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Mitteilungsblatt Gemeinde Wallerfangen
Ausgabe 8/2026
Mitteilungen der Verwaltung
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Die Kapelle auf Reisen: Ein steinerner Zeuge der Familiengeschichte

Die Geschichtsschreibung hat diesen Vorfall als das dokumentiert, was er war: ein Unikum, das selbst in den entlegensten Winkeln des Deutschen Reiches seinesgleichen suchte. Im Jahr 1879 spielten hier wirtschaftliche Macht, logistische Meisterleistung und ein genialer Geistesblitz zusammen. Nur durch diese besondere Konstellation war es möglich, dass zwei bedeutende Persönlichkeiten aus Wallerfangen und Mettlach den spektakulären Umzug einer kompletten Kapelle wagten.

Ein Blick in Edith Rusers Standardwerk über die Wallerfanger Schlösser ordnet die Hintergründe ein: Bevor das prachtvollste dieser Anwesen 1870 in den Besitz der Familie Villeroy überging und fortan „Schloss Villeroy“ hieß, gehörte es Barbe-Céphalie Thierry, einer geborenen de Lasalle. Die fromme Wohltäterin ließ 1864 im Gedenken an ihren verstorbenen Ehemann an der Westseite des Schlosses eine neugotische Kapelle errichten. Ausgestattet mit feinster Bauzier, galt das Gotteshaus als eines der künstlerisch wertvollsten der Region. Zeitweise diente es den Borromäerinnen als Krankenhauskapelle, stand aber auch der Wallerfanger Bevölkerung für die tägliche Messe offen.

Der Erbe und neue Schlossherr Ernest Villeroy, Leiter der Steingutfabrik und Neffe von Adolphe de Galhau, gestaltete das Ensemble in den 1870er Jahren tiefgreifend um. Er schuf das architektonische Juwel, das wir heute als Schloss Villeroy bewundern. Da im Sophienpark zeitgleich ein neues Krankenhaus samt Kapelle den Betrieb aufnahm, wurde das bisherige Gotteshaus an der westlichen Schlosswand entbehrlich – der Startschuss für ein beispielloses Vorhaben.

Ernest Villeroy überließ die Kapelle seinem Onkel Eugen von Boch. Der Patriarch und Leiter des Familienunternehmens plante, das Bauwerk für sein eigenes Krankenhaus in Mettlach zu nutzen. Und so geschah das Unglaubliche: 1879 ließ von Boch die Kapelle Stein für Stein abtragen. Die Fracht wurde auf Treidelschiffen die Saar hinab nach Mettlach transportiert und dort, über einer eigens errichteten Familiengruft, originalgetreu wiederaufgebaut.

Heute verblüfft das schmale Bauwerk mit seinem steilen Dach durch eine außergewöhnliche ästhetische Vielfalt. Während das Portal in hellem Sandstein strahlt, zeigt sich das Kirchenschiff in warmem Rotsandstein. Im Inneren raubt die Farbenpracht dem Betrachter den Atem: Spätnazarenische Malereien treffen auf vier Kreuzrippengewölbe in tiefstem „Wallerfanger Blau“, besetzt mit goldenen Sternenpunkten (Foto). Dieser „himmlische Baldachin“ korrespondiert perfekt mit den Mettlacher Platten des Chorfußbodens und der prächtigen Wandzone in Blau- und Goldtönen. Baukunst ist hier die Destillation von Gefühlen in präzise Formen und Farben.

Tief unter dem prachtvollen Gemäuer ruhen die Generationen derer von Boch in einem gleichermaßen raffinierten wie platzsparenden System aus Grabnischen. Diese Wandgrabanlage ist begehbar und entschlüsselt mithilfe von steinernen Namensplatten auf den Schubladen eindrucksvoll die genealogische Tiefe der Ahnenreihe.

Text und Foto: Rainer Darimont, Tel: 06831 62843, Bildtech. Klaus Eisenbarth

Verein für Heimatforschung Wallerfangen e. V.