Vorderseite der Fahne des Vereins mit den Text: Gesang Verein Oberdorla 1923
Text: Gew. vom Gesangsverein Cammerforst 1923
Der Volkschor Oberdorla existiert schon seit vielen Jahren nicht mehr. Der Heimat- und Trachtenverein Oberdorla hat sich bemüht den Nachlass des Vereins zu sichern, um ihn für die Nachwelt zu erhalten beziehungsweise bei einer Neugründung dem neuen Verein übergeben zu können. Zu verdanken haben wir dies der Umsicht der ehemaligen Chormitglieder Hella und Sigrid Weißenborn. Zum Nachlass gehört das Buch „Hebelisten des Gesangsvereins Oberdorla„. (Mitgliederbeitragsliste) Dieses beginnt mit dem Jahr 1903 und endet im Jahr 1948. Durch diese Listen kann man die Mitgliederzahl des Chores feststellen, im Jahre 1903 gab es 60 Mitglieder, 1907 sind es 87 und 1924 schon 107. Das 2. Buch ist eine Chronik des Vereins, es ist die 2. Niederschrift, da die Erste am 4.4.1945 verbrannt ist und stammt von Heinrich Erdmann, dem Heimatdichter. Diese Chronik endet auch im Jahre 1948. Zum Nachlass gehören auch die beiden Vereinsfahnen, die Erste stammt aus dem Jahre 1923. Die Zweite wurde zum 100 jährigen bestehen des Vereins 1998 angefertigt.
Nachfolgend der Originaltext aus der Chronik von Heinrich Erdmann:
Vorwort:
Die Chronik hier soll Auskunft geben, wer den Verein einst rief ins Leben; auch sollt ihr drin die Namen finden all derer, die ihn halfen gründen. Vor allem sei aufgeführt, wer immer ihn hat dirigiert und dann sollt ihr zugleich erfahren, wer ihm schon in den vielen Jahren hat vorgestanden, ihn tat leiten und in den gut - und schweren Zeiten das Schifflein lenkte, dass er heute noch fortbesteht zu aller Freude. Dann werden wir - man wird`s begreifen - auch andˋre wichtˋge Dinge streifen, die wenig den Verein berühren, nein - uns bald da - bald dorthin führen, so, dass die späteren Generationen mit Dank uns unsˋre Mühe lohnen.
Lange schon hatte man das Bestreben, in Oberdorla einen Gesangsverein zu gründen, denn es war wohl der einzige Ort im Umkreis, der einen solchen nicht besass. Da trat im Jahre 1897ein junger Lehrer Max Schmidt seine erste Lehrstelle hier an und weil derselbe ein großer Musiker und Sangesfreund war, gab er die Anregung zur Gründung eines Gesangsvereins, welche bald auf fruchtbaren Boden fiel und es fanden sich zu Anfang des Jahres 1898 etwa 30 ebensolche sangesfreudige Einwohner zusammen, die dann im März des genannten Jahres den Gesangverein gründeten.
Dirigent wurde natürlich der oben genannte Lehrer Herr Schmidt, stellvertr. Dirigent Lehrer Fleischhauer, Vorsitzender Lehrer Hähnel, Schriftführer Heinrich Erdmann und Kassierer Karl Groß. Die Namen der übrigen etwa 26 Gründer des Vereins können heute nicht mehr lückenlos angegeben werden.
Die etwaigen Gründer des ersten Gesangsvereins im März 1898:
Lehrer Hähnel, Lehrer Schmidt, Lehrer Fleischhauer, Heinrich Erdmann, Jakob Breitbarth, Karl Groß, Emil Erdmann, Fritz Erdmann, Martin Erdmann, Martin Fritzlar, Joh. Adam Breitbarth, Joh. Michael Breitbarth, Konrad Breitbarth, Anton Fett, Andreas Fett, Reinhold Muder, Karl Bachmann, Martin Bachmann, Gastwirt Steinbrecher, Adam Beuthel, Jakob Fischer, Martin Zeng, Andreas Bang, Karl Breitbarth, Karl Burghardt, Gottfried Schreiber, Adam Fritzlar, August Herwig, Gottlob Breitbarth, Gottlob Trautwein, Heinr. Fritzlar, Joh. Adam Weiß 1, Heinr. Bang.
