Im Jahr 2024 lebten in den 22 Kommunen des Kreises knapp 50.000 Minderjährige. Eine zentrale Aufgabe des Jugendamtes ist es, diese zu schützen. Doch was genau unternimmt der Kreis für den Kinderschutz? Welche Hilfsangebote gibt es für Eltern und Sorgeberechtigte und welche Maßnahmen stehen den Mitarbeitenden zur Unterstützung zur Verfügung? Diese und weitere Fragen wurden kürzlich im Rahmen einer Pressekonferenz des Jugendamtes beantwortet. Neben seinen Angeboten stellte das Amt auch aktuelle Entwicklungen sowie Zahlen und Daten zum Thema Kinderschutz vor.
"Kinderschutz ist ein Thema, das uns alle betrifft. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sicherzustellen, dass es unseren Kindern gut geht. Die Arbeit des Jugendamtes ist dabei essenziell. Unser Ziel ist es, Hilfe zu leisten und Familien zu stärken", erklärte die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach vor Ort.
Im Jahr 2025 gingen beim Jugendamt 621 Meldungen über mögliche Kindeswohlgefährdungen im Kreis Bergstraße ein - 81 mehr als im Jahr 2024. Kai Kuhnert, Leiter des Jugendamtes, bewertet diesen Anstieg positiv: "Wir sehen darin eine gute Entwicklung. Die Bevölkerung ist zunehmend sensibilisiert, mögliche Gefährdungen zu melden. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die tatsächliche Zahl der Fälle gestiegen ist."
Die Altersverteilung der betroffenen Minderjährigen ist über die Jahre hinweg weitgehend konstant geblieben. Erfreulicherweise ist der Anteil der involvierten unter Dreijährigen seit 2020 (31 Prozent) kontinuierlich leicht gesunken und lag 2025 bei 19 Prozent.
Im Jahr 2025 wurden 84 Kinder nach Einschätzung der Kinderschutzfachkräfte des Kreises als akut oder latent gefährdet eingestuft. In weiteren 85 Fällen lag zwar keine akute oder latente Gefährdung vor, jedoch wurde ein Unterstützungsbedarf festgestellt. In diesen Fällen erfolgen Beratung und Hilfeleistungen zur Entlastung und Stärkung der Familien.
Bei den 84 gefährdeten Kindern war mit 47 Prozent "Vernachlässigung" die häufigste Form der Gefährdung. Es folgten "psychische Misshandlung" (28 Prozent), "körperliche Misshandlung" (22 Prozent) und "sexuelle Misshandlung" (3 Prozent).
In schweren Fällen greift das Jugendamt unmittelbar ein und leitet vorläufige Schutzmaßnahmen ein. Bei sogenannten Inobhutnahmen werden Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe oder bei Bereitschaftspflegefamilien untergebracht. Im Kreis Bergstraße stehen dafür acht Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung.
In den vergangenen Jahren wurden verbindliche externe und interne Strukturen sowie Kooperationsvereinbarungen geschaffen, um den Schutz von Kindern und Jugendlichen weiter zu verbessern. Bereits 2022 wurde im Jugendamt ein spezialisiertes Kinderschutzteam mit sechs Mitarbeitenden innerhalb des Allgemeinen Sozialen Dienstes eingerichtet. Dieses dient bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung als erste Anlaufstelle.
"Aktuell bilden wir im Team zudem eine Fachkraft aus, die sich auf Meldungen zu Kindern mit Behinderungen spezialisiert. So können wir auch in diesen Fällen fachgerecht handeln", erläuterte Anna Lingenberg, Leiterin des Kinderschutzteams.
Das Jugendamt bietet werdenden Eltern sowie Familien mit Kindern und Jugendlichen eine Vielzahl an Dienstleistungen und Unterstützungsangeboten - sowohl präventiv als auch beratend.
Weitere Informationen gibt es unter https://www.kreis-bergstrasse.de/landkreis-politik/kreisverwaltung/fachaemter-und-behoerden/jugendamt/.
