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Orlamünder Nachrichten
Ausgabe 5/2026
Nichtamtlicher Teil
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Vor 68 Jahren war ich Läutejunge

(von Siegfried Günther)

Es ist wohl so: Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, erinnert man sich gern an die Jugendzeit. Und oft denke ich an die Zeit, die ich als Läutejunge im Kirchturm verbracht habe. Immerhin habe ich damals mein erstes Geld verdient, 7,50 Mark im Monat.

Im Glockenturm, in circa 30 m Höhe, befinden sich 4 Glocken in zwei Etagen. Diese sind über eine steinerne Wendeltreppe zu erreichen, der sich schließlich eine sehr schmale Holztreppe anschließt. Oben angekommen, begrüßt uns die größte der Glocke des Geläuts. In der Chronik als Festtagsglocke oder auch als Feiertagsglocke bezeichnet, nannten wir sie schlicht und einfach „die große Glocke“. Immerhin misst ihr größter Durchmesser 143 cm. Man sagt, sie wiege 1850 kg, nehmen wir das einfach so zur Kenntnis.

Wie oft die Glocke erneuert wurde, ist nicht bekannt, wir wissen aber, dass ihre Vorgängerin im Jahre 1821 gerissen war. Eine Inschrift auf der Glocke verrät uns den Zeitpunkt ihrer Wiedergeburt:

DURCH FREIWILLIGE BEITRÄGE

DER BÜRGERSCHAFT ZU ORLAMÜNDE UND NASCHHAUSEN

UMGEGOSSEN IM JAHRE MDCCCXXII

V. CHRIST. AUG. MAYER IN RUDOLSTADT

Also 1822 ertönte die neue Glocke mit ihrem vollen, satten Klang zur Freude der Orlamünder. Für mich war das Läuten der Festtagsglocke immer etwas Beeindruckendes, wenn ihr wohltönender, mächtiger Schall den Menschen der Umgebung verkündete: Heute ist ein bedeutender Tag!

Neben der Festtagsglocke hängt mit einem Durchmesser von 114 cm die Sonntagsglocke, sie soll Schätzungen zufolge 950 Kg wiegen. Eine Inschrift gibt Auskunft über das Alter:

IM NAMEN GOTTES GOS MICH

JOHANN. ROSE IN VOLKSTAED

ANNO CHRISTI 1697

Diese Glocke hatte neben ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Läuten, noch eine andere Funktion zu erfüllen: Sie war ein Teil des Schlagwerkes der Kirchenuhr. Ein kräftiger Eisenhammer schlug zu jeder vollen Stunde auf den unteren Rand der Glocke und gab so die entsprechende Uhrzeit kund. Beim Läuten der Sonntagsglocke musste dieser Hammer ausgehängt und so außer Betrieb gesetzt werden. Sonst hätte ein erheblicher Schaden entstehen können, darauf haben uns die erwachsenen Mitläuter immer wieder hingewiesen.

In der oberen Glockenstube befindet sich die Feierabendglocke, die wir warum auch immer als Freitagsglocke bezeichnet haben. Sie hat einen Durchmesser von 76 cm, ihr Gewicht wird mit 240 kg angegeben. Auch hier erfahren wir durch eine Inschrift das Entstehungsjahr 1582:

ECKHART KVECHGER GOS MICH MDLXXXII

Neben der Feierabendglocke hängt die Taufglocke, die wir etwas despektierlich „Bimmel“ nannten. Mit ihren wohl 70 kg und einem Durchmesser von 48 cm ist sie die kleinste der Orlamünder Glocken. Sie soll aus dem Wilhelmiterkloster stammen, welches auf der Oberseite des Marktes stand. Dieses ist im Jahre 1521 samt der gesamten Marktnordseite abgebrannt. Also muss sie älter sein; der Guss wird von Fachleuten in die Mitte des 14. Jahrhundert datiert. Fest steht, sie ist die älteste der vier Glocken und die Legende behauptet, dass dem Guss Silber beigemischt worden ist, um einen „silberhellen“ Klang zu erzielen. Einen Beweis für diese Behauptung wurde aber bislang nicht geführt, glauben wir das einfach.

Einmal im Jahr stand eine Arbeit an, die mich nicht begeisterte: Die Glocken wurden geputzt und so vom Staub befreit, der sich im Laufe des Jahres auf dem Bronzekörper abgelagert hatte. Auch der Turm wurde mit gesäubert. Doch es musste sein, dies haben wir eingesehen.

Wann wurden nun welche Glocken geläutet? Die Feierabendglocke war jeden Tag zu hören.

Damals war es noch üblich, mit Einbruch der Dämmerung der Bevölkerung das sogenannte Abendläuten zu Gehör zu bringen, ein Brauch, der schon viele Jahre nicht mehr praktiziert wird. In manchen Dörfern ist er aber heute noch üblich.

Die Festtagsglocke mit ihren imposanten Glang wurde nie allein geläutet und nur an Feiertagen, zu Hochzeiten und Beerdigungen. Stets leistete ihr die Sonntagsglocke Gesellschaft.

Die Betätigung der zwei größten Glocken war Erwachsenen vorbehalten, und diese hatten den Ehrgeiz, beide Glocken im Takt zu läuten. D. h., wenn die große Glocke anschlug, folgte der Anschlag der Sonntagsglocke, dann wieder die große Glocke, nun wieder die Sonntagsglocke und so fort. Die Zeit zwischen den Schlägen musste immer exakt gleich sein, sonst kam das Geläut außer Takt. Um diesen Takt zu halten, gab die große Glocke die Frequenz vor. Die Sonntagsglocke passte sich dann diesem Takt an. Gar nicht so einfach, aber es hat gut funktioniert. Durch dieses Taktläuten entwickelte sich ein imposantes Klangbild, zumal die Töne der beiden Glocken sehr gut miteinander harmonierten.

Nach ca. 5 Minuten begann das Ausläuten, beide Glocken sollten ja gemeinsam verstummen. Zu diesem Zweck wurde allmählich immer niedriger geläutet, die Pendelfrequenz nahm zwar zu, doch die Wucht der Schläge verringerte sich. Zum richtigen Zeitpunkt nickten sich die Läuter zu, griffen in die Glocke, erfassten den Klöppel und hinderten ihn am weiteren Anschlagen. Ich hatte vor dieser Aktion immer etwas Respekt, die Aktion war nicht ganz ungefährlich. Doch passiert ist nie etwas. Es ist wohl noch erwähnenswert, dass viele Gäste das Geläut ob des harmonischen Klanges sehr gelobt haben.

Eine Tradition soll nicht unerwähnt bleiben: das Ernteläuten. In den Sommermonaten pünktlich um 11,00 Uhr ertönte die Sonntagsglocke und verkündete den Bauern auf dem Felde die Uhrzeit und auch die nahende Mittagsmahlzeit.

Übrigens: In den 1950-ger Jahren gab es im Gegensatz zu heute keine Fledermäuse im Dachstuhl der Kirche, aber in der Turmspitze nisteten Dohlen.