Hesse, dem Vater unseres Protagonisten, liegt in den örtlichen Dokumenten aus seinen Lebzeiten (1651-1694) nicht vor, lediglich oblag ihm um das Jahr 1682 das zeitlich begrenzte Amt des Altarmannes, eines kirchlichen Rechnungsführers. Dieses Amt übte auch sein Vater Jonae Hesse, Ernst Christians Großvater, in den Jahren 1663 und 1665 aus. Bei dem „Hesse-Stammhaus" handelte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine bäuerliche Landwirtschaft.
Im Laufe der Zeit bis zum Jahr 1693 wuchs die Zahl der Kinder in Hans Hesses Familie auf sechs an, allerdings starb der zweitgeborene Sohn schon im zarten Alter von einem Jahr, so verblieben für den erstgeborenen Ernst Christian zwei Brüder und zwei Schwestern.
Die Familie Johannes Hesse gehörte durch Haus- und Landbesitz zu den begüterten Familien. So konnte Ernst Christian mit seinen jüngeren Geschwistern bis zum Tod der Eltern in gesicherten Verhältnissen aufwachsen, und wie sich aus der Geschichte ergeben hat, auch über den Tod der Eltern hinaus. Die Eltern verstarben früh, der Vater Johannes im Jahr 1694 mit etwa 43 Jahren und die Mutter Magdalena Dorothea ein Jahr später, im Alter von 41 Jahren. Den Lebenswegen der Geschwister Ernst Christians, die mit dem Verlust der Eltern zu Weisen wurden, im Jahr 1695 erst zwischen drei und 16 Jahre alt waren, wurde nicht nachgegangen (Dorothea Susanna *1679 [16 J.], Balthasar Christopherus *1682 [13 J.],
Andreas Martinus *1685 [10 J.] und die jüngste Anna Magdalena *1692 [3 J.]).
Die Zeit der Kindheit mit den ersten Schuljahren verbrachte Ernst Christian im Elternhaus.
Gemeinsam mit den Geschwistern lebte er in Gottern, dass auch althergebracht Bischofsgottern genannt wurde, einem Dorf im Amt Langensalza des Thüringer Kreises des albertinischen Sekundogenitur-Herzogtums Sachsen-Weißenfels.
Die beiden Kirchgemeinden des Marktfleckens Gottern, die St. Walpurgisgemeinde und die St. Martinigemeinde, hatten eigenständige Schulen mit Kirchschullehren.
Der damalige Schulmeister von St. Walpurgis war Johannes Klipstein jun. (* um 1635, †1694). Zu den Aufgaben des Schulmeisters gehörte wie oben erwähnt neben den schulischen Aufgaben die des Küsters für die Kirche, dem das Führen der Kirchenbücher oblag, also alle Eintragungen von Eheschließungen, Taufen und Begräbnissen im Kirchenbuch, außerdem die musikalische Leitung des Gottesdienstes mit Orgelmusik und Kirchenchor.
[… …] Bei ihm [Johannes Klipstein jun.] wird Ernst Christian den ersten Schulunterricht wie auch musikalische Unterweisungen erhalten haben.
Die ersten Schuljahre in Großengottern (um 1682-1687)
Der Schulmeister gestaltete einerseits die Unterrichtung der Schulkinder, und andererseits die Kirchenmusik und Küsteraufgaben. Die Schulkinder wurden bei besonderen kirchlichen Zeremonien musikalisch und mit Gesang einbezogen. Bei Beerdigungen liest man oft im Todeseintrag des Kirchenbuches den Zusatz „mit der ganzen Schule", gemeint ist die Mitwirkung der Schulkinder.
Welches Musikinstrument von Ernst Christian in seiner Kindheit bevorzugt wurde, ist nicht überliefert. Dass er in dieser Zeit schon musizierte, ist anzunehmen, zumal Pfarrer Rhodius wie auch die Lehrer mit der Familie Hesse eng verbunden waren. Bei späteren Kindern des Ehepaares Hesse/Kirsten, den Geschwistern Ernst Christians, sind sie als Taufpaten verzeichnet.
