Dieses Mal gibt es einen fröhlichen Bericht. Jeder Schütze ist reichlich zu Schuss gekommen. Mein Nachbar Giese hat eine grobe Sau und zwei Überläufer im Feuer geliefert, Förster Bischleb ein hauendes Schwein und eine uralte Bache gestreckt. Und doch ist er nichts zufrieden, denn es gab kein einzige Nachsuche und Hatz. „Haben alle zu gut geschossen, meine Herren!“ ruft Geh. Rat v. Hagen lachend? Auf zum Imbiss. Näher kommt sein Kutscher. Mit großen Körben, die mit belegten Butterbroten gefüllt sind. Und den hungrigen Jagdteilnehmern gereicht werden. Wie im Vorjahr hatte der Kutscher auch in diesem Jahr im Talkessel an einem Ohrrain und großen Steinshaufen wieder ein Feuer angezündet und den zu Hause vorbereiteten Punsch und Grog recht heiß gemacht. Die Gläser werden herumgereicht. Wohl bekommt es allen Grünröcken und Treibern. Wieder bläst das Horn. Abermals wird die Schützenkette wiederhergestellt. Ein Weilchen darauf geht ein furchtbarer Lärm los. Der knall der Flinten rollt wie langsames Schützenfeuer durch die Stämme. Förster Hartleib aus Wendehausen erlegte gerade mit dem 2. Schuss einen vom Luttertal heraufkommenden Schwarzkittel, als Reinecke durch das Dickicht bricht. Aber Hektor, des Försters Goldmanns treuer Begleiter sperrt ihm den Übergang.
Piff paff, des Jägers Büchse knallt,
dass es über die ganze Feldmark schallt,
die Luft erhielt manch großes Loch....
mancher Schwarzkittel blieb heil jedoch.
„Möchte wissen, fragt einer bloß,
wovon die Hasen leben?“
Dem einen geht der Schuss nicht los,
der andere schießt daneben,
Davon könn's leben.
Jetzt beginnt die Hetze.- Weiter und näher tönt das Gekläffe der Hunde. Hier und dort fällt ein Schuss, der dem Räuber galt, der nun in mächtigen Fluchten das Weite sucht. Jetzt scheint er den richtigen Kurs gefunden zu haben, da spritzt ihm eine Schrotladung in und über den dichten Pelz. Es war wiederum ein Meisterschuss. Manche Kugel wird durch das Zündladegewehr gejagt, getreu nach dem Jagdherrn Wort: „Geschossen wird alles, was erlaubt und getroffen wird.!!!“ Ein Schuss löst den anderen ab und immer mehr füllt sich der am Waldesrande vorm Schenkelberge, vorm Dün zum Jagestiege und Hundwinkel bis zum Teufelsgrunde zu fahrende sogenannte Leichenwagen, auf dem bereits 16 Rehe, 7 Füchse, 5 Schwarzkittel, 6 Frischlinge, 3 Dachse gelegt waren, und 38 bluttropfende Hasen aufgereiht hängen und außerdem 2 Dutzende Fasanen, 15 Rebhühner als Jagdbeute aufgenommen hatte. Der Tag geht zur Neige. Das Büchsenlicht schwindet, das ganze Halt des Jagdhorns ertönt. Die Jagdgesellschaft zieht lebhaft, das Ergebnis besprechend, dem Dorfe und der Gastwirtschaft Rindermann, der früheren Jünemann'schen Gastwirtschaft zu. Die Jäger nehmen an mehreren großen, starken, eichenen, blitzblank und weißgescheuerten runden und länglichen Tischen Platz. Man ließ es sich an diesem Abend etwas kosten. Getreu dem uralten Mahnspruch des Hauses, eines an der Wand hängenden Bildes, eine Pumpe darstellend, mit dem Spruch: „Hier wird nicht gepumpt“. Nicht nur an klingender „Münze, auch mit großen Worten wurde nicht gespart. Wir hören von dem großen Kamin her das Feuer prasseln, gemütlich und ohne Fehl, und würziger Holzgeruch umschmeichelt die blaurote gekniffenen Jägernasen. Vor uns steht die 19 jährige einzige Tochter dieser Rindermann'schen Gastwirtseheleute, imponierend durch ihre stattliche Gestalt, wie ihrer grundguten Seele, mit hellblonden Haar und strahlenden blauen