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Kahlaer Nachrichten
Ausgabe 16/2026
Nachrichten aus dem Rathaus
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Kommunale Grünflächenpflege in Kahla: Mehr Artenvielfalt bei gleichem oder geringerem Pflegeaufwand

Unsachgemäße Vollmahd einer öffentlichen Grünfläche kurz vor einer Hitzeperiode. Der Verlust von Vegetationsstruktur verschärft Trockenstress und mindert die ökologische Funktion der Fläche erheblich.

Was manche als „unordentlich“ wahrnehmen, ist in Wirklichkeit ökologisch wertvoll. Selbst verblühte Pflanzen bieten Lebensraum, schützen den Boden vor Austrocknung und tragen zur Klimaanpassung bei. Ordnung darf nicht wichtiger sein als Funktion.

Die Stadt Kahla verfügt über mehr als 11 Hektar kommunale Grünflächen, die durch den Bauhof gepflegt werden. Bereits die Grünflächenanalyse des Bauhofes zeigte, dass insbesondere die Pflege von Rasenflächen, Verkehrsbegleitgrün, Gehölzen und Baumscheiben einen erheblichen Teil der verfügbaren Arbeitszeit beansprucht. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass viele Flächen unterschiedliche Nutzungsansprüche besitzen und daher nicht überall dieselbe Pflegeintensität erforderlich ist.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass viele Insektenarten die im Winter stehen gebliebene Vegetation als Überwinterungsquartier nutzen. Die Forschungsarbeiten von Haitzer & Obermaier (2026) konnten zeigen, dass der Schlupf überwinternder Insekten von Mitte März bis Ende Juni andauert und eine zu frühe Mahd einen erheblichen Verlust an Insektenpopulationen verursachen kann.

 

 

Für Kahla ergibt sich daraus die Möglichkeit, Naturschutz, Klimaanpassung und wirtschaftliche Grünflächenpflege miteinander zu verbinden.

Das Prinzip der Mosaikmahd

Die sogenannte Mosaikmahd bedeutet, dass nicht mehr die gesamte Fläche gleichzeitig gemäht wird.

Stattdessen werden:

70 bis 90 % einer Fläche regulär gepflegt,

10 bis 30 % als Altgrasstreifen oder Rückzugsflächen stehen gelassen,

die ungemähten Bereiche jährlich gewechselt.

Dadurch entstehen ganzjährig Lebensräume für:

Wildbienen, Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken, zahlreiche weitere Bestäuber.

Die wissenschaftliche Untersuchung in Bayreuth konnte nachweisen, dass bei einer Mahd Anfang Mai erst rund 40 % der überwinternden Insekten geschlüpft waren. Anfang Juni lag dieser Anteil bei etwa 68 %. Daraus leiten die Autorinnen die Empfehlung ab, Überwinterungsrefugien möglichst bis Anfang Juli stehen zu lassen.

Diese Ergebnisse bestätigen frühere Untersuchungen von Unterweger et al. (2018), Buri et al. (2013) und Humbert et al. (2012), die zeigten, dass Altgrasstreifen und ungemähte Rückzugsflächen die Artenvielfalt und Überlebensrate vieler Insektengruppen deutlich erhöhen.

Was bedeutet das für Kahla?

Eine naturnahe Pflege bedeutet nicht automatisch mehr Arbeit.

Im Gegenteil: Viele der bisherigen Landschaftsrasenflächen, beispielsweise an den Saalewiesen, der Griesspitze, im Bereich Eichicht oder an Verkehrsrandflächen, können zukünftig mit geringerer Mähhäufigkeit gepflegt werden.

Dadurch reduzieren sich: Arbeitsstunden, Maschinenlaufzeiten, Kraftstoffverbrauch, Verschleißkosten.

Bereits die Bauhofanalyse im Jahr 2017 zeigte, dass insbesondere das Verkehrsbegleitgrün und die regelmäßig gemähten Rasenflächen überdurchschnittliche Pflegeaufwendungen verursachen. Eine teilweise Umstellung auf extensive Pflegeformen bietet daher sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Vorteile.

 

 

Der Insektentaschenrechner: Artenvielfalt sichtbar machen

Zur Veranschaulichung der ökologischen Wirkung wurde hat Kahla den neulich entwickelten Insektentaschenrechner für die eigenen Flächen genutzt.

Er ersetzt keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse in ein leicht verständliches Werkzeug für Bürger, Politik und Verwaltung.

Die Grundlage bilden die Ergebnisse aktueller Forschungsarbeiten zur insektenfreundlichen Mahd. Diese zeigen, dass jede Fläche mit überwinternder Vegetation einen wichtigen Lebensraum für zahlreiche Insektenarten darstellt.

