Das Schriftsteller-Ehepaar Gisela Rein und Claus Irmscher waren am 7. November 2023 ins Literaturmuseum „Theodor Storm“ gekommen. Ihre Lesung war der Auftakt im Herbst 2023 in der Reihe „Zum Tee bei Storm“.
Eine Ziege kam in die Stadt der Möhrenkönige. Aus Ziegenrück im Saale-Orla-Kreis hatten die Gäste diese hübsche Symbolfigur ihrer Stadt als Geschenk für das Stormmuseum mitgebracht.
Stammgäste wissen es: Einer inzwischen schon lange guten Tradition folgend laden das Team des Literaturmuseums und der Stormverein im Winterhalbjahr an verschiedenen Dienstagen zur Nachmittagsstunde in den Museumskeller ein. „Zum Tee bei Storm“ sind diese Veranstaltungen überschrieben. Aus Storm-Briefen ist bekannt, wie gut dem Dichter Theodor Storm die nachmittäglichen Teestunden im Kreise seiner Lieben gefallen haben.
Zum Auftakt der Saison 2023/2024 begrüßte am Dienstag, 7. November 2023, Museumsleiter Dr. Gideon Haut zwei Gäste aus dem Saale-Orla-Kreis. Das Autoren-Ehepaar Gisela Rein und Claus Irmscher hatte nicht nur einen Koffer voller Bücher mitgebracht, sondern auch als originelles Gastgeschenk fürs Museum in der Stadt der Möhrenkönige eine Ziege aus Plüsch. Auf einer Schleife übermittelt sie Grüße aus Ziegenrück, der Stadt, in der das Ehepaar zu Hause ist. Außer ins Stormmuseum führte Gisela Rein, geboren in Nordhausen, und Claus Irmscher, geboren in Leipzig, ihr Weg in verschiedene Eichsfelder Schulen, als Schriftsteller und als Zeitzeugen für ihr Leben in einem Staat, den die Schülerinnen und Schüler selbst nie kennengelernt haben.
Bei der Lesung im Museum wurde ebenfalls deutlich: Da stießen zwei Menschen in der DDR immer wieder an ihre Grenzen, verhielten sich nicht so, wie staatliche Stellen von ihnen erwarteten, wurden als systemkritisch angesehen, weil sie eigene Vorstellungen vom Sozialismus und von Demokratie verwirklichen wollten. Claus Irmscher - er ist außer Schriftsteller Verleger (Espero-Verlag) - hat vierzehn Jahre im damaligen Kreis Heiligenstadt gearbeitet: in Heiligenstadt und die meiste Zeit, fast elf Jahre lang, in Bodenrode. Ausgesucht hatte er sich das nicht. Als Bürgermeister im Eichsfelddorf war die Zusammenarbeit mit Mitgliedern aller im Ort vertretenen Parteien sein Ziel. Mehr als einmal musste er sich in den eigenen Reihen auseinandersetzen mit jenen, die mit ihren irrigen Ansichten die Entwicklung des Sozialismus mehr hemmten als voranbrachten, sich am liebsten auf eingefahrenen Gleisen bewegten.
„Jugendjahre eines Sturkopfs“ und „Mannesjahre eines Sturkopfs“
Seine Kindheit und Jugend und sein Erwachsenenleben hat Claus Irmscher in je einem autobiografischen Roman verarbeitet. Aus beiden Büchern las er vor, ergänzte mit Erzähltem. Das Buch „Mannesjahre eines Sturkopfs“ hat, wie schon der Titel besagt, Jahre des Erwachsenseins zum Inhalt. „Jugendjahre eines Sturkopfs“ berichten von der aufregenden, komplizierten Kindheit. Wie muss sich ein Kind fühlen, das bis ins Jugendalter umhergestoßen, in der Verwandtschaft weitergereicht wird wie ein Gegenstand? Beide Eltern waren früh verstorben, an Krankheiten, für die es noch kaum Heilungsmöglichkeiten gab. Noch nie hatte er sein Waisendasein so schlimm empfunden wie bei der Tante, die ihn zuletzt aufgenommen hatte, ihn behandelte wie etwas Ungeliebtes, Unbrauchbares. Und dann deren Offenbarung: Sie ist seine leibliche Mutter, hat ihn weggeben an zwei Menschen, die keine Kinder bekommen konnten.
Flug eines jungen Falken
Im Gepäck hatten die Gäste auch das Foto eines jungen Mannes mit schönen langen Locken. Gisela Reins Sohn Peter kann nicht mehr über sein Leben in der DDR sprechen; er ist schon lange tot. Sein Schicksal war Gisela Rein Anlass, den Tatsachen-Roman „Falkenflug - eine verlorene Jugend in der DDR“ zu schreiben. Für die Vorstellung des Buches wählte sie den Udo-Lindenberg-Titel „Hinterm Horizont geht’s weiter“. Peter galt in den 1970er Jahren als „auffällige Person“ im Staat, als unangepasst. Er liebte seine Frisur, trug am liebsten Jeans, traf sich mit westdeutschen Freunden, was als „Zusammenrottung“ galt. Alles das, was er sich wünschte, äußerte er nicht etwa nur im stillen Kämmerlein, sondern offen und laut. Frei und ohne Zwang bewegen wollte er sich; reisen, wohin er Lust hatte. Sein Traum: Einmal in Amerika sein. Das waren seiner Meinung nach alles keine unmöglichen Wünsche und Forderungen. Als sein bester Freund, ein Pfarrerssohn, nicht mehr an seiner Seite war, weil er und dessen Familie mit behördlicher Genehmigung in die Bundesrepublik ausreisten, litt er darunter. Ersehnte Besuche kamen nicht zustande, Briefe wurden kontrolliert. Zweimal verbüßte Peter eine Gefängnisstrafe. Der Personalausweis wurde ihm weggenommen. Gern hätte er auch im Gefängnis viel gelesen, aus Büchern gelernt. Doch wie sollte das gehen, zusammen mit elf weiteren Gefangenen in einer Zelle? Nicht heiter, sondern ernst und des Nachdenkens wert verlief der Nachmittag. Museumsleiter Dr. Gideon Haut und Dietrich Seifert als Theodor Storm unterstrichen, mit solchen Veranstaltungen werde Zeitgeschichte vermittelt.
Text und Fotos: Christine Bose