„Euch wächst es ja zu!“
Wie oft müssen die Heldrunger dies Äußerung hören, wenn sie auf den Wochenmärkten in den Städten den gerechten Preis für ihre mühselige Arbeit heischen. Wer sich einmal in Heldrungen umgesehen hat, dem wird dieser gedankenlos dahingesagte Vorwurf nicht wieder über die Lippen kommen. Der Beruf des Gemüse-gärtners ist schwer und verlangt viel mehr Kleinarbeiten und Sorgfalt als andere Zweige der Landwirtschaft.
Der Heldrunger Gemüsegärtner kennt keinen Achtstundentag; er muß in der Hauptsaison 14 bis 15 Stunden Tag für Tag arbeiten, bis sein Gemüse versandfertig ist, und es dann in den meisten Fällen auch noch selbst in die Städte bringen. Diese Tatsache sollten sich all im Gedächtnis halten, die nur zu gern die Höhe der Gemüsepreise bekritteln.
Heldrungen baut alle Gemüsearten, besonders aber Frühkartoffeln, Gurken und Zwiebeln an. Die ersten Frühkartoffeln, die die Heldrunger Gemüsegärtner für die nächste Aussaat vorgekeimt beziehen, kommen in günstigen Jahren bereits am Johannistag (also am 24. Juni) auf den Markt.
Der Fuhrverkehr mit Frühkartoffeln, der mit 120 Zentnern einsetzt und vier Wochen dauert, steigert sich dann auf 1000 Zentner bei jedem Markttag. Mitte Juni liefert Heldrungen auch die ersten Karotten, Kohlrabi und Salat.
In großen Sammelloren schafft die Reichsbahn das Heldrunger Gemüse nach Erfurt, Weimar und Apolda, nach Sondershausen, Sangerhausen und andere Thüringer Städte.
Wenn dann die großen Zwiebelmärkte in Weimar und Apolda, in Naumburg und Weißenfels mit den bekannten Zwiebelrispen beschickt sind, dann kommt für den fleißigen Heldrunger Gemüsegärtner die Arbeit des Einmietens. Überall sieht man jetzt dort in den Gärten über Möhren, Sellerie und Kohl die Mieten gerichtet, aus denen im Winter die Nachfrage nach Gemüse gedeckt wird. Daß diese Art der Überwinterung stark von der Witterung abhängt und viele Verluste bringen kann, ist eine weitere Sorge der Gemüsegärtner.
Wöchentlich 3.000 Zentner Gemüse nach Erfurt
Von der Leistungsfähigkeit dieser Gemüsezentrale erhält man erst einen Begriff, wenn Zahlen sprechen und zwar die neuesten aus diesem Jahr.
Von den 1.200 Morgen wurden 350 mit Frühkartoffeln bestellt, je 200 mit Gurken und Karotten, je 150 mit Zwiebeln und Sellerie und je 40 Morgen mit Meerrettich und Majoran. Geerntet wurden u.a. 14.000 Zentner Frühkartoffeln, 12.000 Zentner Gurken und je 9.000 Zentner Zwiebeln und Sellerie.
Von diesen riesigen Mengen an Kartoffeln und Gemüse erhält allein die Großstadt Erfurt im Sommer 60 Prozent; die übrigen 40 Prozent verteilen sich auf die Wochenmärkte in den genannten Thüringer Städten. 12 Loren Gemüse, das sind etwa 3.000 Zentner, gehen jede Woche nach Erfurt. Am Dienstag und Freitag herrscht auf dem Heldrunger Bahnhof von Mittag an bis in die Abendstunden besonders lebhafter Verladeverkehr, weil die Heldrunger für die Wochenmärkte in Erfurt rüsten. Sie übernachten in Erfurt und sind dann am Mittwoch und Sonnabend in aller Frühe zur Stelle, weil Erfurt auch der große Umschlagplatz für die Händler ist, die die Heldrunger Erzeugnisse für die gemüsearmen Orte im Thüringer Wald aufkaufen.
