Titel Logo
Friedrichsthal Aktuell
Ausgabe 49/2021
Informationen
Zurück zur vorigeren Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Bosener Gruppe, Mundartkolloquium Saar-Lor-Lux

Als das lange Warten noch geholfen hat

Das Gedicht „Durch's Schlisselloch gespitzt“ der rheinfränkischen Autorin Liesl Ott ist Mundarttext des Monats im Dezember 2021, darauf hat sich das Kolloquium der Bosener Gruppe verständigt. Der Text wurde ausgesucht, so Karin Klee, Autorin und Sprecherin der Gruppe, weil es einen nostalgischen Ausflug in eine Zeit ermöglicht, die es in dieser geduldigen Vorfreude auf etwas, das ein glückbringendes Geheimnis birgt, in dieser Form heute kaum mehr gibt.

Über den ausgewählten Text schreibt die Autorin Relinde Niederländer:

Liesl Ott (*25.11.1900 in Zweibrücken, +1982) entdeckte sie im Alter von 50 Jahren ihre Liebe und ihr Talent zum Schreiben von Mundartgedichten. Ab 1953 beteiligte sie sich am alljährlich stattfindenden Bockenheimer Mundartdichterwettstreit und war dort insgesamt zwölfmal erfolgreich.

In ihrem Gedicht „Durch´s Schlüsselloch gespitzt“ beschreibt Liesl Ott in gefühlvoll gestimmter Weise ihre kleine Welt drei Tage vor Heiligabend, die allen nicht mehr ganz jungen Menschen heute in Gedanken noch präsent sein dürfte. Gab es doch für Kinder das ungeduldige Warten vor einem verschlossenen Zimmer, in das das Christkindchen unter strengster Geheimhaltung seine Gaben niederlegte, noch bis fast in die 70er Jahre.

Durch´s Schlisselloch gespitzt

Ich han durch´s Schlisselloch gespitzt,

das war ganz wunerbar!

Es hat so silberich geblitzt –

ob das es Chrischkind war?

Ich han e ganzi Weil gelauscht,

ob ma´s net redde heert.

Es hat geknischtert und gerauscht

als hätt´s mer schun beschert.

Es hat no Gutselcher geroch,

no Wachs un Tannegrien …

Un dann han ich durch´s Schlisselloch

was helles leichte siehn.

Was werd nur unner´m Bäämche stehn,

wann Weihnachtsowend is?

Noch dreimool muss ich schloofe gehn,

dann weeß ich´s ganz gewiss.

Liesl Ott