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Ebensfelder Nachrichten
Ausgabe 10/2025
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Alte Kapelle aus dem Jahr 1939

Östlich von Ebensfeld am Flurbereinigungsweg zum Veitsbrunnen steht eine kleine Feldkapelle, die von einer Baumgruppe mit Sitzgelegenheit umgeben ist. Unweit erinnert ein Gedenkstein mit dem Wappen der Marktgemeinde Ebensfeld an die Flurbereinigung. Der Ort wird von Spaziergängern gern besucht. Das Kirchlein ist für jedermann zugänglich und wird regelmäßig von liebevollen Händen mit frischen Blumen und Kerzen geschmückt. Im Innern findet man eine stattliche Sandsteinstatue der Himmelskönigin Maria mit dem Jesuskind. Die Größe der Figur und deren farbige Fassung beeindrucken zunächst; beim genaueren Hinsehen fällt dann die derbe und auch originelle Ausführung des Bildwerks auf. Sie ist auf einem geschwellten runden Schaft mit einem korinthischen Kapitell angebracht, das zusätzlich mit Weintrauben verziert ist. Die Muttergottes steht auf einer beschrifteten Mondsichel. Zwischen ihren Füßen kann man die Jahreszahl1725 erkennen. Maria und das Jesuskind tragen beide eine Krone und werden durch einen metallenen Sternenkranz verherrlicht. Die Figur wirkt unproportioniert, wobei vor allem der ungewöhnlich lange Hals von Maria und ihre derben Gesichtszüge auffallen.

Das ganze Ensemble befand sich ursprünglich an einem anderen Standort. Vor der Flurbereinigung stand sie in einem barocken Sandsteinkapellchen am südwestlichen Ortsrand unmittelbar hinter der ehemaligen Polsterfabrik Heider an einem mittlerweile aufgelassenen Fußweg. Warum die Figur auf den Betrachter so grob und volkstümlich wirkt, ist aus den Inschriften zu ersehen, die sich in vier Feldern am Kapitell des Schaftes befindet. Sie verrät, dass der Ebensfelder „Bauersmann“ Johann Martin Wich sie im Jahr 1725 eigenhändig anfertigte. Er schreibt es der Unterstützung der Himmelskönigin zu, dass das Werk gelungen ist, denn er nennt sie ausdrücklich seine Meisterin. Hier war also kein gelernter Steinmetz am Werk, sondern ein einfacher Landwirt und das erklärt dann auch das etwas ungewöhnliche Erscheinungsbild der barocken Sandsteinfigur.

Martin Wich war kein „eingeborener“ Ebensfelder, sondern kam im Jahr 1654 in Effelter im Frankenwald als Sohn des angesehenen Forstknechts Andreas Wich zur Welt. Als er 1690 nach Ebensfeld zog, waren ihm schon zwei Generationen von „Neusiedlern“ aus dem Frankenwald vorausgegangen. Ende der 1630er Jahre, also mitten im Dreißigjährigen Krieg waren Familien von dort nach Ebensfeld gezogen, und hatten wesentlichen Anteil am Wiederaufbau des in großen Teilen zerstörten und entvölkerten Ortes. Ihnen folgten Ende der Vierziger Jahre weitere Handwerker und Landwirte aus dem nördlichen Oberfranken. Martin Wich heiratete die Bauerstochter Anna Quinger, deren Vater Johannes Quinger ein stattliches Vermögen versteuerte. Deren Erbe bildete den Grundstock für Wichs Vermögen, das unter anderem aus einer halben Michelsberger Hube und einer Sölde in der Hauptstraße bestand. Kurz vor 1720 kam dann noch das ehemalige Michelsberger Hofbauernhaus hinzu, in dessen Nähe bzw. auf dessen Grund dann 1725 auch die Kapelle mit besagter Marienstatue errichtet wurde. Zu dieser Zeit versah Wich auch das Amt des Lehenschultheißen für die Ebensfelder Lehen des Kastenamts Lichtenfels. Als frommer, wohlhabender und angesehener Mann heiratete er 1731 im Alter von 76 Jahren in zweiter Ehe Anna Margaretha Kirchner, die Witwe des Johannes Schüllein von Kemmern. Sie war gerade einmal dreißig Jahre alt und mit ihr bekam er auch noch zwei Kinder, ehe er am 12. Oktober 1736 in Ebensfeld verstarb.

Martin Wich hat uns ein ungewöhnliches Werk hinterlassen. Handwerklich und künstlerisch ist der Wert zu vernachlässigen. Die Bedeutung liegt hier im Mut eines einfachen Bauern, sich an ein derart großes Werk ohne große Vorkenntnisse heranzuwagen und es umzusetzen. Tiefer Glaube und Dankbarkeit angesichts eines erfüllten und erfolgreichen langen Lebens mögen sein Antrieb gewesen sein. Vergleichbare Monumente gibt es zumindest im näheren Umkreis nicht. Wichs Leistung bleibt somit für Ebensfeld etwas ganz Besonderes, ja Einzigartiges.

Es bleibt zu wünschen, dass es für die Ebensfelder auch weiterhin ein oft besuchter Ort bleibt, dem mit sorgfältiger Pflege und Ehrfurcht Wertschätzung entgegengebracht wird.

Text: Alfons Zenk, München