Als Vereinslokal wurde die Gastwirtschaft "Zum Goldenden Kreuz" bestimmt. Später, wo dann auch die übrigen Gastwirte dem Verein beigetreten waren, wurden auch Singestunden abwechselnd bei diesen, also in der "Krone", im "Deutschen Kaiser" und später auch in der "Linde" abgehalten. Diese Einrichtung bezw. dieses Entgegenkommen hat sich nicht bewährt und wo dann der Besitzer des Goldenen Kreuzes - Hermann Steinbrecher hauptsächlich dem Gesangsverein zu Liebe das große, herrliche Vereinszimmer - genannt "Kaffee Karoline" erbaut hatte, ist jeglicher Wechsel unterblieben. In den ersten Jahren herrschte eine solche Begeisterung im Verein, daß es nicht nötig war, die Mitglieder zum Besuch der Singestunden anzuregen, sie waren immer vollzählig und pünktlich zur Stelle.
Zu Anfang, wo wir nicht gleich Singebücher hatten, wurden Lieder abgeschrieben. Das erste Lied, welches wir sangen und welches mir heute noch in den Ohren klingt, war: "Weh, daß wir scheiden müssen" dann, wo wir etwas Geld zusammen hatten, wurden 40 Bücher vom "Heine" zugelegt.
Im Mai 1899 unternahm der Verein seinen ersten Ausflug nach dem Heldrastein. Direkte Bahnverbindung mit Treffurt gab es damals noch nicht und so hatten die Pferdebesitzenden Mitglieder ihre Rollwagen oder Kalleschen angespannt. Im nächsten Jahre dann 1900 wurde anstatt eines Ausfluges ein Sommerfest auf der "Kleinen Trift", woselbst zum Abhalten der Kirschfeste inzwischen ein neuer Tanzreigen eingerichtet worden war, gefeiert.
Schade, daß über die ersten 6 Jahre keine Protokolle vorliegen, denn die erste Niederschrift erfolgte gelegentlich der am 5. März 1904 abgehaltenen Generalversammlung. In dieser Zeit war Joh. Adam Weiß Kreuzgasse Vorsitzender, Heinrich Erdmann Stellvertreter, Karl Bachmann Schriftführer, Jakob Breitbarth Kassierer und Gottfried Schreiber Vereinsdiener. Am 10. März 1905 wurden sämtliche Ämter im Vorstand neu besetzt. Vorsitzender Anton Schreiber, Stellvertreter Heinrich Breitbarth, welcher am 29. März schon starb und deshalb Lehrer Chors an dessen Stelle kam. Schriftführer Lehrer Artur Semmann, Kassierer und stellvertretender Dirigent Lehrer Mandel, Dirigent war damals Lehrer Mehmel, Herr Schmidt war von hier nach Gispersleben versetzt worden. In diesem Jahren unternahm der Verein einen Ausflug nach dem Kyffhäuser. Gelegentlich der Generalversammlung am 3. März 1906 wurden sämtliche Vorstandsmitglieder bis auf Lehrer Mandel, an wessen Stelle zum Kassierer Reinhold Muder einrückte, wieder gewählt.
Bei der Wahl im März 1907 fand keine Veränderung im Vorstand statt; nur das Amt des Vorstandsstellvertreters, welcher Lehrer Chors begleitet hatte, blieb unbesetzt.
Am 4. April 1908 erfolgte wieder eine völlige Umgestaltung, Vorstandsvorsitzender Reinhold Muder, Stellvertreter Karl Peterseim, Schriftführer Heinr. Erdmann und Kassierer Heinrich Herwig.
In dieser Zeit war der Verein Mitglied des Sängerbundes "Hainich" aber wegen zu hoher Beiträge an Letzteren, wurde am 23.10.1908 der Austritt aus diesem beschlossen. In diesem Jahre wurden die ersten Gelder zur Beschaffung einer Vereinsfahne gesammelt und vorläufig zinsbringend angelegt. Bis dahin also volle 10 Jahre lang war eine Aufmunterung der Mitglieder zum regelmäßigen Besuch der Singestunden nicht erforderlich gewesen, aber von nun an wird in jedem Protokoll Klage geführt über den unregelmäßigen und immer geringer werdenden Besuch. Versäumnislisten werden eingeführt und sogar Geldstrafen festgesetzt.
