Der zwanzigjährige Student Franz Joseph Giese aus Münster i/Westf. hatte nach dem 23. Juni 1792 allzu früh erfolgtem Tode seines Vaters dem Großkaufmann Gerhard Hermann Giese seine Studienlaufbahn aufgegeben und das elterliche Geschäft übernommen. Es war im Spätherbst desselben Jahres, als er das Eichsfeld bereiste, um Schafwolle aufzukaufen. Er hatte bereits mehrere Verträge mit den Bauern abgeschlossen und mehrere große Fuhrwerksladungen in der Rindermann`schen Gastwirtschaft an der oberen Steingasse bezogen. Gegen Abend saßen beim Krug Bier in lustiger Gesellschaft. Hans Heinrich Jünemann erzählte soeben, dass er als Deputierter der Gemeinde mit Michael Brodmann vor einigen Tagen die restlichen 2000 Reichstaler, welche die Gemeinde von Geh. Rat von Hagen in Heiligenstadt erborgt habe, als sie im Jahre 1736 die von Strahlendorff `schen Güter, die ehemaligen Königshöfe gekauft hatte, wieder zurückgebracht hätten. Geh. Rat v. Hagen haben bemängle, dass die Gemeinde doch vertraglich verpflichtet sei. Nur unter ausdrücklichen Vorbehalt habe er schließlich das Geld angenommen. Am Donnerstag den 3. November ist ja große Triebjagd in Geisleden, dann kann er ja mit dem Schultheiß Brodmann und den Schöppen Georg Adam Aschoff, Joseph Heidenblut und den Eigentümern der 7 Königshöfe das weitere besprechen und diese Angelegenheit wieder in Ordnung bringen. Man erzählt u. a., daß die für Mainz ausgehobenen Rekruten: „Henrikus Deppe, Henrikus Kaufhold, Johannes Kaufhold, Aemilian Fütterer, Franz Nußbaum und Johann Wiederhold“ ihre Marschgebühren im Betrage von 19 Reichstaler 12 Gulden heute bereits beim Einnehmer ausbezahlt erhalten hätten. Da öffnete sich die Gaststubentür. Es traten 2 Dingelstädter Frachtfuhrleute ein, welche ihre Gespanne heute Abend noch bis Dingelstädt bringen wollten, um morgen früh 4 Uhr ihre Fahrt in der Richtung Mühlhausen i/Th fortzusetzen. Da sie viel Frachtgut mit sich führten, hatten sie heute in Geisleden, wie so oft, Vorspannpferde bis zur Kreuzeberschen Höhe erbeten. Während dem Umspann verzehrten sie ihr Abendbrot bei einem Glas Bier, wobei einem Fuhrmann der übliche Stengelpeter „Nordhäuser“ nicht fehlt. Giese, welcher an einem kleinen Nebentisch alleine Platz genommen hatte, wurde bald in ein Gespräch gezogen. Interessierten ihm doch aus geschäftlichen Gründen diese Fuhrleute, welche ihm in letzter Zeit so manche Fuhr Wolle in die Kämmereien, Strickereien und Webereien gefahren hatte. Als sie aufbrechen wollten, suchten sie Giese zu bewege, über Nacht in der Gastwirtschaft zu bleiben, und dafür morgen recht früh nach Dingelstädt weiterzufahren. Nach langen Hin und Her reden blieben sie noch recht lange zusammen, es ging sehr lustig zu. Unter anderen bekannten Liedern stimmte man auch das Eichsfelder Fuhrmannslied an:
| 1. | Es gibt kein schöneres Leben, als Fuhrmann zu sein, und des Nachts auf Straßen, wenn der Mond so hell scheint, und so helle scheint. Und so helle scheint … |
| 2. | Des morgens um viere, da weckt uns der Herr: steh` nun auf, du fauler Fuhrmann, und füttre die Pferde, und füttre … |
| 3. | Sechs Rösslein im Stalle, wie spant man sie an? Zwei nach hinten, zwei nach vorne, in der Mitte zwei dran, in der … |
| 4. | Und sind wir gefahren, die Straßen entlang, begegnet uns ein schönes Mädchen: „Lieber Fuhrmann halt an!“ Lieber … |
| 5. | Ich kann nicht anhalten, meine Last ist zu schwer, meine Rösslein, die sind mager, und der Habersack leer, und der … |
| 6. | „Ach Fuhrmann, lieber Fuhrmann, halt bitte doch ein, mein Geld und mein Dukaten, sind alleweil dein!“ sind alleweil … |
| 7. | Was brauche ich Dukaten, was brauchen wir Geld? Trinken wir auf Rechnung, solange es uns gefällt. Solang es … |
Historische Erzählung von K. Hub. Kaufhold. 1. Teil
Transkription: Luisa Janitzki