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Stadt Anzeiger
Ausgabe 18/2026
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Aus den städtischen Museen: Objekt des Monats September - Schmelztiegel

Im September 1994 wurden bei Abriss- und Bauarbeiten in der Zellaer Kirchstraße dutzende an Fliegerbomben erinnernde zylindrische Hohlkörper gefunden. Die Herkunft und der Verwendungszweck dieser Hohlkörper waren zunächst rätselhaft. Einige unbeschädigte Exemplare wurden in das Heimatmuseum gebracht und fanden 2002 in der neu gestalteten Ausstellung zur Geschichte der Eisengewinnung und -verarbeitung im Stadtmuseum Beschußanstalt als wichtiger Sachzeuge zur Industriegeschichte ihren Platz.

Denn wie vermutet, haben diese Zylinder etwas mit einer Gießerei zu tun. Nach Recherchen wurden weitere Erkenntnisse gewonnen. Allerdings bleiben einige Fragen offen. Es ist nach wie vor nicht genau bekannt, wie diese Objekte an den Fundort gelangt sind, denn eine Gießerei ist für diese Stelle nicht überliefert.

Eine Recherche in den vorhandenen Adressbüchern aus den Jahren 1913 und 1925 ergab, dass es einen Eintrag der Fa. „Gebrüder Decker“ mit dem Standort Oberzella 8 (zwischen Hammerweg und Gießereiweg) gab. In den späteren Adressbüchern (1928/29) findet sich hierzu kein Eintrag mehr. Wahrscheinlich hatten die Gebrüder Decker in der Zwischenzeit ihr Geschäft aufgegeben, zumal mit der ab 1922 erbauten Gießerei der Mercedes Büromaschinenwerke eine modernere Alternative entstand.

Welche Informationen liefern die Tiegel? Sie haben eine bauchig-zylindrische Form, sind circa 40 Zentimeter hoch und haben einen Öffnungsdurchmesser von etwa 15 Zentimetern. Unten sind sie für einen besseren Stand abgeflacht. Die Tatsache, dass sie außen und innen mit glasartiger Schlacke verkrustet sind, beweist, dass sie unter großer Hitze standen und tatsächlich verwendet wurden. Ein Schriftzug auf der Außenseite des Schmelztiegels gibt einen Hinweis auf den Hersteller: „MORGAN'S PATENT“.

Schmelztiegel sind seit der Bronzezeit im Einsatz und im Mittelalter waren sie ein wichtiges Handwerkszeug. Sie wurden zum Metallguss, zur Metallgehaltsprüfung und in der Alchemie verwendet. Tiegel waren Massenware. Man findet sie in Münzwerkstätten, in Goldschmieden und an etlichen anderen Orten. Es war nichts Ungewöhnliches, dass die Handwerker ihre Tiegel selbst herstellten. Bis ins 12. Jahrhundert wurden Schmelztiegel aus Ton und anderen Erden gefertigt. Später entdeckte man die besondere Eignung von hoch hitzebeständigen Mineralen, mit denen der Ton angereichert wurde. Tiegel wurden zum Reinigen und Schmelzen von Metallen wie Stahl, Messing oder Bronze verwendet, den eisenhaltigen Schlacken nach, die bei den Tiegeln gefunden wurde, war es wohl Stahl. Die Schmelze wurde in eine Form gegossen, daher müssen sie extremen Temperaturen standhalten und ihren Inhalt mit minimalem Festhalten ausgeben.

Die Tiegel wurden nach dem Patent der Morgan-Brüder hergestellt. Die gründeten 1856 die „Patent Plumbago Crucible Company“ und stellten Tiegel in einer kleinen Fabrik in Battersea, einem Ortsteil im Süden Londons, her.

Die Zugabe von Grafit war die entscheidende Verbesserung, die die Eigenschaften von Schmelztiegeln optimierte und einen technologischen Fortschritt in der Gießereitechnologie und Metallurgie brachte. Die Vorteile von Grafittiegeln wurden erstmals auf der „Great Exhibition“ in London 1851 präsentiert.

Die Morgans haben kristallinen Grafit in Fässern importiert, vor allem aus der britischen Kolonie Ceylon, heute Sri Lanka. Dann haben sie ihn mit englischen Tonen gemischt und in Öfen zu Tiegeln gebrannt. Ihre Produkte wurden in London und Indien verwendet und auch an offizielle Münzen in Frankreich und Deutschland exportiert. Im Jahr 1861 wurden ihre Produkte auf einer großen internationalen Londoner Ausstellung prämiert.

Diese Tiegel werden in Tiegelöfen verwendet, um Stahlsorten, Bronze und Messing zu schmelzen. Dabei ist es wichtig, dass die Tiegel nicht der Wirkung der Feuergase ausgesetzt werden. Das Brennmaterial umgibt diesen von außen. Die Wärmeübertragung vom Brennmaterial erfolgt durch die Wände des Tiegels. Der Tiegel wird während des Schmelzens mit einem Deckel verschlossen, um die Einwirkung der atmosphärischen Luft zu verhindern. Der Tiegel wird lose in den Ofen hineingesetzt und mit Handhaben versehen, damit er leicht herausgehoben werden kann.

Die Einrichtung von Tiegelschmelzereien hängt von den örtlichen Verhältnissen ab. Die Tiegel stehen im Verbrennungsraum. Dieser ist mit Schamottesteinen ausgemauert und hat einen Rost. Darauf liegt das Brennmaterial. Ein Deckel verschließt den Raum. Der zweite Deckel muss luftdicht aufgeschraubt werden. Zwei Abzugskanäle, die in einen Schornstein führen, können einzeln durch Klappen nach Wunsch reguliert werden. Zum Aus- und Einsetzen der Tiegel dient entweder ein kleiner Kran mit Flaschenzug oder eine Zange zum Anfassen. Ein kleinerer Tiegel hat einen Inhalt von 30 bis 50 Kilogramm. Es gibt jedoch auch solche, die bis 200 Kilogramm fassen.

Noch heute werden solche Tiegel für den Metallguss in gefertigt und benutzt. Die 1856 gegründete Firma der Gebrüder Morgan gehört nach wie vor zu den führenden Unternehmen in der Branche. Seit dem 21. Jahrhundert hat die Firma Morgan ihre Aktivitäten neu organisiert. 2013 wurde der Name in „Morgan Advanced Materials“ geändert, um die weltweit führenden Kompetenzen des Unternehmens in der Materialwissenschaft, der Herstellung und der Anwendungstechnik besser widerzuspiegeln.

Die Tiegel in der Ausstellung des Stadtmuseums Beschußanstalt sind ein Musterbeispiel für die wirtschaftliche und innovative Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert. (ls)