Die beliebte Führung „Hinter den Kulissen“ im Stadtmuseum Beschußanstalt zum vergangenen Stadtfest brachte auch für das Museumsteam spannende Erkenntnisse. Denn ein Besucher aus der Partnerstadt Andernach entdeckte im Depot für Keramik und Glas unscheinbare Objekte und war sogleich begeistert. Ihn faszinierten Mineralwasserflaschen aus Steinzeug.
Im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte der Mineralwasserversand ausschließlich in Steinzeugflaschen, die anfänglich eher bauchig hergestellt waren, mit der Zeit aber immer schmaler und gerader im Aussehen wurden. So konnten sie leichter transportiert werden. Oben hatten sie einen kleinen Henkel. Zum Schutz vor dem Entweichen der Kohlensäure wurde die Öffnung der Krüge nach dem Befüllen mit Lederhäuten verschlossen und zum Abdichten in Wachs oder Baumharz getaucht. Der Inhalt variierte, bei diesen Stücken zwischen 1 bis 1,5 Litern. Bis zum Einsatz von Krugpressen ab 1879 erfolgte die Herstellung der Steinzeugflaschen in Handarbeit. Die meisten dieser Töpferwaren stammen aus Kleinbetrieben im sogenannten „Kannenbäckerland“, einer Landschaft im rechtsrheinischen Teil des Westerwalds mit einer sehr alten keramischen Tradition und den größten und qualitativ hochwertigsten Tonvorkommen Europas. In den Ton der Flasche presste man das Siegel der Mineralquelle, beziehungsweise das der Brunnenverwaltung, die abfüllte. Der Kannenbäcker, Töpfer oder auch Euler (von lat. olla = Topf) ritzte oder stempelte zudem sein Ortskürzel und eine (Betriebs-) Nummer ein und ist auf diese Weise meist noch heute identifizierbar. Um 1900 lösten Glasflaschen flächendeckend die Steinzeugflaschen ab.
Die zahlreichen Krüge im Museumsbestand zeugen von einer Wiederverwendung: Der Ausschuss wurde teilweise als Drainage in Äckern vergraben. Die Museumsflaschen könnten sicherlich einige Geschichten erzählen von der Verwendung als Behältnis für Öle, Petroleum, Benzin bis hin zu Opas Selbstgebrannten.
Der Besucher aus Andernach recherchierte anhand zweier ausgewählter Krüge in seiner Heimat - vielen Dank - und kam zur Erkenntnis:
Inventar-Nr. 3377: Aus dem kleinen, unbedeutenden Brunnen von Geilnau an der Lahn wurde von 1780 bis 1894 Mineralwasser versandt. […] Der Stempelaufdruck GEILNAU mit den Buchstaben „B“ „M“ steht für die Speditionsfirma Boehm&Marchand aus Offenbach, die den Brunnen 1809 für 24 Jahre gepachtet hatte. Das heißt, der Krug 3377 stammt definitiv aus der Zeit zwischen 1809 und 1832. […] Die Farbunterschiede hängen mit dem Standplatz des Kruges während des Brennvorganges zusammen. Bei voller Sauerstoffzufuhr wird der (Westerwälder) Krug braun, bei reduzierter Sauerstoffzufuhr grau und dazwischen liegen jede Menge Farbnuancen.
Inventar-Nr. 3385: Hierbei handelt es sich um einen Mineralwasserkrug der (Bad) Emser „Kraenches-Quelle“. Aus der Einritzung unterhalb des Henkels M 125 kann man erkennen, dass er in Mogendorf hergestellt wurde. Der Stempelaufdruck [...] trägt in der Mitte ein „N“ mit Krone. Das heißt, dieser Mineralwasserkrug stammt aus der Zeit nach der Annexion von Nassau durch Preußen im Jahr 1866. Bis dahin hatte (Bad) Ems zum Herzogtum Nassau gehört und im Stempel-Innenbereich stand ein „HN“.
Von diesen älteren Krügen vor 1866 finden sich zwei weitere in den Museumsbeständen. Daneben stammen Museumsflaschen vom Fachinger Mineralbrunnen oder aus Bad Kissingen. Vier Flaschen wurden in Niederselters und Selters abgefüllt. Die Brunnen haben ihren Namen nach lateinisch aqua saltare = tanzendes Wasser und prägen den Begriff Selterwasser bis heute.
Mineralwasser war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich natürlichen Ursprungs und zunächst ein Luxusprodukt. Im Jahr 1816 kosteten in Niederselters 100 Mineralwasserkrüge ohne Transport 11 Gulden, was gemessen an der damaligen Kaufkraft heute umgerechnet etwa 10 Euro pro Flasche entspricht. Das stand ihrer Verbreitung nicht im Wege, deutschlandweit finden sich vollständige Mineralwasserkrüge und bei archäologischen Ausgrabungen auch deren Scherben. Der Export erfolgte zudem weltweit. Nachweise gibt es unter anderem in den Niederlanden, Irland, Kalifornien und Java.
Meist wurden die Wässer zu Heilzwecken, zum Beispiel bei Magenbeschwerden, konsumiert. Verschiedenen Wässern sprach man besondere Heilwirkungen zu. In den Bädern der Kurorte wurde Mineralwasser nicht nur äußerlich, sondern mittels Trinkkuren auch innerlich angewendet und so immer populärer.
In den Museumsregalen lagern auch vier Flaschen eines regionalen Produkts: Friedrichshaller Bitterwasser aus Lindenau. Die Tonflaschen, wohl gefertigt in der Nähe von Bad Brückenau, haben eine viereckige Form. Die Lindenauer Salzquellen sind seit 1152 urkundlich nachweisbar. Seit etwa 1820 wird im Ort Salzwasser durch Tiefbrunnen beziehungsweise Bohrungen gefördert. Das „Friedrichshaller Bitterwasser“ erlangte internationalen Ruf und erhielt beim Weltkongress der Medizin 1913 in London als einziges medizinisches Präparat die Goldmedaille. Anerkannt wurden Heilerfolge bei Rheumatismus, Fettreduktion, Depression, Zellkommunikation, Neuropathien und Stoffwechselstörungen. Das Bitterwasser wurde jährlich in mehr als 400.000 Tonkrügen exportiert. Selbst zu DDR-Zeiten noch verkauft, konnte die Marke nach der Wende jedoch bis heute nicht wiederbelebt werden.
Wer einen Blick hinter die Kulissen werfen und die Schätze unserer Depots kennenlernen möchte, hat zum Internationalen Museumstag am 17. Mai jeweils um 11 und 14 Uhr dazu Gelegenheit. (ms)