Bild 1 - Johann_Baptist_Graser
Bild 2 - Altes Seminargebäude
Bild 3 - Taubstummenanstalt 1898
Bild 4 - Thüringer Taubstummenanstalt 1923
Bereits in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in einigen Deutschen Staaten Taubstummenschulen, die mit den bestehenden Lehrerseminaren verbunden waren. Grundlage für diese Symbiose war ein Vorschlag des in Bayreuth wirkenden Kreisschulrates Johann Baptist Graser (1766-1841) (Bild 1), der sich maßgeblich für eine Reformierung des rückständigen Volksschulwesen in Oberfranken einsetzte und die Gründung von rund 150 Volksschulen in jener Region veranlasste.
Ebenso engagierte er sich für eine bessere Ausbildung der Lehrer. Er vertrat auch die Auffassung, dass taubstumme Kinder zugleich mit vollsinnigen Kindern unterrichtet werden könnten und man die Volksschullehrer entsprechend dafür befähigen müsse. Schon seit 1836 gab es auch im Herzogtum Sachsen-Meiningen Bestrebungen zur Gründung einer Taubstummenschule in Verbindung mit dem Hildburghäuser Lehrerseminar. Am 22. Februar 1843 kam es dann schließlich zur Eröffnung der Taubstummenschule am hiesigen Lehreseminar mit zunächst aber nur 7 Schülern. Die Schule verfügte im Gebäude des alten Seminars in der Schleusinger Straße (Bild 2) über eigene Räumlichkeiten.
Erster Lehrer an der Taubstummenschule war Johann Daniel Heil (geb. 1818 in Einhausen und gest. 1888 in Hildburghausen). Heil war von 1836 bis 1839 selbst Seminarist in Hildburghausen und danach Hauslehrer in Erfurt, bevor er 1842 als Hilfslehrer nach Hildburghausen berufen wurde. 1843 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Seminarlehrer und Taubstummenlehrer. Heil verfügte über eine spezielle Ausbildung zur Unterrichtung taubstummer Kinder, die auf der sogenannten deutschen Methode, der Lautsprachmethode, basierte (im Gegensatz zur französischen Methode, deren Grundlage die künstliche Gebärdensprache war).
Direktoren der Taubstummenschule waren stets die jeweiligen Seminardirektoren. Von 1843 an war Daniel Heil zunächst der einzige Lehrer an der Taubstummenschule. Erst 1862 erhielt er Emil Ehrhardt (seit 1859 als Lehrer an der Übungsschule tätig) als Hilfslehrer an der Taubstummenschule zur Seite gestellt. An dessen Stelle als Hilfslehrer trat 1875 Karl Friedrich Beer, der ab 1877 als ordentlicher Seminar- und Taubstummenlehrer beschäftigt wurde. Sowohl Emil Ehrhardt als auch Karl Friedrich Beer waren vor Eintritt in das Berufsleben Schüler des Hildburghäuser Seminars gewesen.
Im Februar 1887 wurde im Herzogtum Sachsen-Meiningen per Gesetz die Schulpflicht auch für taubstumme Kinder eingeführt. 1888 trat Daniel Heil in den Ruhestand. Mit Einführung der Schulpflicht für taubstumme Kinder setzten sich Heil’s Nachfolger Karl Friedrich Beer und Karl Steinrück aktiv und mit Erfolg für eine Trennung der Taubstummenschule vom Seminar ein.
Im Jahr 1890 wurden die Seminaristen von der Verpflichtung, am Unterricht in der Taubstummenschule teilzunehmen, entbunden. Mit dem Neubau der Schulgebäude für das Seminar (1897-1899) erfolgte auch die räumliche Trennung der Taubstummenschule von der Seminarschule.
So erhielt die Taubstummenschule im 1898 bezogenen Gebäude der Übungsschule (Bild 3) eigene Räumlichkeiten zugewiesen, die bis 1919 genutzt wurden.
Im Oktober 1919 erwarb der Freistaat Thüringen das Gebäude des Kupferstechers Franz Doeleke in der damaligen Georgstraße 37 (Bild 4) (heute Dr. Moritz-Mitzenheim-Straße 22 - Sitz der Polizeiinspektion).
Am 1. April 1920 erfolgte die vollständige Trennung von Seminar und Taubstummenschule und das Gebäude in der Georgstraße 37 wurde Sitz der Hildburghäuser Taubstummenschule. Die Leitung der Schule wurde dem 1. Taubstummenlehrer Karl Beer übertragen. Auch in der Unterrichtsgestaltung gab es während der Zeit des Bestehens der Schule Veränderungen. So wurde 1893 eine 3. Klasse eingeführt. Im Jahr 1909 wurde anstelle der bisherigen 6-jährigen Schulpflicht für Taubstumme die 8-jährige Schulpflicht eingeführt, in Folge dessen es zur Einrichtung einer 4. Klasse kam. Schließlich wurde im Jahr 1923 noch eine 5. Klasse gebildet. Dies führte zwangsläufig auch zu einer Erweiterung der Schülerzahlen und des Lehrkörpers.
Während 1913 vier Lehrer an der Taubstummenschule unterrichteten, waren es 1924 bereits sechs Lehrer, darunter eine Lehrerin. Etwa 1934 wurde die Taubstummenschule geschlossen; in das Gebäude zog nun das Thüringer Hochbauamt ein.
Burkhard Knittel