Bis ins Jahr 1687 erlebte Ernst Christian die Kindheit mit den ersten Schuljahren in Großengottern, im Gebäude der Custodia, das noch heute den Eingang zum Kirchhof schmückt, und bis ins 19. Jahrhundert als Schulgebäude für die Kirchgemeinde St. Walpurgis fungierte.
Besuch des Gymnasiums Langensalza (1687-1690)
Die Vermögensverhältnisse der Eltern erlaubten eine höhere Schulbildung. So begann Ernst Christian ab 1687 im Alter von 11 Jahren in Langensalza die weitere Schullaufbahn auf dem Gymnasium, was eine Besonderheit für Kinder der damaligen Dorfbevölkerung war.
Vermutlich hat der Knabe in der Amtsstadt bei einer befreundeten Familie oder Verwandten zur Pension gelebt und war [nur] am Wochenende und in den Ferien zu Hause bei den Eltern in Großengottern.
Der fußläufige Weg von Gottern nach Langensalza oder mit einem Ochsen- wie einem Pferdegespann war nicht allzu weit und im gemächlichen Tempo in etwa zwei […] Stunden zu bewältigen.
Für Hesses Zeit am Gymnasium in Langensalza sind weder Schülerlisten vorhanden, noch liegen Informationen zu Ernst Christians dortigen Besuch vor, lediglich, dass er dort drei Jahre verweilte und das Spiel auf der Gambe erlernte, ist überliefert. Ein anderer Schüler dieser Schule, mehr als ein halbes Jahrhundert später, war Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811), der ab 1756 die Lateinschule besuchte.
Das Gymnasium, bzw. die Lateinschule von Langensalza wurde bis 1687 von Magister Johann Michael Gutbier geleitet, der im selben Jahr an das Gymnasium nach Weißenfels wechselte. Für die Jahre 1688 bis 1690 hat Magister Johann Samuel Olpe als Rektor vorgestanden, der danach das Pfarramt in Thamsbrück übernahm.
Demzufolge war Olpe der Rektor in Ernst Christians Zeit. Die Lateinschule befand sich ab der Gründung 1541 im Gebäude des heutigen Stadtmuseums, dem ehemaligen Augustinerkloster.
[… … …]. Von welchen dieser Lehrer Ernst Christian vorwiegend Unterricht erhielt, ist nicht zu ermitteln. Die Angaben zu seiner Zeit in Langensalza sind wohl aus Lebenserinnerungen überliefert. Nach etwa drei Jahren wechselte Hesse die Schule, sein weiterer Bildungsweg erfolgte in der Residenzstadt Eisenach, von Großengottern aus mit etwas mehr als einen halben Tag Fußmarsch zu erreichen.
Besuch des Gymnasiums Eisenach (1690- um 1692)
Der Besuch des Gymnasiums in Eisenach ist durch Schülerlisten nachweisbar. Die Zeit des Aufenthalts in Eisenach war sicher schwieriger als die in Langensalza, zumindest was die größere Entfernung zur Heimat betrifft. Sie begann für den Jugendlichen im Alter von 14 Jahren, wahrscheinlich nach seiner Konfirmation 1690, die althergebracht zu Palmarum vor Ostern erfolgte. [… … …].
Die Wege von Ort zu Ort, egal wie groß die Entfernung war, wurden im Allgemeinen zu Fuß absolviert. Fahrgelegenheiten mit Händlern oder Kaufleuten gab es seltener. Zwar fuhren Bauern und Händler von Gottern mit Pferdefuhrwerken zum Wochenmarkt nach Eisenach, selbst mit Schubkarren über die alten Wege durch den Hainich. Da ergaben sich Gelegenheiten zumindest für den Informationsaustausch. Auch der Fernhandel ging durch Großengottern auf der wichtigen Geleitsstraße zwischen der Freien und Reichsstadt Mühlhausen nach Norddeutschland und der Thüringen Metropole Erfurt, mit der Geleitstation in Gottern, die im engen Zusammenhang mit dem Geleit in Erfurt stand.
