(1945-2026)
Die ältere Generation wird sich noch an die Hymne des Vogteier Obstbaus erinnern: „Der Obstbau ist unser Arbeitsfeld...“ Eberhard Weißenborn hat dieses Lied manchmal angestimmt, ganz unvermittelt, mitten im Gespräch.
Kennengelernt habe ich Eberhard erst vor wenigen Jahren am Stammtisch „Grüner Baum“. Seitdem wuchs eine späte Freundschaft, der ich manches zu verdanken habe, insbesondere Einblicke in eine Welt, von der ich fast nichts wusste- in die Welt des Vogteier Obstbaus.
Anlässlich des 100. Todestages von Konrad Lange im Jahre 2023 bat mich Eberhard, einen kleinen Artikel über den „Flurdiener“ und ersten „Obstbaumwart“ der Vogtei zu verfassen. Daraus wurde eine ganze Serie über die „Kulturgeschichte des Vogteier Obstbaus“, nachzulesen in den Nummern 13, 14, 15 und 22 des Jahrgangs 2023 im Vogtei-Echo.
Gern hätte ich noch ein weiteres Kapitel über die Verdienste der Gärtnerfamilie Weißenborn hinzugefügt. Das verbat sich Eberhard jedoch in aller Bescheidenheit.
Mit seinem Tode dürfte die von ihm verhängte „Sperrfrist“ aufgehoben sein. Deshalb erlaube ich mir, den leidenschaftlichen Gärtner Eberhard Weißenborn und seine konzeptionelle Arbeit posthum zu würdigen.
Gern denke ich an die gemeinsamen Ausflüge mit Eberhard zurück. Eines Tages wollte er mir sein „Schätzchen“ zeigen: die „Schöne von Dorla“. Ich vermutete eine Rose. Es handelte sich jedoch um eine bekannte Apfelsorte. Von Eberhard erfuhr ich, dass diese Apfelsorte ursprünglich aus dem Gutsgarten von Seebach stammte und Anfang des 20. Jahrhundert in den Baumschulen der Vogtei vermehrt wurde.
Eberhard verfügte über ein hohes Fachwissen und besaß umfangreiche praktische Fähigkeiten. Er kannte alle Details. An der Mühlhäuser Chaussee stellte er mir einen der ältesten Obstbäume der Vogtei vor: eine prächtig gewachsene „Vogteier Lichtkirsche“, die er jahrelang eigenhändig beschnitten hatte. Jedesmal, wenn ich mit dem Auto an „unserer“ Lichtkirsche vorbeifahre, erinnere ich mich an die Verkostung dieser schmackhaften Frucht.
In ihrer Trauer-Rede bezeichnete unsere Pastorin Frau Klingner den Gartenbau-Ingenieur Eberhard Weißenborn zurecht als einen „Visionär“. Eberhard fragte mich einmal: „Wie stellst DU dir eigentlich die Vogtei in 50 Jahren vor?“ Diese Frage eines 80-Jährigen an einen 75-Jährigen verblüffte mich. Eberhard hatte sich schon vor langer Zeit mit jener Frage beschäftigt und ein zukunftsweisendes Konzept entwickelt. Sein Konzept vom „Hainichgarten“ möchte ich zumindest ansatzweise vorstellen.
Der „Hainichgarten“ ist nach Auffassung von Eberhard Weißenborn kein begrenzter Ort mit Gartenzaun, sondern eine in Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaft, ein Lebens-und Beziehungsraum. Er hielt es für notwendig, diese Kulturlandschaft weiterzuentwickeln. Dazu sei es erforderlich, möglichst viele regionale und überregionale Akteure zu gewinnen und zu vernetzen.
Einen Verbündeten für seine Projekt-Ideen suchte und fand er in Frau Professor Marschall von der Fachhochschule Erfurt/ Fakultät für Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst.
Eberhard Weißenborn lud die Wissenschaftlerin in die Vogtei ein und zeigte ihr die von Konrad Lange erstellten Bebauungspläne und Obstkataster. Obwohl er von seiner Krankheit schon stark gezeichnet und in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt war, ließ er es sich nicht nehmen, Frau Marschall auf die alten Streuobstwiesen oder auf die Kirschtrift zu führen.
Einige Zeit später kehrte die Professorin mit ihren Forschungsstudenten zurück. Die Gruppe analysierte die landschaftlichen und landwirtschaftlichen Strukturen und informierte sich über die kulturellen Traditionen der Vogteier.
Im Jahre 2024 präsentierte das Forschungsteam seine Ergebnisse im „Haus Vogtei“.
Eberhard Weißenborn war sehr stolz, dass man seine Ideen berücksichtigt hatte, insbesondere sein Konzept für einen „Lehr- und Schaugarten“ - eine Art Bindeglied zwischen Gartenbaubetrieben, Schulen und Gemeinden. Dieses Projekt soll die Gestaltungs-und Bewirtschaftungsgrundlagen in einem naturnahen Garten aufzeigen und einer breiten Öffentlichkeit vermitteln.
Dass es ein großes Interesse an derartigen Schaugärten gibt, beweisen die Landesgartenschauen.
Eberhard Weißenborn hatte ein Bewusstsein für die Obstbautradition in der Vogtei.
Die Studenten fassten seine Überlegungen unter dem Begriff „Nachaltigkeitsdreieck“ zusammen: Ökonomie, Ökologie und Soziales müssen als Einheit gedacht und umgesetzt werden.
Ihre Handlungsempfehlungen beruhen im Wesentlichen auf Konzepten von Eberhard Weißenborn. Einige möchte ich aufzählen:
| • | Pflege und Neubepflanzung alter Streuobstwiesen |
| • | Neubepflanzung traditioneller Obstsorten an Wegen und Triften |
| • | Entwicklung von Verwertungs-und Vermarktungsstrategien von Obst |
| • | Wiederbelebung alter Traditionen wie das Kirschfest |
| • | Anlage eines Rundweges mit entsprechenden Info-Tafeln zum Vogteier Obstbau |
| • | Touristische Vernetzung |
| • | Nutzung von Fördermitteln zur Finanzierung der Maßnahmen |
Es wäre ganz im Sinne von Eberhard Weißenborn, wenn engagierte Bürgermeister und Gemeinderäte, Schulen und Kindergärten, Obstbaubetriebe und Gärtnereien, Genossenschaften und Vereine, Kirchgemeinden mit ihren Konfirmanden und Eltern mit ihren Kindern die Vorschläge der Forschungsgruppe aufgreifen würden.
Lassen wir uns von diesen Ideen inspirieren!
Befragen wir uns selbst:
Wie stelle ich mir meine Vogtei in 50 Jahren vor?
Was kann ich dafür tun?
Günter Schlaffke