Beispiel:

Auf einer Grünfläche von 5.000 m² werden 20 % der Vegetation als Winterrefugium stehen gelassen.

Das entspricht:

1.000 m² zusätzlichem Überwinterungsraum für Insekten.

Der Insektentaschenrechner macht sichtbar, welche ökologische Leistung dadurch entsteht:

•

mehr Bestäuber für Wild- und Kulturpflanzen,

•

mehr Nahrung für Vögel,

•

höhere biologische Vielfalt,

•

bessere ökologische Vernetzung im Stadtgebiet.

Wichtig ist dabei: Der Insektentaschenrechner liefert keine exakte Anzahl von Insekten, sondern verdeutlicht die Größenordnung der geschaffenen Lebensräume.

Er dient somit als Kommunikations- und Entscheidungsinstrument für eine naturverträgliche Grünflächenpflege.

Vorteile für die Bürgerinnen und Bürger

Die neue Pflegephilosophie bedeutet ausdrücklich nicht „ungepflegte Flächen“.

Vielmehr werden die unterschiedlichen Funktionen der Grünflächen berücksichtigt.

Repräsentative Bereiche:

•

Sportplatz,

•

Teile des Rosengartens,

•

Spielplätze,

•

Innenstadtbereiche,

bleiben weiterhin besonders gepflegt.

Naturnahe Bereiche wie die Saalewiesen, die Griesspitze oder auch Böschungen und Randbereiche von Verkehrsflächen werden zukünftig stärker als Lebensräume für Pflanzen und Tiere entwickelt.

Dadurch entstehen: längere Blühzeiten, attraktivere Landschaftsbilder, mehr Naturerlebnis, höhere Klimaresilienz, sowie ein höherer ökologischer Wert der Flächen.

Beitrag zur Klimaanpassung:

Artenreiche Wiesen und Altgrasbereiche leisten einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel:

•

bessere Wasserspeicherung,

•

geringere Bodenaustrocknung,

•

höhere Verdunstungsleistung,

•

Kühlung des Mikroklimas,

•

Förderung natürlicher Bestäuberpopulationen.

Sie unterstützen damit die Anpassung der Stadt Kahla an zunehmenden Trockenperioden und Wetterextremen. Gleichzeitig fördern sie die Widerstandsfähigkeit städtischer Ökosysteme.

Fazit für Kahla:

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen eindeutig: Nicht jede Grünfläche muss überall und jederzeit kurz gemäht werden.

Durch ein intelligentes Mosaik-Mahdkonzept mit Überwinterungsrefugien, extensiv gepflegten Wiesen und gezielt eingesetzten Altgrasstreifen kann Kahla:

•

die biologische Vielfalt fördern,

•

die Lebensbedingungen von Insekten verbessern,

•

Arbeitsaufwand und Betriebskosten reduzieren,

•

das Stadtklima stärken,

•

die Ziele einer modernen und nachhaltigen Stadtentwicklung unterstützen.

Jeder stehen gelassene Altgrasstreifen ist dabei kein Ausdruck unterlassener Pflege, sondern ein bewusst geschaffener Lebensraum für die Tierwelt unserer Stadt. Genau diesen Zusammenhang macht der Insektentaschenrechner sichtbar.

Wir empfehlen allen Kahlaer Bürgerinnen und Bürgern, sich mit den aktuellen Forschungsergebnissen zur insektenfreundlichen Mahd auseinanderzusetzen und entsprechende Maßnahmen, soweit möglich, auch auf privaten Grundstücken umzusetzen. Jeder Quadratmeter, der Insekten eine Überwinterung ermöglicht, trägt zum Erhalt unserer heimischen Artenvielfalt bei.

Quellen:

•

Haitzer, A. & Obermaier, E. (2026): Insektenfreundliche Mahd: Untersuchung zum optimalen Mahdzeitpunkt für Überwinterungshabitate von Insekten. Anliegen Natur 48(2).

•

Unterweger, P. A. et al. (2018): Insect hibernation on urban green land. BioRisk 13.

•

Buri, P. et al. (2013): Delaying mowing and leaving uncut refuges boosts orthopterans in extensively managed meadows. Agriculture, Ecosystems & Environment.

•

Humbert, J.-Y. et al. (2012): Uncut grass refuges mitigate the impact of mechanical meadow harvesting on orthopterans. Biological Conservation.

•

Stadt Kahla (2017): Grünflächenpflege des städtischen Bauhofs - Stellenbemessung und verfeinernde Aufgabenanalyse.