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Mitteilungsblatt Gemeinde Wallerfangen
Ausgabe 28/2024
Mitteilungen der Verwaltung
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Faszination Fußball - Historische Betrachtungen über eine Nationalleidenschaft



Das Mutterland des Fußballs ist das Großbritannien. Von hier aus breitete sich die Sportart auf die anderen Länder Europas und die meisten Länder der Welt aus. Die Engländer leben in einem Land mit besonders unerschütterlicher Gesellschaftsstruktur. Karl Marx - sein Vater ist in Saarlouis geboren - bezog den von ihm verwendeten Begriff der "Sozialen Herkunftsklasse" aus der Umgangssprache Englands. Hier gibt es ihn bis heute noch, da die Zustände, die Marx benennt, ihre alte Schärfe beibehielten. Die einzelnen sozialen Klassen in England verfügen über eine jeweils eigene Zivilisation, zu denen auch Sportarten zählen. Die Gentry, das ist der feudale Landadel, pflegte schon immer Fuchsjagd und Polo, die Upper Middle Class, das ist das Großbürgertum, betrieb Golf und Segeln, während Rugby und Fußball als Sportart der Unterschicht galten.

Der proletarische Stallgeruch haftete auch jenseits der englischen Grenzen dem Fußball an: so auch in Deutschland, wo eine seiner ältesten Hochburgen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert das Ruhrgebiet ist. In dem deutsch-polnischen Mischmilieu seiner Stahlarbeiter und Bergwerkskumpel gedieh die importierte Sportart in Windeseile. Sie verbreitete sich im dichten Gitterwerk reichsdeutscher Industriezentren von Ballungsgebiet zu Ballungsgebiet. Dass sich die Angehörigen der deutschen Oberschicht jener Zeit öffentlich für den Fußball erwärmten, war ebenso ausgeschlossen wie ihre Sympathie für die Gewerkschaftsbewegung. Sport, sofern überhaupt wahrgenommen, beschränkte sich für die Reichen und Gebildeten auf Reiten, Fechten und Tennis. Fußball gehörte den nach Armut riechenden kleinen Leuten und war geradeso verachtenswert wie das Boxen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das anders. Fußball wurde zur deutschen Nationalleidenschaft. Wichtige Bundesligaspiele beschäftigten die gesamte Bevölkerung unter Einschluss der gesellschaftlichen Eliten. So hat der in Ungnade gefallene Altbundeskanzler Gerhard Schröder in jungen Jahren auf Kreisebene gekickt, und viele unter uns können heute noch Aufstellung und Namen der legendären deutschen Weltmeisterschafts-Elf von 1954 aufsagen. Nun stammt Gerhard Schröder bekanntlich aus kleinsten Verhältnissen. Ist seine Leidenschaft für den Fußball demnach ein Überbleibsel seiner plebejischen Herkunft? Es verhält sich eher umgekehrt. Dass er bei seinem atemberaubenden gesellschaftlichen Aufstieg seine Fußball-Leidenschaft beibehielt, sagt aus, dass er sie beibehalten konnte. Damit gab er für die paradoxe Geschichte des Fußballs ein höchst musterhaftes Beispiel.

Heutzutage ist die gesellschaftliche Akzeptanz des Fußballs vollkommen. Wir aber dürfen darüber nachdenken, ob dies nur Folge jener gesellschaftlichen Umschichtungen ist, die sich beispiellos für die Menschheitsgeschichte im 20. Jahrhundert ereigneten. Oder liegt es gar am Fußball selbst? Ist er vielleicht gar nicht so roh und ordinär, wie es die Eliten seiner Entstehungszeit, die Schlachtgesänge der Zuschauer, die Prügelorgien der Fans und die unmögliche Prosa der TV-Reporter suggerieren? Dafür spräche das überhaupt allererste nachweisliche Fußballspiel in unserem Land: Es ereignete sich 1874 an dem humanistischen Gymnasium der Stadt Braunschweig.

Text: Rainer Darimont, Tel: 62843, Bild: Klaus Eisenbarth

Verein für Heimatforschung Wallerfangen