Ich bin dann mal weg. Nein, man hat mich gestohlen und ich will wieder zurück an den Osterbrunnen in Heyerode.
Heyerode. In den ersten fünf Jahren meines Lebens hatte ich es wirklich gut. Immer zur Osterzeit, so im März und April, war ich der Liebling vieler Kinder. Schon am frühen Morgen, wenn die Muttis mit ihren Kleinen vorbei am Osterbrunnen zum Kindergarten gezogen sind, lächelten mir die ersten Kinderaugen zu. Obwohl ich nie eine Mine verzogen hatte, verstanden wir uns wortlos und freuten uns innerlich. Ach, was war das immer für eine Freude. „Mama, Osterhase“, hörte ich öfter. Hannes, Klara, Keno und die vielen anderen munteren Geister schienen mich richtig ins Herz geschlossen zu haben.
Manchmal fuhren vorbeikommende Autos im Schritt-Tempo oder stoppten kurz, damit auch die kleinen Insassen mich als lustig erscheinenden Meister Lampe grüßen konnten. Zu Ostern versammelten sich dann immer besonders viele Leute um mich herum. Eltern hatten Überraschungseier oder kleine Plüschtiere heimlich in meinem braunen Korb versteckt, ehe die spannende Sucherei begann. Auf jeder Menge Erinnerungsfotos hat man mich mit den staunenden Kindern verewigt und wohl in alle Welt verschickt. Sogar auf einen Familienkalender habe ich es einmal geschafft. Ich war plötzlich ein kleiner Star.
Doch in diesem Jahr war die Vorfreude auf das Osterfest mehr als getrübt. Denn in der Nacht zum Frühlingsanfang hat man mich plötzlich von dem kleinen Podest an dem geschmückten Osterbrunnen vor dem Rathaus gerissen und einfach mitgenommen. Ich weiß noch immer nicht, wo man mich eigentlich hinverfrachtet hat. Es ist dunkel, kalt und fürchterlich hier. Ich war doch ein Star. Holt mich hier raus!
Obwohl ich auch früher nahezu elf Monate im Jahr in meinem Hauptwohnsitz im Gewölbekeller der Gemeindeverwaltung ausharren musste, war ich dort neben den Kisten mit den Christbaumkugeln und der Weihnachtsbaumbeleuchtung immer in bester Gesellschaft. Ich fühlte mich das ganze Jahr über wie Weihnachten und Ostern zusammen. Anfang Januar, als der Weihnachtsschmuck wieder verstaut werden musste, meinte einer der netten Männer vom Bauhof zu mir: „Du kommst auch wieder an die frische Luft!“ Licht am Ende des Tunnels, dachte ich mir. Nach den Heiligen Drei Königen konnte also bald Ostern kommen. Dabei war es gar nicht so einfach, mich überhaupt zu erstehen, erinnerte sich ein langjähriger Bauhofmitarbeiter.
Als es nun im März endlich soweit war, jubelten auch schon die Amseln und ersten Zugvögel, dass auch ich wieder zurück gekehrt sei. Ich kann nur hoffen, dass man mich eines Nachts wieder an meinen alten Platz zurückbringen mag. Denn solch ein trauriges Osterfest wie diesmal möchten die mich vermissenden Kinder und auch ich nicht noch einmal erleben.
(Aufgeschrieben von Reiner Schmalzl)