Titel Logo
Sulzbacher Umschau
Ausgabe 34/2026
Geschichte der Woche
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Eine persönliche Erinnerung an die Stadtwerdung Sulzbachs

Wie haben Kinder die Stadtwerdung Sulzbachs im August 1946 erlebt? Einen ganz persönlichen Einblick in diese bewegte Zeit gibt uns die Erinnerung von Wilma von Rüden, geborene Jankowsky, die damals 13 Jahre alt war. Ihre Schilderungen wurden uns als persönliche Zeitzeugenerinnerung zugespielt und vermitteln eindrucksvoll, wie die Nachkriegszeit, die schwierige Versorgungslage und schließlich die Stadtwerdung aus der Sicht eines Schulkindes wahrgenommen wurden.

Zwischen Hunger und Lebensmittelknappheit, besonderen Vorbereitungen in der Stadt und den Feierlichkeiten zum großen Tag entstand für die junge Wilma eine Erinnerung, die sie ein Leben lang begleiten sollte. Besonders eindrücklich blieb dabei ein Geschenk, das für heutige Verhältnisse unscheinbar wirken mag, für die Kinder damals jedoch etwas ganz Besonderes war.

Sulzbach wird Stadt

(Stadtwerdung von Sulzbach aus der Sicht eines Schulkindes)

Das Nachkriegsjahr 1946 war eines der schlimmsten Hungerjahre nach dem zweiten Weltkrieg. Es gab winzige Rationen auf Lebensmittelkarten. Z.B. Bekam ein Schulkind eine monatliche Zuteilung von 125 Gramm Quark. Ab und zu gab es Sonderzuteilungen z.B. Evangelische Heringe oder katholische Butter. (Verteilstelle kath. Vereinshaus – Klosterkeller.) Diese Spenden kamen aus dem Ausland. Auch die Schulkinder bekamen je nach Gesundheitszustand eine Suppe (sog. Quäkerspeisung). Wie oft ein Kind eine Suppe pro Woche bekam, bestimmte ein Arzt (Dr. Viveroux und die Gemeindeschwester. Die beiden Prüfer kamen in die Klasse, wir mussten aufstehen; wer dünn war, bekam jeden Tag eine Suppe, andere nur zweimal oder gar nicht. Ich hatte rote Backen und sah trotz Hunger gut aus, bekam also keine Suppe. Ich begann zu weinen und der Arzt fragte mich: „Kind warum weinst du?“ Meine Antwort: „Ich habe auch Hunger!“ Der Arzt und die Fürsorgerin beratschlagten und ich bekam einmal in der Woche einen Teller Suppe. Die Bergleute bekamen auf der Grube Sonderzulagen, weil sie schwer arbeiten mussten. Auf der Grube Mellin war eine Küche eingerichtet, wo täglich für die Bergleute gekocht wurde. Die Frauen in der Küche schälten die Kartoffeln dick ab. Unsere Mütter standen täglich mit Töpfen und Eimern versehen Schlange, um von diesen Kartoffelschalen etwas zu ergattern. Zu Hause wurden die Schalen gekocht und gepellt. Wer Verwandte auf dem Land hatte, war besser dran. So viel zu der damaligen Versorgungslage.

Dann kam der August 1946. Sulzbach wurde Stadt. Natürlich war das für uns Kinder sehr aufregend. Wir hatten intensiven Heimatunterricht, mehr als all die Jahre zuvor. Wir besuchten alte Häuser und Felder und Grundstücke und beobachteten, wie manche Hausbesitzer ihren Häusern einen neuen Anstrich gaben, um alles für den besonderen Tag schön herauszuputzen. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Z.B. Das Malergeschäft Göhr in der Vopeliusstraße hatte damals noch einen kleineren Anbau, der heute nicht mehr existiert. Dieser Anbau wurde mit einem Spruch versehen: „Glück und Unglück, beides trag in Ruh. Alles geht vorüber und auch Du“. Ebenso wurde im Gartem von Dr. Jost neben der Kirche eine Sonnenuhr angebracht mit einem Spruch: „Post mortem omnes tempus habebunt.“ Zu Deutsch: Nach dem Tode werden alle Zeit haben. Der Garten existiert heute auch nicht mehr.

Dann kam endlich der große Tag. Es gab viele Feierlichkeiten, und wahrscheinlich waren auch hohe französische Beamten an dem Tag in der Stadt. Aber das Allergrößte war ein besonderes Geschenk für uns Schulkinder: Jedes Schulkind bekam einen

Doppelweck und eine ganze Servelatswurst (Ähnlich einer Bockwurst)

Woher diese Gottesgabe kam, weiß ich bis heute nicht. Aber wie sie schmeckte, kann ich heute noch fühlen. Es ist meine schönste Erinnerung an die Stadtwerdung von Sulzbach.

Ich liebe meine Heimatstadt, bin hier geboren und habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich hätte nie anders wohnen wollen.

Die Erinnerung und der Geschmack an das Geschenk werden bleiben.