Augen, knallroten Wangen und lachendem Munde, eine große tönerne Bauchflasche in der einen, und mehrere Gläser und Stengelpeter in der anderen Hand. Und was die Flasche enthält, ist flüssige Glut und rieseldes Feuer, ist uralter Nordhäuser Korn, der sogenannte Rotspon. Vom Wirt Rindermann im Scherz oft der „Hundertjährige“ genannt. Was ist doch so ein Rotspon für einen Nimrod? Und keiner ist unter ihnen, der nicht erschauernd fühlt, wie die letzten Eiszapfen vom Herzen gespült werden und klappernd durch die Gurgel bis tief in den Magen rasseln. Das Schüsseltreiben nimmt seinen Anfang. Schön knusprig gebratene Rehleber, schön gebackenes Rührei mit sagenhaften butterweichen Geisledener Rauchschinken und leckere in Butter gebratene Bratkartoffeln, bei dessen Anblick und bei dessen Luft einem das Wasser im Mund zusammenlaufen, werden herumgereicht, und verschwinden im Handumdrehen, wie die Butter an der Sonne. Und große gefüllte Bierkrüge, kleine Gläser und Stengelpeter mit Rotspon gefüllt, ist die Stunde höchste Krönung. Das darf der Nachwelt nicht verschwiegen werden. Die Zeit entflieht. Es prasseln die guten Gedanken, wie im Kamin die Buchenscheide. Was wird nicht alles geredet. Die Wirtstochter Maria Elisabeth, die bald hier, bald dort vom köstlichsten serviert, lenkt ihre besondere Aufmerksamkeit auf sich und lässt sich unauffällig so im Vorbeigehen des Öfteren mit dem jungen Giese in ein kurzes fröhliches Gespräch ein. In der Runde fängt man bereits an, den Giese zu necken. Das wäre doch was für den Münsterländer bemerkt der Förster Oberthür, ein alter Graubart, worauf die ganze Gesellschaft in schallendes Gelächter ausbricht. Wieder ein neuer Grund die Gläser zum neuen Prost anstoßen. „Ein Hoch dem jungen Paare“ ruft man, kichert, lacht und johlt. Blutrot färben sich die Wangen der Maria Elisabeth, die wie ein gehetztes Reh in die Küche wechselt, obwohl in der Wirtsstube noch reichlich für sie zu tun ist. Giese ist kein Spielverderber und stimmt scheinbar freudig zu, obwohl er noch nicht daran gedacht hat, sich der Maria Elisabeth zu nähern. Immer lebhafter werden Jagderlebnisse aus früheren Jagden besprochen. Von ganz schrecklichen Abenteuern wussten die wackeren Nimrode zu berichten. Jäger sind ja bekanntlich Menschen, die die wunderlichsten und absonderlichsten Geschichten erleben. Und wahr sind diese Geschichten immer: denn die Jäger lügen ja alle nicht gerne. Der junge Giese hatte als Laie seine große Mühe, der zünftigen Sprache, auch Jägerlatein genannt, zu folgen und wenn sich die Balken dieses uralten Gasthauses nicht biegen, so nur deshalb, weil sie aus Eiche gebaut und solide Arbeit sind. Soeben hatte Förster Goldmann aus Uder seine abenteuerlichen Jagderlebnisse von seinem Meisterschuss und seinem Treff zum Besten gegeben. Auf dieser Jagd hatte Goldmann bekanntlich einen Fuchs mit einem gutgezielten Schuss die beiden Hinterläufe vollständig abgeschossen und dennoch war er den beiden Vorderläufen durch die Schützenkette entkommen. Nur seinem tüchtigen Treff hatte er es zu verdanken, dass er ihm den halben Fuchs aus der Treiberkette lebend zurück brachte, worauf ein lautes bravo, bravo erscholl. Dann erhob sich Geh. v. Hagen und erzählte u.a. folgendes: „Mein vor 3 Jahren verstorbener Jagdfreund L.