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Orlamünder Nachrichten
Ausgabe 1/2020
Nichtamtlicher Teil
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Förderverein “Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg“ e.V., Sitz Kahla informiert:

Schreiben SS-Hauptsturmführer Kern

Gnadengesuch, der Einsatz als Werkschutz ist deutlich hervorgehoben. Dieses Gnadenversuch wurde durch das Militärtribunal abgelehnt.

Baracken und Hundezwinger der SS am Walpersberg

Der Förderverein “Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg“ e.V., Sitz Kahla informiert:

In unserem letzten Artikel sprachen wir über die Bewachung und Sicherheit des Werkes „REIMAHG“ und seiner Lager, insbesondere die Rolle des SS-Brigadeführers Pflomm. In diesem Artikel gehen wir auf die interne Struktur von Werkschutz und SS ein.

Als SS-Hauptsturmführer (Hauptmann) war Kern SS-Brigadeführer Pflomm unterstellt und zuständig für die Werksicherheit sowie Abwehrbeauftragte der „REIMAHG“. Somit unterstanden auch ihm SS und Werkschutz, aus der sich die Lagerwachen rekrutierten.

Zum Werkschutz gehörten ca. 400 - 500 Männer die sich aus Deutschen, Volksdeutschen, Ukrainern, Italienern, Holländern und Belgiern zusammensetzte. Wie im letzten Artikel bereits erwähnt, konnten wir auf Grund unserer Recherchen von den Belgiern bisher namentlich fast 100 Personen erfassen. Deren Geschichte hängt mit der Kollaboration in Belgien zusammen, eine bis heute sehr umstrittene Thematik. Die Akten der belgischen Kollaborateure sind bis heute für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wenn man sich jedoch massiv mit Forschung und Recherche beschäftigt, bekommt man auch hier die Möglichkeit zur Einsicht. Viele der Belgier die noch Ende des Krieges als SS oder Werkschutz in der „REIMAHG“ tätig waren, standen bereits auf den Fahndungslisten des Militärgerichts in Belgien.

Nach Kriegsende versuchten viele nach Belgien zurück zu kehren gelangen, dort eingetroffen wurden sie allerdings sofort verhaftet. Die Urteile der nachfolgenden Militärtribunale waren oftmals sehr hart. Dazu muss erklärend gesagt werden, dass die Angeklagten bereits schon längere Zeit, sogar noch in Belgien selbst, mit dem NS-Regime aktiv zusammengearbeitet haben. Oftmals waren sie bei der SIPO (Sicherheitspolizei) oder machten als Zivilfahnder Jagd auf ihre Landsleute. Dies betraf Menschen, die sich trotz Aufruf nicht gemeldet hatten, um im Dritten Reich arbeiten zu gehen und aus diesem Grund untergetaucht waren. Viele der belgischen Zwangsarbeiter kamen so nach Kahla.

Die erteilten Urteile betraf meistens die Todesstrafe oder lebenslange Haft unter erschwerten Bedingungen. Die Todesstrafe konnte gegebenenfalls auch in lebenslange Haft ausgesetzt werden. Anfang der 50-er wurde oftmals das Strafmaß verringert, nachdem der Verurteilte ein Gnadengesuch eingereicht hatte.

Die SS hatte ihr Lager in der Nähe des Werkes, in der Straßenkurve von Grosseutersdorf zur „REIMAHG“-Baustelle gelegen, das aus Baracken und einem Hundezwinger bestand.

Eines unserer letzten Forschungsergebnisse bewies, dass auch die Gestapo eine eigene Stelle innerhalb der „REIMAHG“ hatte.

Die Behandlung der Zwangsarbeiter durch SS und Werkschutz war sehr unterschiedlich. Das Spektrum ging von „wegschauen“ bis zu Misshandlungen, Prügeleien, Strafarbeit und Mord in dem eigens von der SS eingerichteten Lager O, Strafbunker O oder in den Strafbunkern der einzelnen Lager. Vor allem die Behandlung durch die flämische und ukrainische SS/Werkschutz waren oftmals schlimmer als durch die deutschen Angehörigen.

Die Aufgaben von SS und Werkschutz waren vielseitig. Sie betraf die Überwachung der Lager, der Zwangsarbeiter im Werk und die Sicherheit innerhalb des gesamten „REIMAHG“ Werkes, bezogen auf Spionage und Sabotage.

Ende März 1945 kommt das Werk zum Stillstand. Anfang April steht bereits die US Armee vor Thüringen und weitere zwei Wochen später ist Thüringen besetzt. SS und Werkschutz setzen sich vor Ankunft der US Armee ab. Einige von ihnen gehen Richtung Tschechien, bevor sie noch die Zwangsarbeiter aus den einzelnen Lagern auf einen ostwärts führenden Marsch zwangen, bei dem bis heute eine unbekannte Anzahl von Toten zu beklagen ist.

Die juristische Aufarbeitung der Rolle von SS und Werkschutz wird sich im Sand verlaufen. In Belgien wurden zwar die Kollaborateure vors Militärgericht gestellt, jedoch gerichtlich nie aufgearbeitet ist die der anderen Nationalitäten und des Führungsstabes des Werkes. Selbst in der späteren DDR wird nur eine kleine Anzahl von Fällen gerichtlich verfolgt.

1948 wird von Belgien und Polen eine gemeinsame Anzeige bei den United Nations War Crimes Commission (UNWCC) gegen die Verantwortlichen der „REIMAHG“ eingereicht. Das UNWCC ist eine Kommission alliierter Staaten zur Beweismittelsicherung und strafrechtlichen Ahndung von Kriegsverbrechen der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg, Erst 1993 wird auch hier die Anzeige ohne Folgen endgültig zu den Akten gelegt.