Die Sonderausstellung zum 500-jährigen Jubiläum des Schützenwesens in Zella-Mehlis im Stadtmuseum Beschußanstalt wird von den Besuchern gut angenommen und die städtischen Museen haben auch diverse Neuzugänge in Form von Schenkungen erhalten. Das Objekt des Monats Juli gehört ebenfalls zum Thema Schützenwesen: Der Römer aus braun-grünem Glas. Die auf einem Wickel-Fuß sitzende Kuppa, so die fachliche Bezeichnung für die Schale des Trinkgefäßes, ist bemalt und mit einem Goldrand versehen.
Der Begriff „Römer“ bezeichnet ein im 16. Jahrhundert aus dem Waldglas entwickeltes Trinkgefäß für Wein. Es lässt sich vermutlich auf das lateinische „vitrum romarium“ (römisches Glas) zurückführen, denn das Material bestand aus Bruchstücken altrömischen Glases. Im 17. Jahrhundert wurde der klassische Römer mit geripptem Fußreif, hohlem Schaft und Kuppa gefertigt. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelt sich eine beachtliche Formenvielfalt des Römers. Die Kuppa wurde mit Malerei und Gravur unterschiedlicher Dekore veredelt. Die bedeutendsten Produktionsstätten für diese befanden sich in Theresienthal, Wadgassen, Köln-Ehrenfeld und Rheinbach. Eine eindeutige Bestimmung des Herstellungsortes des Römers, der als Objekt des Monats dient, ist aufgrund fehlender Signaturen oder Marken nicht möglich.
Die Kuppa des Römers ist mit Motiven bemalt, die Aufschluss über seinen Zweck geben. Auf einer Seite zeigt er über und unter einer mit Fahnen geschmückten Zielscheibe die Inschrift: „Zur Erinnerung an das 50jährige Jubelfest des Deutschen Schützenbundes Gotha, den 11. Juli 1911.“ Damit ist klar, dass das Glasobjekt für die Feierlichkeiten vom 8. bis 11. Juli 1911 als Ehrengabe angefertigt wurde. Aktuell kann der Deutsche Schützenbund auf 165 Jahre Geschichte zurückblicken. Von den Feierlichkeiten im Jahre 1911 ist die Fest- und Schießordnung überliefert, aus der hervorgeht, das „… Ein mit fürstlichen und bürgerlichen Stiftungen reich ausgestatteter Gabentempel …“ für die Teilnehmer bereitgestellt wurde. Als Gaben werden unter anderem „… erinnerungsreiche Münzen, Löffel und Becher …“ aufgezählt und sicher gehörte auch der Glaspokal dazu.
Die Wurzeln des deutschen Schützenwesens reichen weit zurück. Die Gründung von Schützengilden erfolgte, um Städte und deren Bevölkerung vor Plünderung, Brandschatzung und ähnlichen Bedrohungen zu schützen. Entsprechende Schützenordnungen wurden erlassen. Im Rahmen von Schützentreffen wurden Wettkämpfe abgehalten. Das Schützenwesen erlebte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine Blütezeit. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war vielerorts ein sinkendes Interesse zu verzeichnen. Erst mit dem Ende der napoleonischen Fremdherrschaft 1815 und den revolutionären Bestrebungen um 1848 erlebten die Schützentraditionen eine Renaissance. Im Sommer des Jahres 1858 wurde bei einer Versammlung der Thüringer Schützenvereine auf Anregung Albert Sterzings der Beschluss gefasst, erneut ein gemeinsames Fest zu veranstalten. In diesem Kontext manifestierte sich der Wunsch nach einer Revitalisierung der deutschen Einheit und Nationalstaatlichkeit. Dieser Gedanke wurde bei der Gründung des Deutschen Schützenbundes am 11. Juli 1861 in Gotha unter der Schirmherrschaft von Herzog Ernst II. berücksichtigt. In der Folge erlebte das Schützenwesen in vielen Regionen eine Auferstehung.
Die andere Seite des Römers ist dem Gründer und ersten Präsidenten des Deutschen Schützenbundes, Albert Sterzing, gewidmet. Sein Porträt ist mit Lorbeer- und Eichenlaub sowie seinem Namen verziert.
Gotthilf Albert Sterzing wurde als zweites von elf Kindern des Amtsphysicus Sterzing am 26. Februar 1822 in Zella St. Blasii geboren. Bereits in frühester Kindheit wurde er mit der waffenproduzierenden Industrie und dem damit einhergehenden Schützenwesen der Stadt vertraut gemacht. In den Jahren 1834 bis 1840 absolvierte er seine Schulbildung am Gymnasium in Gotha. Im Anschluss studierte er Rechtswissenschaften in Jena. Nach Abschluss seines Studiums war er am Justizamt in Zella St. Blasii tätig und leistete seinen Dienst als Milizsoldat. Im Jahr 1848 wurde er Aktuar am Amt Liebenstein, wo er bis 1854 arbeitete. Im Anschluss daran nahm er eine Stellung als Amtskommissar in Gotha ein und fungierte später als Staatsanwalt. Ab dem Jahr 1865 bekleidete er die Position des Vorstands des Stadtgerichts in Gotha und wurde zum Direktor des Landgerichts ernannt. Das Leben Albert Sterzings in Gotha war auch durch seine Tätigkeit im Vorstand der „Altschützengesellschaft“ geprägt.
Sterzing war es, der die Idee eines großen Schützenfestes zur Vereinigung der deutschen Schützen hatte. An der Spitze der Organisatoren, unterstützt durch Herzog Ernst II., gelang die Durchführung des Festes. In dessen Verlauf wurde schließlich am 11. Juli 1861 der Deutsche Schützenbund gegründet. Von 1862 an bis zu seinem Tod am 17. Oktober 1889 war Albert Sterzing Präsident des Deutschen Schützenbundes. Zwei Jahre nach seinem Tod errichtete der Deutsche Schützenbund ihm zu Ehren auf dem Schießstandgelände der Altschützengesellschaft zu Gotha ein Denkmal. Regelmäßig erfolgt hier die Würdigung von Albert Gotthilf Sterzing durch die Schützen. (ls)