Für unsere jüngeren Leser wurde der Text in heutiger lateinischer Schrift wiedergegeben. Rechtschreibung und Grammatik sind original erhalten.
R. Schröder
Die alte Siedlung in der Unstrut-Aue
Von unserem nach Heldrungen entsandten Redaktionsmitglied
An der Thüringer Pforte
Für den Reisenden, der von Erfurt nach Sangerhausen fährt, ist es immer ein kleines Erlebnis, wenn nach der Eintönigkeit des sanften Hügellandes die Vorberge der Hainleite und der Schmücke auftauchen und die bewaldeten Hänge dieser Höhenzüge dann, fast unvermittelt, ins Abteil grüßen. Malerisch stehen über der Unstrut. Die sich durch die Enge dieses Tals ihren Weg gebahnt hat, die Ruinen der beiden Sachsenburgen, die mit ihrem trutzigen Bergfried ehedem den Eingang zu dieser "Thüringer Pforte" mühelos beherrschen. Ein reizvolles Bild, das immer wieder fesselt.
Wenige Minuten später hält der Zug in Heldrungen. Ein Bahnhof wie jeder andere tut sich auf, aber die vielen abgestellten Güterwagen deuten schon auf den lebhaften Umschlagsverkehr hin, den er für die Gemüsestadt leistet, die sich in zwei Kilometer Entfernung im fruchtbaren Tal der Unstrut breitet.
Dieser Bahnhof ist der Lebensnerv dieser Gemeinde und ihr Stolz; denn im ganzen Kreis Eckartsberga mit seinen fünf Städten und 74 Dörfern kann sich allein Heldrungen einer Haupteisenbahnstrecke und sogar einer Eilzugverbindung rühmen.
Alter Reichssitz
Asphaltstraßen darf man in Heldrungen nicht erwarten. 60 Prozent der 3000 Einwohner gehören dem Gärtner- und Landstande an, 20 Prozent sind Arbeiter. Der Rest setzt sich aus Handel- und Gewerbetreibenden, Beamten und Angestellten zusammen. So formt sich das Bild einer fleißigen Landstadt, deren Straßen lebhaften Fuhrverkehr erleben und dadurch besonders stark abgenutzt werden. Verheißungsvolle Anfänge zur Verbesserung des Straßenpflasters sind aber im Gange. Vor allem ist dringend zu wünschen, daß die Hauptstraße (im Zuge der Fernverkehrsstraße Erfurt - Sangerhausen-Magdeburg) recht bald in den Zustand versetzt wird, der ihrem starken Verkehr entspricht.
Was heute Heldrungen heißt, ist die dritte Ansiedlung dieses Namens. Schon das Hersfelder Zehntenverzeichnis mit seinem wertvollen Urkundenmaterial über die frühen Besitzverhältnisse Thüringens nennt Heldrunga als alten Reichsbesitz. Unter dem Namen Haldrungin erscheint es in einer Urkunde von1004. Diese Siedlung lag nordwestlich von der heutigen Stadt, nach Oldisleben zu. Als dann die Burg Heldrungen unweit davon erbaut wurde, stellten sich die Bewohner unter ihren Schutz und siedelten sich neben der Burg an.
Aber auch dieser zweite Ort wurde wieder verlassen, als im 16. Jahrhundert die Grafen von Mansfeld die Burg zu einem festen Schloss ausbauten und dazu den gesamten Grund und Boden brauchten. Damals entstand der heutige Ort, dem Kauser Karl V. im August 1530 in einer heute noch im preußischen Staatsarchiv in Magdeburg erhaltenen Urkunde das Stadtrecht verlieh und die Erlaubnis erteilte Wochenmärkte abzuhalten.
Das sehenswerte Schloss
Der Stolz der Heldrunger auf ihr Schloss, dessen Geschichte mit der der Stadt aufs engste verbunden ist, wird dem verständlich, der zum ersten Mal die Großzügigkeit dieser Burganlage auf sich wirken lässt. Selten findet man in Thüringen ein solches Musterbeispiel einer guterhaltenen Wasserburg. Ein schmaler Damm und eine malerische Steinbrücke leiten über den breiten Graben, der das Schloss rings umgibt, und führen durch den mächtigen Torbau in den Hof, den riesige Bastionen decken. Uralte Bäume recken ihr Gezweig über die Proviant- und Wirtschaftsgebäude, schmücken die Gärten, die sich auf diese Insel inmitten der Erdwälle dehnen. Und über allen steht in malerischer Massigkeit das Schloss mit seinen breiten Fensterfronten, Erkern und hohen Giebeln.
Daß um diese stattliche Festung, die Graf Ernst von Mansfeld 1519 vollendete, oft heiß gestritten wurde, ist verständlich. Die Bauernkriege tobten vor ihren Mauern. Thomas Münzer wurde nach der Schlacht bei Bad Frankenhausen im Heldrunger Schloßturm gefangen gehalten und dann von hier dem Scharfrichter in Mühlhausen ausgeliefert. Die Stürme des 30jährigen Krieges legten das Schloss mehrmals in Trümmer. Wie stark diese Festung aber nach der viermaligen Belagerung neu erstand, zeigen die alten Stiche, die die man im Heldrunger Rathaus und in Heldrunger Gaststätten zu sehen bekommt. Lange blieb sie ein wichtiger militärischer Stützpunkt.
Vielen wird unbekannt sein, daß das Schloß Heldrungen erst 1860 aus der Reihe der Festungen gestrichen wurde.
Die Baulichkeiten, die wir heute sehen, stammen erst aus der Zeit um 1665.
Die Stille Behördenarbeit des Amtsgerichts, der Oberförsterei und der Forstkasse erfüllt heute die Räume, die so viel militärisches Treiben sahen.
Weit schweift der Blick aus den Fenstern dieser Amtsstuben über die goldene Aue und lässt ermessen, welche Bedeutung die Burganlage einst für diese Gebiet hatte.
Seit Jahrhunderten Gemüseanbau
Auf dem fruchtbaren Schwemmland der Unstrut und des Helderbaches, der durch Heldrungen fließt, erwuchs vor 300 bis 400 Jahren der Haupterwerbszweig dieser Stadt: der Gemüseanbau.
Planmäßige Entsumpfung und Bodenverbesserungen brachten immer größere Gewinnmöglichkeiten.
Heute baut Heldrungen rund 1200 Morgen Gemüse, und zwar feldmäßig, also ohne Gewächshäuser, an. Rund 160 Mittel- und Kleinbetriebe sind daran beteiligt, in der Mehrzahl kleine Gärtner, die 10 bis 20 Morgen Pachtland besitzen. Da der Morgen 60 bis 70 Mark Pacht kostet, und die Ausgaben für Samen, Saatgut und Düngung hohe Summen erfordern, können sich die wenigsten dieser Gärtner fremde Arbeitskräfte leisten. Die ganze Familie, Frau und Kinder, stehen mit im Kampf um das tägliche Brot.
Schwere Zeiten haben die Heldrunger Gemüsegärtner durchgemacht. Noch vor wenigen Jahren mussten sie die Mohrrüben einfach auf dem Felde stehen lassen und im Herbst umpflügen, weil durch die ungehemmte Auslandseinfuhr an Gemüse der Erlös in keinem Verhältnis zu den Transportunkosten stand. Auch die langanhaltende Trockenheit dieses Jahres brachte mancherlei Sorgen. Mehr als jeder andere Beruf hängt die Gemüsegärtnerei ja vom Wetter ab.
Fortsetzung folgt.