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Friedrichsthal Aktuell
Ausgabe 6/2019
Aus unserer Stadt
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„Per la vita!“ - Ein Abend mit Esther Bejarano im Rechtsschutzsaal

Esther Bejarano überlebte das KZ, weil sie ein Instrument spielen konnte. Heute setzt sich die 94-jährige Esther Bejarano mit Musik gegen das Vergessen ein. Die Arbeitskammer des Saarlandes und die DGB-Jugend Rheinland-Pfalz/Saarland hatten unter dem Motto „Per la vita“ für den Vorabend des Holocaust-Gedenktages in das Haus der Solidarität, den Rechtsschutzsaal zu Friedrichsthal-Bildstock eingeladen.

Zunächst las Esther Bejarano aus ihrem mit „Erinnerungen“ titulierten Buch. Die zierliche Persönlichkeit entfaltete bereits zu Beginn eine faszinierende Wirkung - mit sicherer Stimme zog die vor Vitalität strotzende Frau die Zuhörerschaft in ihren Bann.

Dass sie als Holocaust-Überlebende in Schulen als Zeitzeugin berichtet, ist eine ihrer Aufgaben, aber dass sie gemeinsam mit Hip-Hoppern den Rap auf die Bühne bringt, das ist schon eine ganz besondere Sache. Sie singt auf Deutsch, Hebräisch, Italienisch und Türkisch gegen Rechts an. Damit hat die Ehrenbürgerin von Saarlouis schon einen ganz eigenen Weg eingeschlagen. Sie versteht es, auch Jugendliche zur Erinnerungsarbeit zu führen.

Begleitet wurde Esther Bejarano von der Kölner Rap-Gruppe „Microphone Mafia“, und diese Zusammenarbeit währt bereits seit rund 10 Jahren. Bejarano kombinierte bei ihrem Auftritt mit der „Microphone Mafia“ eine Lesung aus ihrer Biographie mit Anekdoten zur Kooperation mit der Band und einem Programm aus alten und neuen Songs, die als Rap neu interpretiert werden: jiddische Weisen, Arbeiterlieder und Schlager.

Es war ein Schlager, der Bejarano einst das Leben gerettet hatte. Sie wurde 1924 als Tochter eines jüdischen Kantors in Saarlouis geboren, wurde 1943 deportiert und erlitt die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. Bejarano berichtete, dass sie mit dem Lied „Du hast Glück bei den Frau‘n, Bel Ami“ die Aufnahmeprüfung ins Mädchenorchester Auschwitz bestanden hatte. Sie spiele Akkordeon du später auch Blockflöte, ihre Mitgliedschaft im Orchester war für sie eine Überlebensversicherung. Sie musste musizieren, während Menschen vergast wurden.

Diese Erfahrung war, so ließ Bejarano wissen, „eine schreckliche psychische Belastung“. Dann las sie wieder und berichtete von den alltäglichen Greueln im Lager, kurz vor Kriegsende nahm sie am Todesmarsch in die Freiheit teil und wurde durch amerikanische Soldaten gerettet - von denen sie ein Akkordeon erhielt - jetzt konnte sie musizieren während Hitlers Konterfei verbrannt wurde.

„Dieses Bild werde ich nie vergessen. Das war meine Befreiung vom Hitler-Faschismus - und meine zweite Geburt“, so Esther Bejarano. Nun setzt sie ihre ganze Kraft für die Aufklärungsarbeit ein.

Die Veranstalter waren vom Zustrom zu dieser Veranstaltung sichtlich beeindruckt, letzthin mussten einige Gäste sogar die Vorführung erleben. Der guten Stimmung tat dies jedoch keinen Abbruch: immer wieder sang das Publikum mit und als ein Banner mit der Aufschrift „Nie wieder Krieg!“ entrollt war, feierte man Bejarano mit „Bella Ciao“ und stehendem Applaus.

Die Arbeitskammer ruft nun zum ersten Mal den „Esther-Bejarano-Preis“ aus, der im Rahmen des Projekts „Erinnert Euch!“, eines Filmwettbewerbs für Jugendliche, verliehen wird.