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Amtsblatt des Landkreises Schmalkalden-Meiningen
Ausgabe 3/2026
Nichtamtlicher Teil
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Schmalkalder Notfalltag setzt starkes Zeichen für Respekt und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Referentinnen und Referenten Andreas Beetz, Kriminaloberrat und Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Suhl, Dr. Silvius Fehler, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie Hildburghausen, Gastgeberin und wissenschaftliche Leiterin des Schmalkalder Notfalltages Dr. Alexandra Finn sowie Marko Riedl, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Schmalkalden und Bundespolizist a.D..

Über 90 Gäste, darunter 30 Ärztinnen und Ärzte aus Schmalkalden, Meiningen, Erfurt und Eisenach, reisten zu der seit 2018 bestehenden Fortbildungsveranstaltung an.

Am 25. Februar fand vor rund 90 Gästen in der Cafeteria des Elisabeth Klinikums der erste Schmalkalder Notfalltag im Jahr 2026 statt – eine fachlich anspruchsvolle und zugleich praxisnahe Fortbildungsveranstaltung mit hochaktueller Thematik.

Die Weiterbildungsreihe bietet seit 2018 medizinischem Fachpersonal, Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ärztlichen Dienstes die Möglichkeit, ihrer Fortbildungspflicht nachzukommen. Im ersten Quartal 2026 stand sie unter dem eindringlichen Leitthema:

„Helfende dürfen nicht zu Hilfesuchenden werden“ –

Respekt für die Retter.

Die Begrüßung übernahm wie gewohnt Dr. med. Alexandra Finn, Wissenschaftliche Leiterin der Veranstaltung und Chefärztin der Zentralen Notfallaufnahme am Elisabeth Klinikum Schmalkalden. In ihren einleitenden Worten nahm sie ausdrücklich Bezug auf die Kampagne „RespektdenRettern“ des Ministeriums für Inneres, Kommunales und Landesentwicklung des Freistaates Thüringen, die sich landesweit für mehr Wertschätzung, Schutz und gesellschaftliche Anerkennung von Einsatzkräften starkmacht. Die Initiative sensibilisiert für zunehmende Gewalt- und Übergriffsdelikte gegenüber Rettungs- und Sicherheitskräften und wirbt zugleich für ein klares gesellschaftliches Bekenntnis zu Respekt, Solidarität und Zivilcourage.

Dr. Finn betonte, dass ihr diese Kampagne persönlich wie auch beruflich sehr am Herzen liegt, da sie und ihre Kolleginnen und Kollegen tagtäglich erlebten, welchen Belastungen medizinisches Personal im Einsatz ausgesetzt sei. Der 1. Schmalkalder Notfalltag stehe daher nicht nur für fachliche Weiterbildung, sondern ebenso für eine klare Haltung: Schutz, Unterstützung und Respekt für diejenigen, die helfen.

Kriminalstatistik und Auswirkungen der Cannabis-Teillegalisierung

Im Anschluss referierte Andreas Beez, Kriminaloberrat und Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Suhl, mit klarem Schwerpunkt auf den Polizeilichen Kriminalstatistiken 2024. Der erfahrene Polizist stellte dabei insbesondere den Vergleich zwischen dem Freistaat Thüringen und dem Bundesdurchschnitt in den Mittelpunkt seiner Ausführungen und analysierte differenziert Entwicklungen in den Bereichen Betäubungsmittelkriminalität, Rohheitsdelikte sowie tatverdächtigenbezogene Belastungszahlen.

Ein zentrales Augenmerk legte er auf die Veränderungen seit Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes seit April 2024. Herr Beez ging mehrfach auf die aus seiner Sicht problematischen Folgen ein, darunter eine veränderte Kontrollpraxis, Abgrenzungsschwierigkeiten bei Besitzmengen, eine erhöhte Komplexität polizeilicher Maßnahmen sowie statistische Verschiebungen, die eine unmittelbare Vergleichbarkeit mit Vorjahren erschweren. Insbesondere im Vergleich zum Bundesdurchschnitt diskutierte er mögliche regionale Besonderheiten im Freistaat Thüringen und deren sicherheitsrelevante Implikationen für Einsatzkräfte im täglichen Dienst.

Seine Ausführungen verdeutlichten, wie eng rechtliche Rahmenbedingungen, kriminalstatistische Entwicklungen und praktische Polizeiarbeit miteinander verknüpft sind – und wie wichtig eine realistische Bewertung der Lage für Rettungsdienst, Klinikpersonal und Sicherheitsbehörden gleichermaßen bleibt.

