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Frankenblick Bote
Ausgabe 12/2024
Nachrichten aus dem Rathaus
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Nachrichten aus dem Rathaus

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

am Volkstrauertag, der in diesem Jahr am 17. November begangen worden ist, werden in fast allen Gemeinden unseres Landes Gedenken abgehalten und Blumengebinde an Ehrenmalen und zentralen Orten zur Ehrung der Opfer von Kriegen und Gewalt niedergelegt.

Die zentrale Gedenkstunde zum Volkstrauertag findet jeweils im Deutschen Bundestag statt. Auch in unserer Gemeinde ist es Tradition, in einigen Ortsteilen an Ehrenmalen den Toten zu gedenken.

Wir informieren im Vorfeld im Amtsblatt über die jeweiligen Termine, um allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, teilzunehmen.

Von einem der wenigen Bürger, die sich zusammen mit mir eingefunden hatten, bin ich gebeten worden, doch bitte die Worte, die gesprochen worden sind, im Amtsblatt abzudrucken:

Den Toten zu Ehren

Den Lebenden zur Mahnung

Diese Worte sind am Ehrenmal in Rauenstein, in Stein gemeißelt, zu lesen.

Darunter stehen vier Jahreszahlen: 1914 - 1918 / 1939 - 1945.

Am Samstagnachmittag vor dem Volkstrauertag habe ich die Inschrift (wieder einmal) gelesen. Das erste Mal während meiner Amtszeit hatte ich die Idee, den Blumenschmuck, der traditionell an diesem Gedenktag allerorten an Ehrenmalen niedergelegt wird, so auch in Frankenblick, bereits am Tag zuvor bereitzulegen. Und so stand ich vor der aus Natursteinen aufgeschichteten Anlage. Die Idee wurde geboren, weil ich es bereits viele Jahre als ziemlich anstrengend empfand, die Buketts den Weg beginnend am Schloss, an den Herrenteichen vorbei, dem Poppenbach folgend, unter Zeitdruck zum Denkmal für die Gefallenen zu tragen.

Es ist ein zauberhafter Weg, den man langschreitet. Ein schmaler geschlängelter unebener Pfad führt bergauf durch unseren schönen Wald. Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich das klare Wasser des Baches - mal, sachte, mal laut plätschernd, Richtung Schloss fließend beobachte. Es ist einer dieser wunderschönen Orte in unserer Heimatgemeinde, die mir Kraft geben, die mich spüren lassen, dass es trotz der täglichen Sorgen, der nie endenden Probleme auch wahrlich Schönes gibt. Ob die Wahrnehmung von Steinen, Moos, Laub, Bäumen und Sträuchern, von Vogelgezwitscher oder Wasserplätschern - Augen und Ohren und auch die Nase - sie senden dem Gehirn eine Botschaft: wie schön ist doch diese, unsere Welt. Pures Glück ist es, unsere Natur erleben zu dürfen. Es ist eine nicht zu beschreibende unbändige Kraft, die eingeströmt ist, wenn man wieder zurück ins Dorf schreitet und es ist ein Gefühl, das die Hoffnung nährt, noch recht lange ein Erdenbewohner zu bleiben. In uns allen wird wahrscheinlich manchmal der Gedanke aufkommen, eigentlich keine rechte Lust mehr zu haben - auf diese Welt, eigentlich nicht mehr den Sinn des Lebens zu verstehen - wenn es doch nur jeden Tag von neuen Alltagsproblemen, Zukunftsängsten, gesundheitlichen Beeinträchtigungen geprägt ist. Und im Angesicht von Schmerzen, Krankheit, Tod, Unrecht, Terror und Krieg keimt bei gläubigen Christen nicht selten die Frage auf: Gibt es Gott wirklich - Wie kann er all das zulassen, wo soll der Sinn liegen?

Ich habe mich am besagten Nachmittag gefragt, wie viele junge Männer aus Rauenstein und der Umgebung sind wohl mit den gleichen Glücksgefühlen und Lebenskraft tankend dem Poppenbach in den Wald, auf den Berg gefolgt. Vielleicht hatten sie ein Mädchen an der Hand, vielleicht suchten sie ein schönes Plätzchen unter den Bäumen, um mit ihm eng beieinander zu sein und sich die gemeinsame Zukunft auszumalen. Wieviel Liebesglück, wieviel Lebensglück hat der Wald um die Herrenteiche wohl schon erlebt?

Und ich stellte mir die Frage: für wie viele nahm die Lebensplanung ein jähes Ende in den Jahren zwischen 1914 und 1918, zwischen 1939 und 1945. Wie viele waren es wohl, die ihren Poppenbach nicht mehr gesehen und sein Plätschern nicht mehr gehört haben. Die Worte „zu Ehren“ sind für sie geblieben, ihr Leben war zu Ende, bevor es recht gelebt werden konnte.

Ich schämte mich plötzlich dafür, dass ich es mir heuer am Volkstrauertag „einfach“, bequem machen wollte. In Erinnerung an einen in den vergangenen Jahren anstrengenden, rutschigen, matschigen Aufstieg zum Ehrenmal hatte ich mich entschlossen, den anstrengenden Teil bereits im Vorfeld zu erledigen und am Sonntag „entspannt“, ohne Last zu gehen. Gott, dachte ich, wie ungehörig bist Du eigentlich? Was empfindet man doch in Friedenszeiten und in sicherer Heimat als „Last“?

Die Buben und Männer in den Schützengräben, in der Ferne, dem Wetter und vielen widrigen Bedingungen ungnädig ausgeliefert, umgeben von Schmutz, Blut, Waffendonner und Geschrei der Fallenden - sie hatten den Tod vor Augen und sie hatten keine Wahl. Die Last ist ganz und gar von Anderen bestimmt worden. Viele haben ihre schöne Heimat und ihr Mädchen, ihre Frau nicht wiedergesehen.

Unerträglich ist der Gedanke daran, dass es meinem Sohn, unseren Söhnen und Töchtern gleich ergehen könnte. Belastend der Gedanke, dass auch im Jahre 2024 in Kriegen gestorben wird.

Die Jahreszahl, die einst in Stein gemeißelt wird, ist unbestimmt.

Lasst uns doch bitte endlich gemahnt sein.