Besonders lebhaft ist auch der der Umsatz von Gurken. Obwohl zwei Gurken-Einlegereien in Heldrungen riesige Mengen direkt verwerten, werden von Ausgang Juli bis Ende August wöchentlich 10 bis 12 Waggons grüne Gurken vom Bahnhof verschickt.
Industrie fehlt fast ganz
Das einzige industrielle Unternehmen, das Heldrungen besitzt, ist das große Kieswerk, das seit 25 Jahren auf dem Gelände zwischen dem Bahnhof und der Stadt arbeitet und durch Naßbaggerung aus ansehnlichen Tiefen ausgezeichnetes Material für die Reichsbahn und für Betonbauten zutage fördert. Im Zweischichten-System finden hier bei Hochbetrieb 60 Mann ihr Brot. Die Reichsbahn liefert das Material zur Auffüllung der riesigen Löcher, die Schwimm- und Trockenbagger in dieses sechzig Morgen umfassende Ausbeutungsgelände reißen.
Die großen Kalischächte im benachbarten Oberheldrungen, Hauteroda und Oldisleben, die vielen Heldrungern Arbeit gaben, liegen schon seit langem still. Es war ein schweres Beginnen, die 150 bis 200 dadurch brotlos gewordenen Familien, von denen die meisten sich vor acht Jahren in Heldrungen angesiedelt hatten, für andere Berufe umzuschulen. Aber die hohe Erwerbslosenzahl, die vor 1933 bestand, ist Gott sei Dank bis auf wenige Ausnahmen beseitigt. Die Stadt, die heute einen mit 203.000 Mark ausgeglichenen Haushaltsplan besitzt, hat durch umfangreiche Arbeitsbeschaffung die Not zu lindern verstanden.
100.000 Mark für Notstandsarbeiten
Die Wohlfahrtslasten konnten dadurch erheblich gemindert werde, daß die Stadt in diesem Jahre 100.000 Mark für Notstandsarbeiten ausgegeben hat. Neben der Erweiterung und Veredelung der großen städtischen Obstplantagen ist hier der Ausbau der Straßen in der Siedlung und der Straße Heldrungen - Braunsroda, die innere und äußere der Volksschule und die Regulierung des Helderbaches zu erwähnen. Das Arbeitsdienstlager, das 1934 von Zeitz nach Heldrungen verlegt wurde, übernahm außerdem die Regulierung sämtlicher Gräben in der Feldmark und beteiligte sich auch an Straßenbauten; seit dem Sommer dieses Jahres ist das Lager in die Nähe von Merseburg zurückverlegt worden, weil die geplante Regulierung der Unstrut von Gorsleben bis Bretleben und die Regulierung der Wallgräben um das Schloß Heldrungen infolge der hohen Kosten noch nicht die Genehmigung der Regierung gefunden haben.
Zurzeit wird die Kantorstraße, der Weg zur Schule, neu hergerichtet. Und 20 Notstandsarbeiter sind damit beschäftigt neben der Reichsstraße, die dir zum Bahnhof führt, noch vor Eintritt der Frostperiode einen Fußgänger- und Radfahrweg fertigzustellen. Er soll die Gefahren bannen, die der lebhafte Gemüse-Fuhrverkehr zum Bahnhof mit sich bringt, und namentlich auch den 80 am Bahnhof wohnenden Familien dienen, deren Kinder diese stark belebte Straße zum Schulbesuch in Heldrungen benutzen müssen.
So zeigt sich das fleißige Heldrungen, das über Gas und Elektrizität verfügt und sich bereits 1926 mit einem Kostenaufwand von einer Viertelmillion ein eigenes Wasserwerk schuf, als aufstrebende Kleinstadt. Sinnbild ihrer Arbeitsfreude und ihres Wohlstandes ist die im schmucken Rathaus untergebrachte Stadtsparkasse, die im Vorjahre einen Jahresumsatz von über 4,6 Millionen Mark erzielte.
Früher besaßen alle fünf Städte des Kreises Eckartsberga ein derartiges Geldinstitut. Die Heldrunger Stadtsparkasse hat als einzige ihre Lebensfähigkeit bewiesen.
Die Heldrunger sind mit Recht stolz darauf.
Hs.
Ende