…, den ich aber aus bestimmten Gründen nicht nennen möchte, war zu einer großen Treibjagd für die Umgebung das Hanstein's eingeladen worden. Am Vorabend kam er auf der Burg Hanstein an. Es kam auch die Rede auf Geisterspuk und mein Freund Herr von Hanstein erzählte, dass er auf seiner Burg ein Turmzimmer habe, in dem es nicht recht geheuer sei, da einer seiner Ahnen zu mitternächtiger Stunde als Geist umherwandle. „Da schlaf ich heute Nacht“ sagte mein Freund L. „Ich mach mich anheischig, den Geist für immer zu verscheuchen.“ man riet ihm lebhaft ab, aber er blieb dabei, dass er den alten Burggeist doch mal kennenlernen müsse, spazierte in das mit Modergeruch erfüllte Turmzimmer und legte das geladene Gewehr auf den Tisch und sich selbst in das bereitgestellte Bett. Um Mitternacht erwachte er plötzlich. Das Zimmer war von dem fahlen Lichte des Mondes nur spärlich erhellt, und es schien ein gespenstisches Raunen und Flüstern durch das dunkle Gemach zu gehen. „Aha der Burggeist!“ dachte mein Freund ganz laut, griff zum Gewehr und späte mit gespannter Aufmerksamkeit nach allen 4 Richtungen. Da schien es ihm, als ob er am Fußende seines Bettes zwei Hände sähe. „Hände hoch, oder ich schieße!“ rief er ganz laut. Die Hände schienen sich sogar zu bewegen, aber es streckte sie keiner hoch. „Hände hoch“ schrie er nochmals. Ich zähle nur noch bis drei!“ sagte mein Freund; und er zählte, eins, zwei, drei und drückte ab. „Ein grollender Aufschrei“ am Nächsten Morgen konnte er an der Treibjagd nicht teilnehmen: er hatte sich die große Zehe des rechten Fußes weggeschossen.“ Schallendes Gelächter. Einmal, so erzählte Förster Kaufmann vom Greifenstein, ging ich ohne Hund auf den Anstand, und da es am Abend stockdunkel war, hatte ich von einer Ölfunsel eine schöne Sturmlaterne hergestellt und mitgenommen. Diese sehr helle brennende Lampe stellte ich etwa 100 Meter vor dem Walde ganz einfach auf den festgefrorenen hohen Schnee, auf einer Anhöhe des Geländes auf. Ich vertrete nämlich fest den Standpunkt: „Feuer und Licht, gehören in uns're Wälder nicht.“ dann ging ich weiter durch die mit glitzerndem Raureif und Schnee prachtvoll behangenen dunkelgrünen Tannen bis auf meinen hergestellten Anstand. Leider hatte ich in dieser Nacht kein Jagdglück und da es sehr kalt war, machte ich mich bald wieder auf den Heimweg. Sobald ich aus dem Wald herausgetreten war, ging ich auf die Lampe zu, um sie mit nach Hause zu nehmen! Aber welcher Anblick bot sich mir dar. Ich sah vor mir eine überaus große Anzahl an Hasen, die sich in einem großen Kreis rings um die Lampe aufgestellt hatten. Ich ging näher und näher und hatte bereits das Gewehr an die Backe gelegt, was sich aber als unnötig erwies. Nicht einer der Hasen lief davon. Als ich eilig nach dem ersten Hasen griff, merkte ich, dass er wie angewurzelt, ja sogar fest angefroren war. Durch das grelle leuchtende Licht hatten die Hasenaugen zu Tränen angefangen. Die Tränen, welche in Strömen zur Erde rannen, wurden durch die heftige Kälte sofort in Eis erstarrt, sodass die Hasen mit der eisbedeckten Erde verbunden und wie angewurzelt dastanden und sich nicht rühren konnten. Ich griff einen Hassen nach dem anderen, brach ihn von der Erde ab und steckte sie nach und nach in meinen Rucksack. Die Zuhörer lachten laut auf. Und ob ihr es glauben wollt oder nicht, spielte Förster Kaufmann den Beleidigten, es waren genau 99 Hasen, die ich in dieser Nacht in meinem Rucksack zum Greifenstein trug. Ich kann wohl sagen, es war die größte Jagdbeute meines Lebens, in einer eiskalten Winternacht. Schallendes Gelächter. Da erhob sich der Förster Goldmann, welcher an der Zahl Zweifel hegte, und stellte die bestimmte Frage: warum mein lieber College sagen sie 99 Hasen? Warum machen Sie denn nicht die Hundert voll? Worauf Förster Kaufmann erwiderte. „ich habe sie ganz genau gezählt. Es waren nur 99 Hasen.