Im sechsten Kriegsjahr, Ende April 1945, näherten sich die überlegenen US-Streitkräfte unserer Heimat. Obergermaringen wurde von Tag zu Tag mehr Frontgebiet. Die Fliegeralarme häuften sich, es gab kaum Ruhe, weder Tag noch Nacht.
So erinnert sich eine Obergermaringerin:
„Mit den Alarmen wurde es täglich schlimmer. Beim Wäscheaufhängen musste ich mehrmals in Deckung gehen, weil die Flieger dauernd über mir waren. Meine Schwester, die in Kaufbeuren wohnte, kam wegen der großen Bombardierungsgefahr Kaufbeurens am 20.4. zu uns mit einem Wagen voll Möbel. Angst hatte man auch vor der naheliegenden Sprengstofffabrik im Hart (die Dynamit AG). Bis jetzt war ja nichts passiert. Eine Bombardierung derselben hätte auch in Obergermaringen Unheil und Schrecken ausgelöst. Manche sagten damals, es bliebe von unserem Dorf nichts mehr übrig, wenn auf die Pulver-und Sprengstoffgelände im Hart Bomben fielen. Doch hoffte man auch hier in den letzten Tagen des Krieges auf ein gnädiges Geschick.“
Die Unruhe wuchs stündlich. Im Radio wurde wiederholt durchgegeben, dass der Vormarsch der US-Truppen nach Süden in Richtung Schwaben und ins Allgäu zügig vorangehe. Wer den sogenannten Schwarzsender abhörte, konnte sich ungefähr ein Bild machen, wo diese Einheiten sich bewegten und wo die Kampfspitzen waren.
Auch in Obergermaringen verfolgten manche über Schwarzsender die Truppenbewegungen. Die Front kam jeden Tag näher und am Abend des 26. Aprils wusste man, dass die US-Streitkräfte Memmingen eingenommen hatten. Man rechnete nun in Bälde mit dem Einmarsch der Amerikaner und bereitete sich so auf ihr Ankommen vor.
Ein Augenzeuge:
„Die Einwohner von Obergermaringen versteckten im Heu und in Schuppen Andenken von gefallenen oder an der Front befindlichen Angehörigen, wie z.B. Uniformen, Waffen, Orden, aber auch Motorräder und andere Gebrauchs-und Verbrauchsgüter. Stoffe, Kleidung und Lebensmittel wurden auf Speichern und in Kellern in schnell angelegten Böden in Sicherheit gebracht.“
Ein Landwirt:
„Die Bauern speicherten Wasser, um bei eventuellen Bränden sofort löschen zu können. Die Bewohner dachten in jenen Tagen der Besetzung auch an ihr leibliches Wohl. So wurden in aller Eile in Ställen und Scheunen heimlich und bei Vermeidung jeglichen Lärms, Schweine und Kälber geschlachtet. Das Fett wurde ausgelassen und versteckt!
Bis spät in die Nacht hinein verkauften die Lebensmittelgeschäfte am 26. April Lebensmittel. Da die gefährlichen Luftangriffe immer häufiger wurden, stellten die Bauern die Feldarbeiten ganz ein. Nur die Haus-und Stallarbeiten verliefen in gewohnter Weise, denn das Vieh musste ja versorgt werden.
Im Dorf herrschte große Verwirrung und Aufregung. Immer mehr Rückzugsoldaten und Flüchtlinge kamen in den Ort.“
Ein weiterer Zeitzeuge:
„Auffallend viel Verkehr war am 26. April auf der Bundestraße 12, einer richtungsweisenden Verbindungslinie in das Gebirge, an den Bodensee und an die Grenze. Viel Militär blieb im Dorf, alle noch uniformiert. Eine Führungsspitze russischer Soldaten (Wlassov-Truppen; Anmerkung: Ein Kampfverband aus russischen Freiwilligen, der ab Herbst 1944 zusammen mit der Wehrmacht und der SS gegen die Sowjetunion kämpfte), nicht der deutschen Sprache kundig, bettelte durch einen Dolmetscher inständig um Zivilkleidung und Verpflegung. Durch Zufall trafen sie auf unserem Hof auf eine russische Frau aus der DAG, die ihnen selbstverständlich jegliche Hilfe verweigerte, denn für die zwangsverschleppten Russinnen brachte der Tag der Besetzung die Freiheit.