Für die Zeit am Eisenacher Gymnasium liegen zu Hesses Aufenthalt nicht nur Nachrichten aus Schülerlisten, sondern auch Inhalte zu den Lehrstoffen einiger Fächer vor. Es ist überliefert, dass Hesse in Eisenach neben dem Besuch des Gymnasiums auch Grundlagen für die Rechtswissenschaft erlangte und das Gambenspiel weiter betrieb, also parallel zur gymnasialen Ausbildung, die ja andere Bildungsinhalte hatte. Teile des „Lehrplans" der Sekundarstufe aus dem Jahr 1691 mit angehangener Schülerliste belegen das.
In der Zeit, als Hesse die Lateinschule in Eisenach besuchte, wurde die Schule von Rektor Heinrich Borstelmann geleitet (Rektor von 1656 bis 1697), [… …].
Unbekannt ist der Wohnsitz, wo und bei wem der junge Hesse Quartier bezogen hatte. Nichts findet sich zu seinem alltäglichen Umfeld, außer den Namen seiner Mitschüler.
Aus Schülerlisten späterer Jahrgänge geht hervor, dass auch mehrere Vertreter der Familie Bach, an vorderster Stelle Johann Sebastian Bach, dieselbe Schule besuchten. Hesses Schulzeit endete 1692, und Bachs Zeit begann 1693, sie sind Zeitgenossen, die sich vermutlich nicht begegneten. In den Bachbiographien wird die geschichtsträchtige Schule als Lateinschule und als Gymnasium bezeichnet.
Die Unterlagen des Gymnasiums geben mit den Namen der Schüler oft den Herkunftsort an, außer Ernst Christian Hesse, ist kein anderer Schüler aus Großengottern zu finden.
Die Schülerlisten führen „Ernst Christian Heß Megagotteranus" mehrfach mit Schülern aus Eisenach und anderen Orten auf.
Die vorhandenen Quellen beinhalten wie oben erwähnt Angaben zum behandelten Lehrstoff, unter anderem zu den Fachgebieten der Theologie, Latein, Griechisch, ….
Die Zusammenstellung der Schüler der Lateinschule erfolgte in drei Gruppen, vermutlich nach der Leistungsstärke (die Oberen [superiores], die Mittleren [medii] und die Unteren [inferiores]). Ernst Christian ist sowohl in der oberen als auch in der mittleren Gruppe nachweisbar. Zur Ausbildung bezüglich der Rechtswissenschaft und der Musik gibt es keine Angaben. Auch der zeitliche Abgang von Eisenach ist nicht datiert. In Hesses bekannten Biografien ist das Jahr 1692 verzeichnet.
Sein ungewöhnlicher Abgang, und der einiger seiner Mitschüler, ist in den Schulakten vermerkt. Die betreffenden Schüler, Ernst Christian eingeschlossen, haben sich ohne bei den Lehrern oder der Anstalt abzumelden verabschiedet „insalutatis praeceptoribus evaserunt" [… …]. Allerdings wirft die Eintragung - Abgang ohne Verabschiedung - unbeantwortbare Fragen auf. Ernst Christian hat demzufolge die Eisenacher Lateinschule ohne Abmeldung und somit auch ohne Zeugnis verlassen [„hat die Schule geschmissen"].
Dieser unangemeldete Abgang hätte in seiner vorigen Einrichtung, der Lateinschule zu Langensalza unangenehme Folgen gehabt, was es für Eisenach bedeutete, ist unbekannt.
[… … …].