“ Ich bleibe nun eben stets bei der Wahrheit!“ Oder glauben Sie vielleicht, ich würde mich um eines lumpigen Hasens wegen, gar zu einem Lügner stempeln lassen? Schallendes Gelächter, und wiederum ein neuer Grund mit einem Prost die neugefüllten Gläser anzustoßen. Jetzt erhob sich Giese und bat, seine furchtbaren und schrecklichen Erlebnisse vom vorigen Winter von seiner Bärenjagd in Norwegen, erzählen zu dürfen, an die er nur mit schrecklichen Grausen denken müsse. „Ich wurde“ so begann er seine Jägergeschichte, von meinem Bruder Andreas Casper Giese, welcher z. Zt. Preußischer Generalkonsul in London ist, der in Norwegen große eigene Waldungen besitzt, zur Teilnahme an einer großen Bärenjagd eingeladen. An dem für die Jagd festgesetzten Tag war die große Jagdgesellschaft früh auf den Beinen. Man hatte ein mächtiges Bärenpaar aufgespürt und ein großes Treiben veranstaltet. Mit einem scharfen Jagdmesser und einer guten Büchse bewaffnet erhielt ich meinen Posten. Zu meinem Unglück wurde ich aber von meinen Jagdgenossen getrennt und sah mich plötzlich am Rand eines entsetzlichen tiefen Abgrundes, der nur durch einen langen starken Baumstamm überbrückt war. Ratlos stand ich da. Plötzlich hörte ich hinter mir ein furchtbares Gebrüll und sah das Bärenmännchen gerade auf mich zukommen. Das Blut stockte in meinen Adern. Ich war wie gelähmt. Mir blieb keine andere Wahl, als der Versuch, die andere Seite des Abgrundes zu erreichen. Die Helden so vieler schrecklicher Jagdabenteuer blickten gespannt auf den Erzähler, der eine kleine Pause machte, um die Wirkung seiner Worte noch zu erhöhen. Dann fuhr er fort: „Ich nahm das Jagdmesser in den Mund, die Büchse als Balancierstange in die Hände und trat den gefährlichen Weg über den langen und dicken Baumstamm an. Gerade hatte ich die Mitte erreicht, da sah ich zu meinem größten Entsetzen, dass das Bärenweibchen auf der anderen Seite des Abgrundes hoch aufgerichtet und mit zornigem lautem Gebrumm auf mich wartete. Vor Aufregung fiel die Büchse aus meiner zitternden Hand und rollte in die Tiefe. Und als ich entsetzlich nach meinen Jagdfreunden rief verlor ich auch das Messer. Meine lauten Hilferufe verhallten ungehört. Vor mir und hinter mir eine wütende Bestie, unter mir der schauerliche Abgrund ich gab mich verloren!“ Erschöpft unterbrach sich Giese, nahm seinen Bierkrug und leerte ihn auf einen Zug, als wollte er dadurch die schreckliche Erinnerung bannen. Die Jagdgesellschaft, die in atemloser Spannung der Erzählung gefolgt war, saß schweigend da. Endlich aber wagte Reg. Rat v. Hagen die bange Frage: „Und was geschah mit Ihnen? Ich? Erwiderte der Bärenjäger mit dumpfer Stimme, „ich wurde von den Bestien vollständig aufgefressen!“ Das ist die schreckliche Geschichte von meinem schrecklichen Jagderlebnis auf der Bärenjagd in Norwegen an die ich nur mit schrecken zurückdenke. Seitdem die Mitglieder dieser großen Jagdgesellschaft sie gehört hatten, gelobte jeder heimlich für sich, bei der nächsten Treibjagd mit einem noch viel Größerem Jagderlebnis aufwarten zu können. Dies war wiederum ein Grund mit einem kräftigen Prost die Gläser anzustoßen.
Historische Erzählung von K. Hub. Kaufhold. 4. Teil
Transkription: Luisa Janitzki