Wohl die meisten Bewohner verbrachten eine schlaflose Nacht. Keiner wusste, was die folgenden Tage bringen werden.
Seit Jahren arbeiteten im Dorf ca 30-40 Ausländer und Kriegsgefangene: Polen, Tschechen, Jugoslawen und Ukrainer. Man fürchtete sich vor Racheakten. Doch nicht alle Bewohner sahen in den Ausländern eine Gefahr. Rädelsführende Polen kamen am Donnerstag auf unseren Hof und versicherten, dass wir von ihrer Seite nichts zu befürchten hätten, weil sie von uns immer Kartoffeln bekommen haben.“
Bürgermeister Wendelin Burkhardt und sein Gemeinderat erkannten die Sinnlosigkeit einer Verteidigung, das Dorf sollte vor einer Zerstörung bewahrt bleiben. Eine Einquartierung von SS-Leuten konnte er zum Glück verhindern, stattdessen blieben Soldaten der Luftwaffe im Ort. Mitglieder des Gemeinderates beauftragten nun die Bewohner, beim Sichten der amerikanischen Truppen sofort weiße Fahnen an den Ortsenden zu schwingen und eventuell Soldaten, die eine Verteidigung planten, daran zu hindern. Angeblich versteckten sich im sogenannten Krautgarten (heute „Am Hang) einige Soldaten. Schüsse sollen von dort gehört worden sein.
So dämmerte der Freitag, der 27. April 1945 heran, ein sonniger, jedoch kalter Frühlingstag. Beim Milchfahren in der Früh wurde allgemein besprochen, ob man eine weiße Fahne am Turm der St. Wendelinskirche hissen solle. Die Bewohner fürchteten sich vor den harten Durchhaltebefehlen, die in vielen Orten kurz vor Einrücken der Besatzungstruppen Unschuldigen noch das Leben kosteten.
„Aus Richtung Mindelheim waren schon vereinzelt Schüsse zu hören, die amerikanischen Truppen konnten nicht mehr weit entfernt sein. Mittlerweile hingen aus allen Häusern weiße Fahnen. Auf einmal wurde das ganze Dorf so gegen Mittag in Schrecken versetzt. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, die SS komme. Alle Fahnen wurden sofort wieder hereingenommen. Durch das Dorf raste buchstäblich der letzte LKW der deutschen Wehrmacht mit einigen Soldaten der Luftwaffe. Die B 12 nach Kaufbeuren war durch einige Panzersperren unpassierbar gemacht worden, der letzte Fluchtweg führte folglich nur noch durch die Dorfstraße von Obergermaringen Richtung Dösingen. Nachdem jedoch alle Autos vorbei waren, wurden die weißen Fahnen sofort wieder hinausgehängt. Auch vom Turm der St. Wendelinskirche hing nun die weiße Fahne zum Zeichen der Übergabe. Inzwischen war es Mittag und noch keine Besetzung erfolgte.“, so der Zeitzeuge.
Altbürgermeister Josef Kreuzer erinnert sich:
„Mit drei meiner Schulfreunde kraxelten wir auf das SVO Fußballtor westlich des Wendelwirts und beobachteten die amerikanischen Soldaten mit ihren Panzern und Jeeps, wie diese von Rieden kommend, in Richtung Untergermaringen fuhren.
Im Pfründehaus der Familie Johann und Krescentia Seitz waren immer nachts ca. 17 Serben unter Aufsicht, die tagsüber auf den Höfen arbeiteten und verköstigt wurden, untergebracht“.