In der Biografie von Pasqué ist zu lesen, der Ferienaufenthalt im Sommer 1692 bei einem Onkel in Frankfurt am M. (einem Händler auf der Zeil) gegenüber dem „Hessischen Hof", brachte ihm die Begegnung seines Lebens, die seinen künftigen Lebensweg gestalten sollte. Da befand sich der junge Hesse im 17. Lebensjahr. Sein vorzügliches Gambenspiel machte den regierenden Landgrafen, Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt aufmerksam, der im gegenüberliegendem „Hessischen Hof" zu gleicher Zeit residierte, und ihn wegen seiner Künste in Dienst nahm.
Hesses Begebenheit mit dem Landgrafen, wie sie romantisierend beschrieben ist, dürfte so nicht aufrecht zu halten sein. Es liest sich sehr schön und gefühlsbetont, von dem musikalischen Erlebnis und der Bewunderung des Talents Hesses durch den Landgrafen, der die schöne Musik der Gambe, die er selbst exzellent spielte, über die Straße aus einer Dachkammer mehrfach in der abendlichen Stille, in der Ernst Christian sein Instrument zum Klingen brachte, lauschen konnte.
Die Recherchen zu einem Onkel in den gegenüber liegenden Häusern des „Darmstädter
Hofes" auf der Zeil, ergaben keine treffenden Ergebnisse.
Unbekannt ist, wie der Landgraf auf Ernst Christian Hesse aufmerksam wurde. Grundsätzlich erregte er die Aufmerksamkeit durch seine Musik und der Landgraf förderte das Talent und bemühte sich um seine musikalische und beruflich-wirtschaftliche Entwicklung, er wurde 1692 in den Dienst des Landgrafen genommen.
Aber zur Ausbildung in der Jurisprudenz fehlen auch hier Angaben, wo und wann dies erfolgte. So soll der zeitweilige Aufenthalt in Gießen mit der Erweiterung der juristischen Studien verbunden gewesen sein, die Hesse dort zum Abschluss bringen konnte.
Die Tätigkeit in der fürstlichen Regierungskanzlei und am Musiktheater gehörte zu seinen Aufgaben, aber auch öfters Gambenspiel zur Unterhaltung des Landgrafen. Der Landgraf Ernst Ludwig verlagerte 1694 nach Beendigung der Kriegsturbulenzen (französische Kriege) seinen Hof wieder nach Darmstadt. Dies hatte zur Folge, dass auch für den nun 18jährigen Hesse als Accessist (Berufsanfänger) in der Fürstlichen Regierungskanzlei und als Gambist in der Hofkapelle Darmstadt sein Aufenthaltsort wurde, und Zeit seines Lebens trotz vieler Abwesenheiten blieb.
Im Jahr 1694 verstarb der Vater in Großengottern und 1695 folgte die Mutter. Ob Ernst Christian anlässlich der Trauerfeiern seiner Eltern, oder danach, in Großengottern weilte ist anzunehmen, aber nicht belegt.
Studium in Paris 1698-1701
Rückkehr nach Darmstadt [Herbst 1701]
Hesse heiratet in Darmstadts höchste Kreise [Anna Katharina Merck, oo1703; † 1713]
Hesses zweite Ehefrau [Johanna Elisabeth Döbricht, 1713]
Hesse und die „Döbrichtin"
Das Leben Ernst Christian Hesses stand unter einem besonders glücklichen Stern. Durch seine Begegnung mit dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt im Sommer 1692 in Frankfurt fand er einen Förderer und Mäzen seines Talents auf der Gambe, dass er auf dessen Gunst und mit persönlichem Fleiß, zu höchster Meisterschaft brachte, mit allen Ehren die ein Musiker erfahren kann.
Mit List ließ sich Hesse in Paris während seines mehrjährigen Studiums von den beiden bedeutendsten und miteinander konträr kommunizierenden Gamben-Lehrern unterrichten, dass sein besonderes Talent außerordentlich und im doppelten Sinne förderte.
