v.l. Pfarrer Andreas Horn, Erich Kamm, Dr. Hans-Jürgen Grabmüller, Bürgermeister Stefan Kattari
Die Grassauer Pfarrkirche ist mit unzähligen Fresken ausgeschmückt und die Darstellungen sind sehr gut zu erkennen. Dennoch kennt kaum jemand die Bedeutung dieser Bilder. Erich Kamm, geschichtlich versiert und sehr interessiert, hat sich der Beschreibung der barocken Fresken und der ihnen zugrundeliegenden theologischen Programme angenommen. Das mittlerweile sechste Achentaler Heft zur Heimatgeschichte mit dem Thema „Die Bildprogramme der barocken Fresken in der Grassauer Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt“ stellten Autor Erich Kamm und Kulturbeauftragter wie Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Dr. Hans Grabmüller dem Grassauer Bürgermeister Stefan Kattari und Pfarrer Andreas Horn vor. Die Marktgemeinde Grassau hatte sich wie die Pfarrei Mariä Himmelfahrt sowie der Verein Aktives Grassau und weitere im Heft genannte Sponsoren finanziell am Entstehen beteiligt.
Seit mehr als einem viertel Jahrhundert besteht der Heimat- und Geschichtsverein mit dem Ziel, das historische Bewusstsein seiner Mitbürger zu wecken, wie Vorsitzender Dr. Hans Grabmüller betonte. Bestehende Aktivitäten auf dem Gebiet der Heimatforschung und der Heimatpflege sollen abgestimmt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hierzu organisiert der Verein Ausstellungen in seinen Räumen im Alten Bad in Unterwössen. Der Historiker verwies auf die Almendatenbank des Vereins, in der relevante Daten der Almenwelt dokumeniert und kostenlos zur Verfügung gestellt werden. In Vorbereitung ist eine Ausstellung der archäologischen Funde im Achental. Grabmüller verwies auf die Schriftenreihe „Achentaler Hefte“ des Vereins mit Aufarbeitung besonderer historischer Thematiken. Bislang wurden fünf dieser Schriften veröffentlicht und nun könne der sechste Band, in dem Erich Kamm die Fresken der Grassauer Kirche so trefflich beschrieben hat, vorgestellt werden.
Erich Kamm betonte, dass die Bilder in den Kirchen nicht nur der Ausschmückung des Kirchenraums, sondern der Verkündigung von Glaubensinhalten und Belehrung der Gläubigen dienen sollen. In einer Zeit, in der viele nicht schreiben und lesen konnten, veranschaulichten die Fresken religiöse Inhalte. Drei Zyklen, die im 18. Jahrhundert entstanden sind, dominieren in der Kirche: die Segnung des Skapuliers im Mittelschiff, das Wirken des Schutzengels in den Seitenschiffen und die Vergänglichkeit in der Totenkapelle. Die Fresken dokumentieren auch die Zeitgeschichte des 18. Jahrhunderts. Kamm führte an, dass damals der Dreißigjährige Krieg noch vielen in Erinnerung war und die Gegenreformationen, eine Reaktion der katholischen Kirche auf die Lehren Luthers, in vollem Gange war. Die Menschen waren sich damals ihres durch Krieg, Seuchen und Krankheit bedrohten Lebens bewusst und schlossen sich zu Bruderschaften zusammen. Wie Kamm erklärte, gab es früher sogar drei Bruderschaften in Grassau: die weiße, die rote und die blaue Bruderschaft, die nach über 300 Jahren immer noch existiert und an Fronleichnam deutlich anhand ihrer blauen Kutten zu erkennen ist. Wegen ihres Skapuliers, einer Art Amulett, das die Mitglieder der Bruderschaft tragen, wird diese auch als Skapulier-Bruderschaft bezeichnet.
Erich Kamm wusste, dass die Segnungen des Skapuliers Thema des ersten Zyklus sei und das zentrale Bild über dem Altar zu sehen ist. Interessant ist, dass auf dem Bild neben dem Heiligen Simon auch zwei Frauen das Skapulier gereicht wird. Eine der Frauen sei vermutlich die Freifrau von Notthaft, die Witwe des Pflegers von Marquartstein und deren Schwiegertochter. Kamm erklärte, dass die Freifrau damals die Gründung der Skapulier-Bruderschaft initiiert habe. Auf dem nächsten Fresko, so Kamm, sei ein unbekannter Edelmann dargestellt, wahrscheinlich der Kurfürst, der vor dem damaligen Grassauer Pfarrer Winterholler kniet und aus seinen Händen das Skapulier empfängt – eine sehr ungewöhnliche Darstellung, dass ein einfacher Pfarrer dem Kurfürsten dies überreicht. Doch Pfarrer Winterholler hat für diesen Zyklus den Maler Nepomuk della Croce engagiert und so ließ sich der Auftraggeber selbst porträtieren. Nicht minder spannend ist der zweite Freskenzyklus, hauptsächlich in den Seitenschiffen zu sehen, der sich mit dem Wirken des Schutzengels beschäftigt. Der Schutzengel wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg besonders verehrt und so das Wirken der Engel in vielen Lebenslagen dargestellt. Diese Schutzengelfresken hatte Pfarrer Winkler 1707 von dem Maler Jakob Carnutsch anfertigen lassen. Diese wurden 1766 übermalt und erst bei den Restaurierungen nach 1960 freigelegt. Ebenfalls von Jakob Carnutsch gemalt wurde der dritte und wohl erst durch die Restaurierung der Totenkapelle wieder richtig in Erscheinung getretene Zyklus, der sich mit der Vergänglichkeit beschäftigt. Alle dargestellten Menschen haben anstatt eines Gesichts einen Totenschädel. Wie damals mit dem Tod umgegangen wurde, zeigt auch das halbrunde Bild über der Eingangstüre zur Totenkapelle. Die hier abgebildeten Totenschädel tragen alle ein Monogramm, bis auf einen in der Mitte. Dieser Schädel ist dem Betrachter vorbehalten. Diese und noch viele interessante und wohl auch überraschende Beschreibungen beinhaltet das Heft. Erich Kamm hob besonders die Mithilfe von Pfarrer Andreas Horn, der viele wertvolle Anregungen geben konnte und auch das Heft überprüfte, hervor.
Bürgermeister Stefan Kattari zeigte sich angetan von dem Heft, von den Informationen, die sich auch mit dem Leben damals beschäftigen und von der akribischen Arbeit von Erich Kamm. Auch sei ein Merkmal der Gemeinde, dass der Kirchturm, wenn nun auch leicht von Kucheln aus verbaut, immer leicht zu erkennen und finden sei und somit in Grassau die Kirche noch mitten im Ort steht. Die Bedeutung der Grassauer Pfarrkirche über Jahrhunderte hinweg, auch als Mutterkirche, mit besonderem Stellenwert in der Region spiegelt sich in der Ausgestaltung. Die emotionale Bindung zur Kirche, so meinte Kamm erkennen zu können, zeige sich an den kirchlichen Feiertagen, wenn es die Menschen in die Kirche zieht.
Das Heft – wie auch die übrigen Hefte dieser Reihe – wird zum Unkostenbeitrag von acht Euro in der Tourist- Information und im Pfarrbüro Grassau angeboten. Tb