Ein Kriegsgefangener stieß kurz vor Rieden auf die US-Streitkräfte. Er schildert den Anmarsch der Truppen folgendermaßen: „Voran fuhr ein Panzerwagen, dann kam der Kommandeur und im dritten Wagen waren ein Hauptmann und ich. Man sah bereits die weißen Fahnen und ich sagte, dass man ruhig durchfahren könne, da nichts zu befürchten sei, denn ich kannte die Gegend ja gut. Doch in dem Moment, ca 200 m vor der Kreuzung in Untergermaringen, war plötzlich eine Fahne weg. Der Hauptmann gab gleich Feuerbefehl, etwa 10 Schuss. Sofort stand ein Bauernhof in Flammen.“
In Obergermaringen sah man Rauch aufsteigen. Nun eilten auch die mutigsten Bewohner in die Keller. Doch die Panzerwagen fuhren nicht wie erwartet nach Obergermaringen weiter, sondern wendeten in Richtung Osten nach Westendorf. Schnell wurde auch die weiße Fahne vom Turm der St. Michaelskirche gehängt, da man damit rechnete, dass feindliche Truppen von Westendorf nach Obergermaringen kommen würden.
Weiter berichtet der Mann: „Wir fuhren in Untergermaringen durch nach Westendorf. Auch dort hingen nicht überall weiße Fahnen heraus, ebenso in Dösingen. Überall gab der Kommandeur sofort Feuerbefehl. Obergermaringen wurde liegen gelassen, da die Spitze in zwei Teile geteilt worden war. Ein Teil fuhr Richtung Kaufbeuren, der andere nach Schongau, Sachsenrieder Forst. Um ca 10 Uhr kehrte ich zurück nach Untergermaringen, um dort die Wegweiser für den zweiten Schub aufzustellen. So gegen 14.30 Uhr kam die Kolonne und drei Jeeps wurden nach Obergermaringen beordert.“
Diese Wagen fuhren zuerst durch das ganze Dorf und hielten dann vor dem Haus des Bürgermeisters. Der Gemeindediener rief mit einer Glocke die Haushaltsvorstände herbei. Es erging folgender Aufruf: „Alle Bewohner haben sich vor dem Bürgermeisteramt einzufinden!“ Hier wurden dann die Militärbesatzungen ausgegeben:
| • | Sämtliche Waffen und Munition sind sofort beim Bürgermeister abzuliefern! |
| • | Jeder Soldat hat sich unverzüglich zu melden! |
| • | Jeder hat Ausgehverbot von 19 bis 6 Uhr!“ |
„Mein Vater (Jagdpächter) lieferte einen alten "Repetierer" ab. Einen fast neuen Drilling und ein Jagdgewehr hat er im Grummetstock versteckt und diese somit gerettet.“, weiß der Altbürgermeister noch.
In der Zwischenzeit rückten weitere US-Soldaten nach. Diese befahlen die Räumung einiger Häuser und Höfe am östlichen Dorfrand (heute Pfarrgasse und Westendorfer Straße). Für ungefähr 200 amerikanische Soldaten mussten Unterkünfte bereitgestellt werden. Hausbesitzer hatten sofort ihre Häuser zu verlassen und in Scheunen zu übernachten.
„Auch die Wohnungen der Familien Seitz, Bernhart und Bader (Wendelwirt) wurden für 2-3 Wochen beschlagnahmt!“, so Josef Kreuzer.
Währenddessen hatten im sogenannten Schulgarten – (heute St. Wendelsgasse hinter dem ehemaligen Fitnesscenter)
Panzer Aufstellung genommen. Im Gasthaus Bader (heute Gasthaus zum Wendelwirt) wurde die Hauptwache stationiert. Es waren etwa 14 Soldaten. Die Kriegsgefangenen und Ausländer gaben den amerikanischen Offizieren Auskünfte über das Verhalten der Einwohner. Große Erregung im Ort kam auf, als die Amerikaner die abgelieferten Waffen an die nunmehr freien Ausländer verteilten.
