Das Saarland lag in den 1960er Jahren inmitten einer hochfrequentierten Einflugschneise und Übungszone für NATO-Streitkräfte. Triebwerksausfälle und Brände bei den einstrahligen Bombern waren in dieser Ära des Kalten Krieges aufgrund der noch jungen Jet-Technologie leider keine Seltenheit.
So geschah es am 19. Juli 1962. Am frühen Nachmittag startete die „Republic F-84F Thunderstreak“ (Foto vom verunglückten Original) in den Himmel über dem NATO-Stützpunkt Florennes, südlich der Stadt Charleroi. Am Steuerknüppel des mächtigen Jagdbombers saß der Belgier Bernard Nuttinet. Er war noch völlig ahnungslos, dass ihm nur eine knapp bemessene Zeit bis zur Katastrophe blieb. Nach etwa einstündigem Flug geriet der voll mit Kerosin und Munition bestückte Jet plötzlich in Brand. Der Pilot jagte gerade in großer Höhe über einer dicken, dunklen Wolkenbank dahin, die im saarländischen Grenzgebiet dichte Regenschauer niedergehen ließ. Dem Belgier war bewusst, dass eine Explosion der Maschine unmittelbar bevorstand. Gleichzeitig fehlte ihm aufgrund der geschlossenen Wolkendecke jede Sicht auf das Gelände darunter. Darum drückte er den Steuerknüppel nach vorne, woraufhin der bereits lichterloh brennende Jagdbomber die Wolkendecke durchstieß. Nach dem Austritt aus den Wolken befand sich die Ortschaft Rammelfangen direkt in der Flugbahn der Maschine.
Die sich nun ereignende Katastrophe entzog sich in ihrer Schnelligkeit und Heftigkeit jeder Vorstellungskraft. Augenzeugen berichteten: Das Flugzeug war zunächst wegen seines ohrenbetäubenden Lärms zu hören, noch bevor man es sehen konnte. Dann brach die hell brennende und stark rauchende Maschine in steilem Sinkflug durch die Wolkendecke. Dabei zog sie ihr Dröhnen hinab aus dem Himmel und dann in sich hinein, so als wäre es nicht von ihr selbst hervorgebracht. Trotz der extremen physischen Belastung für Mensch und Material fing Leutnant Nuttinet das herabfallende Flugzeug ab, stabilisierte es in einer halsbrecherischen Kurve in den Waagerechtflug und donnerte so knapp über die Dächer des Ortes. Als das Flugzeug die Ortslage fast hinter sich gelassen hatte, geschahen zwei Vorgänge nahezu gleichzeitig: Der Pilot löste den Katapultsitz aus und verließ die Maschine, was am Boden durch einen kleinen weißen Rauchschleier sichtbar war. Zeitgleich stürzte der brennende Jagdbomber wie ein Stein herab und explodierte 500 Meter ostwärts von Rammelfangen in offenem Gelände. Der donnernde Explosionsschlag erschütterte die ganze Umgebung. Das Flugzeug war voll beladen mit scharfer Munition. Die Sprengung zerriss die Maschine nahezu vollständig und ließ einen weithin sichtbaren Feuerball aufsteigen. Über der Absturzstelle, in der sich ein breiter Krater in den Acker gegraben hatte, stand ein dichter, öliger Rauchpilz. Die Unfassbarkeit über die Wucht, das Ausmaß und die Eigendynamik des Geschehens hielt die Zuschauer noch Augenblicke in ihrem Bann. Dann wich die Angst der Erleichterung. Plötzlich entdeckten sie den überlebenden Piloten, wie er mit seinem Fallschirm im Regensturm gegen Osten davon schwebte.
Nach seiner Landung am Rand von Wallerfangen erkundigte sich der tapfere Leutnant bei den Helfern auf Wallonisch: „Mein Gott, es wird doch niemand verletzt sein!“ Man versicherte ihm, dass sein kühnes Manöver gelungen und die brennende Maschine in ein Feld gestürzt sei. Der junge belgische Pilot (Foto) galt sofort im Dorf als Held. Dass er trotz akuter Lebensgefahr so lange in der brennenden Kanzel ausharrte, bis die Maschine Rammelfangen sicher überquert hatte, rechnet man ihm hoch an. Doch im unaufhaltsamen Lauf der Zeit verblasste selbst solch außergewöhnlicher Mut und geriet leider völlig in Vergessenheit.
Text: Rainer Darimont, T: 62843, Quelle: Studie und Fotos von Stefan Michelbacher