Abhängigkeitserkrankungen und strukturierte Entzugsbehandlung

Im Anschluss sprach Dr. med. Silvius Fehler, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie Hildburghausen, über „Abhängigkeitserkrankungen und ihre Entwöhnung“ und das Zusammenspiel zwischen einweisendem Rettungsdienst und der spezialisierten Fachklinik in Hildburghausen – insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit ausgeprägtem Alkoholkonsum.

Er betonte die hohe Relevanz einer strukturierten Übergabe bereits in der präklinischen Phase. Neben Vitalparametern und klinischem Zustand seien Angaben zu Trinkmenge, letzter Alkoholaufnahme, bisherigen Entzugsverläufen, Krampfanfällen oder Delirien essenziell, um das individuelle Entzugsrisiko korrekt einschätzen zu können. Gerade bei stark alkoholintoxikierten oder entzuggefährdeten Personen sei die frühzeitige Differenzierung zwischen akuter Intoxikation, beginnendem Entzugssyndrom und psychiatrischer Komorbidität entscheidend für eine sichere Weiterbehandlung in der südthüringischen Fachklinik, einer Station für Innere Medizin oder gar auf der Intensivstation eines umliegenden Krankenhauses.

Im Hinblick auf die Aufnahmemodalitäten erläuterte Dr. Fehler den stationären qualifizierten Alkoholentzug welcher jedem Patienten nach einer Einlieferung angeboten würde. Der qualifizierte Entzug in Hildburghausen dauere 21 Tage und umfasse neben der somatischen Entzugsbehandlung auch psychotherapeutische Interventionen, psychoedukative Gruppenangebote sowie eine sozialmedizinische Beratung mit Perspektivplanung. Ziel sei nicht allein die körperliche Entgiftung, sondern die nachhaltige Stabilisierung und Motivation zur weiterführenden suchttherapeutischen Behandlung.

Seine Ausführungen machten deutlich, wie bedeutsam eine enge Abstimmung zwischen Rettungsdienst, einweisenden Ärztinnen und Ärzten sowie der Fachklinik ist, um Versorgungslücken zu vermeiden und Patientinnen und Patienten frühzeitig in strukturierte Behandlungsprozesse zu überführen.

Akute Vergiftungen im Rettungsdiensteinsatz

Dr. med. Alexandra Finn beleuchtete das Thema „Akute Vergiftungen und Therapien in der prähospitalen Situation“. Sie stellte strukturierte Vorgehensweisen nach dem ABCDE-Schema vor und unterstrich die Bedeutung frühzeitiger Atemwegssicherung bei Intoxikationen mit zentral dämpfenden Substanzen. Darüber hinaus wurden toxikokinetische Prinzipien wie Resorption, Verteilung und Eliminationshalbwertszeit erläutert sowie die Indikationsstellung für Antidote und supportive Therapieverfahren diskutiert – praxisnah, strukturiert und direkt übertragbar in den Rettungsdienstalltag.

Prävention, Deeskalation und Eigensicherung

Marko Riedl, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Schmalkalden und Bundespolizist a.D., ging auf die Herausforderung „Prävention und Deeskalation“ ein. Er stellte praxisorientierte Strategien zur Eigensicherung vor und erläuterte kommunikationspsychologische Techniken zur Spannungsreduktion in eskalierenden Situationen. Wissenschaftlich ergänzt wurden seine Ausführungen durch Erkenntnisse aus der Stressforschung, insbesondere zur physiologischen Aktivierung in Bedrohungslagen, sowie durch Konzepte der Gewaltprävention, die auf frühzeitiger Risikoerkennung und strukturiertem Konfliktmanagement basieren. Hier wurde deutlich: Sicherheit beginnt im Kopf – und mit der richtigen Vorbereitung.

Den Abschluss bildete eine gemeinsame Diskussion mit anschließendem Ausklang, in der interdisziplinäre Perspektiven zusammengeführt und praxisrelevante Handlungsempfehlungen vertieft wurden. Der intensive Austausch zeigte einmal mehr, wie wertvoll das Miteinander von Medizin, Rettungsdienst und Sicherheitsbehörden ist. Insbesondere die Rolle strukturierter Behandlungsalgorithmen und standardisierter Übergabeprozesse zur Reduktion von Fehlerquellen stand dabei im Vordergrund.

Die große Resonanz und das durchweg positive Feedback zeigen: Der 1. Schmalkalder Notfalltag war nicht nur fachlich fundiert, sondern auch ein starkes Zeichen für Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung im Einsatzalltag.