„Die serbischen Kriegsgefangenen, zu denen das Verhältnis immer gut gewesen war, beschützten die Bewohner in den folgenden Tagen vor Plünderungen. Die Besetzung unseres Dorfes durch die Amerikaner verlief somit ohne Zwischenfälle“, so ein Zeitzeuge. „Das Leben im Dorf ging weiter, wenn auch die Bevölkerung Angst hatte.“
Ein besonderes Erlebnis ist Josef Kreuzer heute noch gut in Erinnerung:
„Eine Gruppe Amerikaner zündete in unserem Hof ein Feuer an, um sich zu wärmen. Tags zuvor hatten wir auf Drängen unseres Serben Svetislav Zivcowicz - er war mit 37 Jahren bereits Großvater - und seit 4 Jahren als Gefangener in unserer Familie tätig, ein Schwein geschlachtet, das der Serbe sorgfältig in einer Kiste verpackte und in der Scheune unter ca. 100 Reisigbündel versteckte. Diese konnten die „Amis“ für ihr Feuer gut gebrauchen. Nachdem die Mutter dies sah, betete sie in der Küche mit der Bitte, dass die Soldaten die Kiste nicht finden möchten. Dem Gebet war Erfolg beschieden: Als nur noch 2 Reihen „Boazen“ über der Kiste lagen, beendeten die Amerikaner das Feuern und zogen in den Garten der Familie Eugen und Maria Negele, wo inzwischen das Küchenzelt aufgebaut war.“
Ein Landwirt:
„Vereinzelt wurden Häuser und Stallungen nach deutschen Soldaten durchsucht. Vor das Bürgermeisteramt fuhren öfter Jeeps, um aus den abgelieferten Waffen das Beste auszusuchen. Durch das Dorf bewegte sich ein kilometerlanger Zug von deutschen Kriegsgefangenen in Richtung Kaufbeuren. Ein jämmerlicher Anblick!“
Bäcker und Metzger hatten alle Hände voll zu tun, um die Ausländer, die sich in Steinholz und im Riederloh zentralisierten, mit den notwendigsten Lebensmitteln zu versorgen. Um dies einigermaßen in den Griff zu bekommen, verteilte der Bürgermeister Berechtigungsscheine für Brot und Fleisch.
Die Amerikaner suchten Kontakt zu der Bevölkerung. Die Kinder bekamen Schokolade und Kaugummi. Sie selbst zeigten große Vorliebe für Geflügel und Eier.
„Die Bäuerin Kreczentia Seitz stellte ihren „Gästen“ einen „Hafen“ Milch in die Küche. Am nächsten Tag lag in dem Gefäß Schokolade“. Auf „Führers Anger“- heute St. Wendel-Apotheke, Textil Ramic und 3 Privathäuser- standen über einen Monat ca. 20 Panzer, Jeeps und Begleitfahrzeuge.“, schildert Josef Kreuzer.
Das Leben im Dorf hat sich verhältnismäßig schnell wieder geordnet. Die Bauern konnten der Frühjahrsbestellung ohne Behinderung nachgehen.
Im Jahre 1975 bat mich Dr. L. Weißfloch, Schriftleiter des Heimatvereins Kaufbeuren, um einen Beitrag über das Kriegsende in Obergermaringen für die Kaufbeurer Geschichtsblätter. Die fünf von mir befragten Augenzeugen schilderten die Tage vor, an und nach der Besetzung wortwörtlich so, wie in diesem Artikel zu lesen ist. Altbürgermeister Josef Kreuzer, der das Kriegsende als 8-Jähriger miterlebte, fügte Ergänzungen an. Aus Datenschutzgründen werden die Namen der inzwischen verstorbenen Zeitzeugen nicht genannt.
Hildegard Stellmach, April 2025