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Stadt Anzeiger
Ausgabe 16/2026
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Aus den städtischen Museen: Objekt des Monats August - Gäulskopf

 

Der diesjährige Sommer hat bereits einige heiße Tage beschert. Ohne Sonnenschutz auf dem Kopf sind diese fast nicht auszuhalten. Während heute Basecaps und Fischerhüte das Bild prägen, fanden bis um 1900 der Gäulskopf und seine Verwandte, die Erntehaube, als Kopfbedeckung für die Frau Verwendung. Ein Pferdekopf als Sonnenschutz? Ja, ein Teil der örtlichen Tracht hat diesen lustigen Namen und schützte in schlichter Form bei der Feldarbeit seine Trägerin, wurde aber auch aufwendig verziert als Kopfputz zur Festtagstracht getragen.

Der Fachbegriff für diese Hutform ist Schute. In der hiesigen Region war sie aus Stroh geflochten. Am Hinterkopf wie ein flacher Kreis umrahmt sie das Gesicht mit ihrer durchgehenden breiten Krempe wie ein Tunnel. So entstand wohl auch ihr Spitzname, denn von weitem erinnert sie tatsächlich an einen länglichen Pferdekopf. Auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Scheuklappen eines Pferdes ist nicht von der Hand zu weisen.

Getragen wurde diese vom späten 18. bis ins späte 19. Jahrhundert beliebte Haubenform zu verschiedenen Anlässen. Als Erntehaube war sie oft aus Stoff gefertigt und wurde hierzu mit Metallbügeln in Form gehalten und unter dem Kinn gebunden. Teils war hinten zusätzlich ein Stück Stoff angesetzt, so dass der Nacken vor der Sonne geschützt wurde.

Denn anders als heute galt über Jahrhunderte eine helle Haut als edel. Wer es sich leisten konnte, nicht auf dem Feld und im Freien zu arbeiten, war meist wohlhabend und hatte eine vornehme Blässe. Schon in den Märchen wird von schönen Prinzessinnen mit heller Haut erzählt. Um dem nahezukommen, versuchte sich die arbeitende Bevölkerung bestmöglich vor der Sonne zu schützen.

Der Gäulskopf schützte aber nicht nur die Trägerin, sondern war sozusagen Pflicht. Als Haube, vom althochdeutschen huba abgeleitet, bildete er eine Kopfbedeckung, die die Haare vollständig umschließt, eine Hals- und Gesichtsöffnung hat und unter dem Kinn geschlossen wird. Seit dem Mittelalter galt die Regel, dass Frauen nach der Eheschließung ihre Haare nicht mehr offen tragen durften und sie verdecken mussten. Mit der Hochzeit „kamen sie unter die Haube“. Über Jahrhunderte und noch bis zum Zweiten Weltkrieg gehörte eine Kopfbedeckung bei Frau, aber auch Mann, zum guten Ton. Heute fällt man als Hutträgerin auf, es sei denn man ist englischer Royal oder geht zum Pferderennen.

Aktuell scheint die Haube und der Schutenhut, außer bei Lebens- und Religionsgemeinschaften der USA, wie den Amish oder den Hutterern, völlig aus der Mode gekommen. Ein Phänomen ist jedoch die Serienverfilmung „Der Report der Magd“ nach Margaret Atwoods dystopischen Roman „The Handmaid’s Tale“ von 1985. Hier tragen die unterdrückten Frauen rote Mäntel und weiße Hauben. In vielen Teilen der Welt protestieren Frauen gegen Unterdrückung und tragen dabei, adaptiert aus dieser Serie, rote Mäntel und weiße Hauben.

Das Erscheinungsbild des Gäulskopfs unserer Tracht entstand über einige Entwicklungsstufen in der Zeit des Klassizismus, des Empire und des englischen Regency, Stichwort: Jane Austen-Mode. Zunächst in ähnlicher Form als Stoffhaube auch im Haus getragen, entwickelte sich die Schute zu einer eigenständigen Hutform für die Frau. Einen Höhepunkt in der Mode erlebte der Schutenhut aus Strohgeflecht im deutschen Biedermeier, das heißt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals waren Hutkopf und Krempe allerdings noch nicht ganz zu einem Teil verschmolzen, sondern die Krempe öffnete sich im Gesichtsfeld nach außen. Nicht zu vergessen, dass Haartracht und Hutmode einander bedingten. So war es im Biedermeier für die Frauen schick, die Haare hoch am Hinterkopf zu einem Knoten zusammenzufassen. Das Gesicht wurde dabei seitlich von kleinen Locken oder Haarknoten umschmeichelt, die aus der Umrahmung durch den Schutenhut hervorschauten. Mit sinkendem Haarknoten und der Adaption in die Trachtenmode verschmolzen Hutkopf und Krempe zu einer Einheit.

Regional war der Gäulskopf als Trachtenbestandteil im gesamten Werra-Gebiet, der hennebergisch geprägten Region, verbreitet. Schlichte Arbeitshüte haben sich weniger erhalten. Aufwendig verzierte Modelle sind jedoch aufbewahrt worden und auch in verschiedenen Ausführungen in den Sammlungen der städtischen Museen zu finden. Die Stücke unterscheiden sich trotz ihrer einheitlichen Grundform: Bänder, Borten, Spitzen, Perlen und Kunstblumen sind auf den Hut zu Schleifen gelegt und drapiert. Innen ist der Gäulskopf mit einem farblich passenden oder kontrastierenden Baumwollstoff „gefüttert“. Die Fülle des Hutschmuckes zeigte sicherlich auch immer ein wenig, wer Geld hatte. Bänder, Borten, Spitzen und Kunstblumen aus Seide waren Kostbarkeiten, die man zum Beispiel auch vom Liebsten geschenkt bekam.

Der Gäulskopf war nicht die einzige Kopfbedeckung in unserer Trachtenregion. Das Häubchen, der Heidlappen oder die Jungmädchentracht in Hellblau gehörten ebenfalls zu der Vielzahl.

Lassen Sie sich im Museum inspirieren, denn angesichts steigender Temperaturen, einem wachsenden Bewusstsein für Hautgesundheit aber auch weil es so viele tolle Modelle gibt, kann man Frau nur raten: mehr Mut zum Hut! (ms)