Am 5. März 1909 schied Heinrich Erdmann als Schriftführer aus, weil ihn inzwischen die Postagentur übertragen worden war, an seine Stelle wurde Wilhelm Freyse gewählt. Die übrigen Herren verblieben auf ihren Posten. Da W. Freyse 1910 verzog, trat Musiker M. Bachmann an seine Stelle.
Nun war es uns vergönnt, die Singestunden bei elektrischer Beleuchtung abhalten zu können, weil in diesem Jahre Oberdorla an die Überlandzentrale angeschlossen wurde. Am. 11. März 1911 wurde an Stelle von R. Muder, Andreas Eichholz zum Vorsitzenden und an Stelle von K. Peterseim Albin Ackermann als Stellvertreter gewählt. In diesem Jahre konnte Oberdorla wieder einen Fortschritt verzeichnen, nämlich die Inbetriebnahme der neu erbauten Bahnstrecke Mühlhausen - Treffurt und deshalb wurde kurz darauf gleich ein Ausflug ins Werratal unternommen.
Am 16. April 1912 ging leider unser Dirigent Lehrer Mehmel von hier nach Schönstedt Kr. Langensalza. Bedauerlicher weise muß ich hier einflechten, daß vor etwa 2 Jahren also 1946 Letzterer dort in seiner Wohnung nebst seiner Ehefrau ermordet aufgefunden worden ist. Von den Tätern fehlt bis heute noch jede Spur. Nach seinem Wegzug von hier übernahm der, an seine Stelle neu eingesetzte Lehrer Hermann die Dirigentschaft des Vereins. Ebenfalls verzog Albin Ackermann an wessen Stelle Heinrich Erdmann doch wieder einsprang. An Stelle des Andreas Eichholz wurde der Brunnenbauer Gottfried Schreiber zum Vorsitzenden gewählt. Am 1. März 1913 kam neu an Stelle von Martin Bachmann, Heinrich Fischer als Schriftführer in den Vorstand. Zugleich wurde beschlossen von nun an die Vorstandswahlen nicht mehr alljährlich, sondern alle zwei Jahre abzuhalten. Weiter beschloss, man, von dem vorhandenem Bestand in Höhe von 92 Rm. dem Fahnenfonds 25 Rm. zu überweisen.
Am 1. Juli 1910 wurde Lehrer Hermann versetzt und nun übernahm Lehrer Max Wehr die Direktion des Vereins. Am 2. August 1914 brach der Weltkrieg aus. Demzufolge wurden durch die vielen Einberufungen die Singestunden immer schlechter besucht und der Verein schlief so nach und nach ein. Sehr schwere Jahre verstrichen, denn nicht nur der schreckliche Krieg, sondern auch die Jahre nach dem Kriege mit ihrer aller vernichtenden Inflation hatten so auf die Gemüter eingewirkt, daß jede Lust zum Singen fehlte. Acht Mitglieder des Vereins waren den Heldentod gestorben und zwar die Sangesbrüder Gottlob Breitbarth, Joh. Adam Kleinschmidt, Heinrich Böttcher, Karl Knöpfel, Max Hering, Albert Haupt, Martin Erdmann und Lehrer Rühling. Oberdorla hat in diesem Krieg 107 Gefallene und Verstorbene zu beklagen. Am 6. März 1920 fand die erste Generalversammlung wieder statt. Es wurden die selben Herren, die bei Kriegsausbruch den Vorstand bildeten wieder neu gewählt. Ein Dirigentwechsel hatte in dieser Zeit auch nicht stattgefunden. 1921 betrug die Einnahme und Ausgabe je 1330,20 RM.
Am 3. März 1922 wurde Heinrich Barthel Brunnenstraße zum Vorsitzenden gewählt, Stellvertreter wurde Joh. Michael Breitbarth Wiggerstr., Jakob Stollberg Schriftführer und wieder gewählt Heinrich Herwig zum Kassierer. In dieser Versammlung wurde infolge der Inflation der Jahresbeitrag für aktive Mitglieder auf 24 RM. und zuggleich das Beitrittsgeld auf 10 RM. erhöht.
Heimat- und Trachtenverein Oberdorla
Hans W. Schuhmann