In den historischen Lebensbeschreibungen zu Ernst Christian Hesse fehlen Angaben zum Studium der Rechtswissenschaften und den dienstlichen Aufgaben als Kanzleibeamter, mit Aufstieg bis zum Kriegsrat. Die Tätigkeit als Kriegsrat umfasste überwiegend die Beschaffung von Finanzmitteln für militärische Zwecke, so die Antwort auf eine Anfrage an das Hessische Landesarchiv Darmstadt.
Hesse spielte als Musiker auf der Gambe in vielen europäischen Fürsten- und Königshäusern
und fand, später meist gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Johanna Elisabeth höchsten Beifall und Ehren, verbunden mit Auszeichnungen, Geschenken und Stellengeboten auswärtiger Fürstenhöfe, mit denen er wiederum bei seinem Dienstherrn, dem Landgrafen zu Hessen-Darmstadt, seine dortige Stellung festigen konnte, der ihn auf keinen Fall abgeben wollte.
Hesses Familienleben spielt in den historischen Beschreibungen kaum eine Rolle, wäre aber, bei zwei Ehen und zwanzig geborenen Kindern interessant. Nicht nur Ernst Christian Hesse, sondern eine Reihe seiner Kinder und Kindeskinder erlangten höchste Ämter und Ehren, doch dies gehört auf ein anderes Blatt.
Verwunderlich ist, dass trotz der Berühmtheit Hesses kein Bildnis mit seinem Konterfei erhalten ist. {… … …]. Auch seine Gattin, Johanna Elisabeth, hinterlässt nur ein einziges Bildnis, das bekannte Alters-Porträt.
[… … …]
Wenn man fragt, was bleibt, so ist es erstmal sein Ruhm, der die Zeit überdauert hat und im schlummernden Bewusstsein der Geschichte seinen Platz gefunden hat. Er war ein Kind von Großengottern, der Spross einer alt verzweigten Bauernfamilie, deren Angehörige noch heute in Gottern und dem Umfeld weit verbreitet ansässig sind, und mit einer langen Reihe von Generationen in die Vergangenheit zurückreichen.
Von den Kompositionen Ernst Christian Hesses, die von seinen Biographen genannt wurden, sind nur wenige erhalten geblieben, und das ist ein Verlust, wie von heutigen Musikern, die sich damit intensiv beschäftigen, sehr bedauert wird.
Von seiner ersten Ehefrau Katharina, weiß man nicht allzu viel. Die zwanzig Kinder seiner zwei Ehen, elf dieser Kinder erlebten das Erwachsenenalter, brachten eine erhebliche Nachkommenschaft, deren Lebenskreise sich bis in den höchsten Schichten der Gesellschaft bewegten und bis in unsere Zeit wirken.
Ein besonderer Faktor von Hesses Leben, der Beachtung finden muss, ist die Stellung seiner zweiten Ehefrau. Während die meisten talentierten Frauen durch die Eheschließung mit markanten Männern ihre Kunst zurückstellten oder zu Gunsten des Mannes zurücktraten oder sogar durch den Ehegatten dazu gezwungen wurden, trat bei diesem Paar ein ganz anderer Effekt ein, die Kunst beider zeigte sich verstärkt, und wirkt summierent. Was den Charakter Ernst Christan Hesses in dieser Zeitepoche besonders erhöht, ist die Achtung und Bedeutung der Frau in der Familie und der Gesellschaft.
Das 350. Geburtstags-Jubiläum sollte genutzt werden, die Erinnerung an diesen Menschen tiefer in die Öffentlichkeit zu tragen und seine Tätigkeit in Musik und Gesellschaft mit besonderen Festivitäten zu würdigen.
Peter-Jürgen Klippstein/ Erfurt,
Gotterscher Heimathistoriker
Gekürzte Version (Text gekürzt, Wegfall aller Anmerkungen) aus
„Mühlhäuser Beiträge" [Heft 48/ 2025, Seite 265-288].