Auf Französisch hat Catherine Schweisshelm (links) die Informationen im Grenzturm-Museum übersetzt und an die Vereinsvorsitzende Karina Schlothauer übergeben.
Regionale Schicksale enthält dieser neue Info-Block im Mahnmal Grenzturm.
Der einstige Führungspunkt der DDR-Grenztruppen im Südeichsfeld.
Von Reiner Schmalzl
Wendehausen/Katharinenberg. Als Botschafterin für ihre Sprache und die Kultur ihres Heimatlandes wirkt die Französischlehrerin und Dolmetscherin Catherine Schweisshelm inzwischen mehr als 30 Jahre in Eschwege und bei den verschiedensten Begegnungen. Als sie sich im zurückliegenden Winter jedoch mit einem völlig unbekannten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte konfrontiert sah, war sie gleich in mehrfacher Hinsicht sprachlos. Denn wie übersetzt man Zwangsaussiedlungen und kaum zu begreifende Nacht-und-Nebel-Aktionen an unbescholtenen Familien mit ihren verängstigten Kindern? Warum war die Grenze zum Westen so schwer überwindbar?
Der Heimatverein Wendehausen hatte nämlich Catherine Schweisshelm als Übersetzerin für die Dokumentations-Mappen und Audiopräsentationen im Mahnmal Grenzturm oberhalb von Wendehausen und Katharinenberg gewinnen können. Als ihr nach der Fertigstellung des Projekts nochmals einige Schicksale von 1952 und 1961 zwangsausgesiedelten Familien aus Wendehausen, Hildebrandshausen und Faulungen bewusst wurden, bekam die Französin Gänsehaut an den Armen. „Und die Angst der Menschen, dass sie damals keinem in den Dörfern trauen konnten."
Besucherinnen und Besucher der ehemaligen Führungsstelle der DDR-Grenztruppen können künftig also einen QR-Code mit dem Smartphone scannen und nach einer kurzen Audio-Präsentation die Erläuterungen auf Französisch oder auch auf Englisch empfangen. „Wir sind Catherine Schweisshelm sehr dankbar und froh darüber, dass wir unseren internationalen Gästen diesen neuen Service anbieten können", meint Karina Schlothauer als Vorsitzende des Heimatvereins.
Neu ist weiterhin eine Art Litfasssäule beziehungsweise Info-Block mit Vorfällen am früheren Todesstreifen. So sind auf einer interaktiven Karte des Bürgerkomitees Thüringen dramatische Ereignisse dokumentiert. Am 2. Juli 1983 wurden beispielsweise Dieter N. aus Heyerode und Rudolf H. aus Katharinenberg beim Versuch, etwa 900 Meter nordwestlich von Katharinenberg den Grenzzaun mit Selbstschussanlagen zu übersteigen durch Splitterminen verletzt und von Sicherungsposten festgenommen. „Die operative Behandlung der Verletzungen erfolgte im Kreiskrankenhaus Mühlhausen und im Haftkrankenhaus Berlin", geht aus dem Bericht der Staatssicherheit (Stasi) hervor.
Ein 28-jähriger DDR-Bürger hatte am 30. März 1986 mit Hilfe eines selbstgefertigten Hakens den sogenannten Signalzaun noch vor dem eigentlichen Grenzzaun überwunden. „Er wurde von Abriegelungskräften festgenommen", heißt es wörtlich in dem Stasi-Bericht. Bereits zehn Tage zuvor war zwei 19 und 22 Jahre alten DDR-Bürgern die Flucht über die Grenze in den Werra-Meißner-Kreis gelungen.
Seit einigen Monaten steht bereits mit der App „Grenzwandler" eine neue Multimedia-Tour zur Verfügung, die den historischen Grenzverlauf im Südeichsfeld erlebbar macht. Zwei Routen sind wählbar - ein Rundgang über 2,5 Kilometer oder eine knapp sechs Kilometer lange Tour bis zum ehemaligen Gut Karnberg. Unterwegs erfahren die Teilnehmenden nicht nur Wissenswertes über das Grenzregime, sondern auch, welche Verbindung die Brüder Grimm mit dieser Landschaft hatten.
Am Ostermontag wurde die neue Saison im Mahnmal Grenzturm eröffnet. Es ist jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr zugänglich.