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"Fahner Höhe" Kurier
Ausgabe 2/2026
Nichtamtlicher Teil der Verwaltungsgemeinschaft „Fahner Höhe und ihrer Mitgliedsgemeinden“
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Am Tag und in der Nacht immer für die Patienten da- Beitrag von Arnd Pfeifer

Obwohl es mehr als ein halbes Jahrhundert her ist erinnern mich immer wieder ehemalige Patienten an das unvergessliche, aufopferungsvolle berufliche Wirken meiner Eltern, Sanitätsrat Dr. med. Ernst Pfeifer und Marianne Pfeifer, in ihrer Gräfentonnaer Landarztpraxis.

Beide arbeiteten lobenswert und besonders erfolgreich wenn ihre Hilfe benötigt wurde. Die Uhrzeit spielte dabei keine Rolle, denn sie achteten nicht darauf ob es gerade am Tag oder in der Nacht war. Von 1929 bis kurz vor seinem Tod 1979 betreute mein Vater von seiner Gräfentonnaer Arztpraxis die Erkrankten der Orte Burgtonna, Ballstädt, Aschara, Eckardtsleben, Illeben, Nägelstedt, Großvargula, Döllstädt, Dachwig und Großfahner.

Eine große Hilfe hatte mein Vater durch meine Mutter, Marianne Pfeifer, die ihm stets mit viel Begabung assistierte und eine allseitig beliebte Sprechstundenhilfe war. Die damaligen Krankenhäuser konnten lange Zeit keine vielseitige medizinische Betreuung aufweisen und waren einfacher gestaltet. Erst späteren gab es dort Entbindungsstationen. Daher waren meine Eltern während vieler Jahrzehnte gemeinsam als Geburtshelfer bei Hausgeburten erfolgreich tätig.

Vor der DDR-Zeit gab es kaum Sanitätsautos. Daher wurde diese wichtige Aufgabe von meinem Vater übernommen. Er rief vor solch einer Fahrt in einem Krankenhaus in Langensalza, in Gotha oder Erfurt an. Dort fragte er nach ob man sofort eine dringliche Behandlung problemlos zeitnah durchführen könnte.

Aber leider wurde er zu Beginn des 2. Weltkrieges bis zu dessen Ende 1945 bei der Wehrmacht als Militärarzt eingesetzt. Mein Vater musste im Krieg stets in der Nähe der Kampfgebiete in einem Lazarett täglich viele Verwundete ärztlich versorgen. Er war dabei mehrere Jahre in den weiten Regionen Russlands tätig. Täglich gehörte es zu seinen Aufgaben zerschossene Arme und Beine zu amputieren. In diesen fernen Kampfgebieten kamen meist die dringlich benötigten Narkosemittel, die er für seine täglichen OPs benötigte, nicht rechtzeitig an. Es war daher besonders hilfreich, dass er in der Hypnosetherapie ausgebildet war. So konnte er damit bei seinen schwer verwundeten Patienten schmerzfreie chirurgische Eingriffe vornehmen.

Am Kriegsende wurde er selbst schwer verwundet und bekam daher eine Überweisung in das Langensalzaer Krankenhaus. Das war damals Lazarett für Wehrmachtsangehörige. Kurz davor konnte er, am 13. Februar 1945, mit dem allerletzten Zug vor der großen, leidvollen Bombardierung von Dresden entkommen.

Am dem Ende des 2. Weltkrieges kam die amerikanische Armee nach Thüringen und besetzte auch Langensalza. Kurz bevor die US-Truppen abzogen und unsere Region an die sowjetische Armee übergaben kamen plötzlich alle neuernannten Bürgermeister der Praxisorte meines Vaters und übergaben ein Bittgesuch an den amerikanische Stadtkommandanten von Langensalza. In diesem persönlich überreichten Dokument baten sie um die schnellstmögliche Entlassung meines Vaters aus der derzeitigen Kriegsgefangenschaft. Denn sie benötigten meinen Vater dringlich wieder als Arzt. Danach konnte er nun wieder gemeinsam mit meiner Mutter in seiner geliebten Gräfentonnaer Arztpraxis zu jeder Tag- und Nachtzeit tätig sein. In der damaligen Zeit gab es keinerlei ärztlichen Wochenendvertretungen. In ihrer kurzen Essenspause, nach ihrer langen Vormittagssprechstunde sagten meine Eltern stets, dass sie heute wieder mehr als 100 Patienten behandelt hätten.

In den damaligen Jahren herrschte meist bitterkaltes, schneereiches Winterwetter. Mein Vater musste täglich oft zu schwer Erkrankten in seine Praxisorte fahren auch wenn starkes Frost- und Schneewetter herrschte. Er hatte aber vorgesorgt und auf seinem Autoreifen waren immer Schneeketten aufgezogen. Außerdem nahm er immer Schaufeln, Streusand, Eiskratzer, Abschleppseil und Taschenlampe in seinen PKWs mit. Wenn die Straßen durch meterhohe Schneeverwehungen unpassierbar geworden waren holte man ihm mit Pferdeschlitten zu dringlichen Notfällen ab.

Positiv war es damals in der DDR, dass es fast in jedem größeren Ort eine Gemeindeschwester gab. Dadurch wurde der Arzt entlastet und nur gerufen, wenn es wirklich nötig war. Aber mein Vater wurde oft zum Weihnachtsfest und Jahreswechsel zu medizinischen Problemfällen gerufen.

Mehrere Jahre nach 1945 herrschte allgemeine Not sowie eine Knappheit von Nahrungsmitteln auch oft in unserer Arztfamilie. Aber weitaus schlimmer betroffen waren die 14 Millionen Heimatvertriebenen. Sie mussten aus den ehemals zu Deutschland gehörenden Gebieten flüchten. Meine Eltern nahmen eine geflüchtete Frau auf und gaben ihr Arbeit, ein Zimmer und Familienanschluss.

Mein Vater war vor dem 2. Weltkrieg und in der DDR-Zeit außerdem nebenbei als Arzt für die erkrankten Strafgefangenen des damaligen Gräfentonnaer Zuchthauses tätig. Dabei hatte er meist Heilerfolge, aber als Christ war es wichtig für ihn auch Nächstenliebe und seelischen Beistand weiter zu geben.

Als mein Vater mit 65 Jahren Rentner wurde bekam er vom damaligen Gesundheitsminister eine Auszeichnung und es wurde ihm der Titel „Sanitätsrat“ verliehen sowie eine Urkunde mit einem Dank- und Lobesschreiben übermittelt.

Mein Vater arbeitete fast bis kurz vor seinem 80. Geburtstag. Er sagte damals oft: „Wenn ich nicht mehr als Arzt tätig sein kann wird mich der Herrgott in sein ewiges Reich holen!“ Und so geschah es auch. Heute sind meine Eltern in ihrem Grab auf dem Gräfentonnaer Friedhof beide wieder vereinigt.

Beitrag von Arnd Pfeifer