Dieser Engel, der heute auf einer Geländestufe über Ihn steht, überdauerte das alltägliche Leben im Dorf über Generationen hinweg als ständiger Begleiter. Vor 107 Jahren jedoch war er Teil eines stattlichen Denkmals, das um 1919 zum Andenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs auf dem Friedhof neben der Pfarrkirche St. Hubertus aufgestellt worden war. Damals entfaltete die lebensgroße Engelsskulptur auf einem hoch aufragenden, gewaltigen Postament einen völlig anderen Ausdruck als heute. Das Ensemble wurde getragen von einem altarförmigen Sockel, der wiederum auf drei aufsteigenden Stufen ruhte. Diese Konstruktion war so raumgreifend, dass sie den Abschnitt zwischen der Friedhofsmauer und der Kirche völlig dominierte. Hoch oben auf ihrem steinernen Platz bestach die neoklassizistische Engelsgestalt durch eine außergewöhnliche Schönheit, handwerkliche Perfektion und – eine androgyne Wirkung: Während das feine Gesicht, das fließende Gewand und die seelenvolle Körperhaltung eine feminine Eleganz ausstrahlten, brach der Engel diese Attribute durch breitere Schultern und eine flache Brust. Erst der erhöhte, freie Standort und die veränderten Lichtverhältnisse machten diese androgynen Wesensmerkmale, insbesondere seine maskulinen Akzente, für den Betrachter sichtbar.
Nachdem die Namen der Gefallenen beider Weltkriege nach 1945 auf Tafeln an der Chormauer außen Platz fanden, war das alte Denkmal laut dem Chronisten Gernot Karge überflüssig. Auch Pater Beaudaux von den Weißen Vätern, der die Pfarrei Ihn nach dem Weggang des Dorfpfarrers Josef Jacoby betreute, stand dem verbliebenen Denkmal ablehnend gegenüber. Er wirkte aktiv an dessen Entfernung mit. Eine 1934 geborene Zeitzeugin überlieferte, dass der eigenwillige Pater die Skulptur aufgrund ihrer Körpersprache als Kriegsengel deutete – und nicht als Friedensengel, der für den Friedhof angemessen gewesen wäre.
Dass die wertvolle Engelsgestalt während des Abbruchs des Denkmals vor der Zerstörung bewahrt blieb, ist dem Einsatz zweier Bürger aus Ihn zu verdanken. Sie sorgten in den 1950er Jahren dafür, dass die Skulptur erhalten und als Flurdenkmal an einem neuen, würdigen Standort aufgestellt werden konnte: Altbürgermeister Jakob Jung, bekannt für sein großes Engagement in der dörflichen Kulturpflege, initiierte die Rettung gemeinsam mit Peter Moll, dem Großvater des heutigen Futtermühlenbetreibers Heinz Tocks junior. Moll stellte für den neuen Standort des Engels sein privates Grundstück am Hatzenbüsch zur Verfügung. Durch diese Zusammenarbeit der beiden Ihner fand das außergewöhnliche Kunstwerk einen dauerhaften und angemessenen Platz. Ihr kluges Handeln rettete ein wertvolles Stück Heimatgeschichte vor dem Vergessen. Dieses Denkmal bleibt somit ein Nachweis gelebter Heimatpflege und bereichert die dörfliche Identität bis heute und für nachfolgende Generationen.
Text: Rainer Darimont Tel: 62843, Foto: Archiv Andreas Urban