Nähere Informationen zum Thema Kinderschutz und erste Anlaufstellen gibt es unter https://www.kreis-bergstrasse.de/unser-buergerservice/familie-jugend-senioren/kinderschutz/.
Viele verbinden mit der Geburt eines Kindes vor allem Glück und Erfüllung. Dieses gesellschaftliche Ideal kann jedoch bei frischgebackenen Eltern auch erheblichen Druck erzeugen. Denn die Realität ist oft komplexer: Mindestens jede zehnte Frau erlebt rund um die Geburt psychische Belastungen, die deutlich über den sogenannten „Baby-Blues" hinausgehen. Um Fachkräfte für dieses schwierige Thema zu sensibilisieren und zu stärken, lud die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach zusammen mit dem Fachdienst des Kreises Bergstraße „Frühe Hilfen" zu einem hochkarätig besetzten Fachtag ein.
„Psychische Krisen sind nach wie vor stark tabuisiert und schambehaftet. Deshalb ist es wichtig, Fachkräfte mit den richtigen Mitteln auszustatten, um angemessen damit umgehen und bedarfsgerechte Hilfe leisten zu können. Sie sind die Seismografen in den Familien. Oft sind sie die Ersten, die wahrnehmen, wenn ein Lächeln nur aufgesetzt ist oder die Erschöpfung ein gesundes Maß übersteigt", so die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach.
Rund 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – darunter Gesundheitsfachkräfte, Hebammen sowie Netzwerkpartnerinnen und -partner kamen zusammen, um sich über peripartale psychische Erkrankungen auszutauschen. Im Zentrum des Fachtags stand die Frage, wie die präventive Arbeit der Frühen Hilfen optimal mit spezialisierten therapeutischen Angeboten verzahnt werden kann. Die Teilnehmenden erhielten wertvolle Impulse zur Früherkennung beziehungsweise Identifikation leiser Signale jenseits von Klischees, zur wertfreien und entlastenden Kommunikation in psychischen Notlagen sowie zur Netzwerkarbeit. Zudem ging es darum zu erkennen, wo die Begleitung durch die Frühen Hilfen endet und wo klinische oder therapeutische Hilfe beginnen sollte.
Melanie Weimer, Diplom-Pädagogin und systemische Beraterin, die unter anderem für den Verein Schatten & Licht e. V. tätig ist, beleuchtete zudem das breite Spektrum der Erkrankungen: von postpartalen Depressionen über Angst- und Zwangsstörungen bis hin zur seltenen, aber schweren peripartalen Psychose. Besonders wichtig war Weimer die Differenzierung: Während der „Baby-Blues" als kurzzeitiges Stimmungstief bei bis zu 80 Prozent der Mütter auftritt und meist von selbst abklingt, erfordern tiefer gehende Krisen professionelle Hilfe. „Psychische Krisen sind keine Seltenheit und kein Zeichen von Versagen, sondern eine Reaktion auf massive körperliche und seelische Umstellungsprozesse", so Weimer. Ein oft übersehener Aspekt: Auch Väter können an peripartalen Depressionen erkranken.
Der Fachnachmittag machte deutlich, dass eine frühzeitige Diagnose entscheidend ist, um eine Chronifizierung der Erkrankungen zu verhindern. Durch den Einsatz von Screening-Methoden und eine enge Begleitung durch Hebammen und Fachkräfte kann vielen Familien rechtzeitig geholfen werden.
„Dass Sie dieses Thema so proaktiv auf die Agenda setzen, zeigt, wie qualitätsbewusst unser Netzwerk arbeitet. Ihre Arbeit macht den Unterschied – für die Eltern und vor allem für die Kleinsten in unserer Gesellschaft", dankte die Erste Kreisbeigeordnete Angelika Beckenbach abschließend.
Der Kreis Bergstraße weist darauf hin, dass auf der Homepage des Kreises unter www.kreis-bergstrasse.de/bekanntmachungen folgende öffentliche Bekanntmachung ab dem 15.04.2026 eingestellt ist:
20-001. Konstituierende Sitzung des Kreistages des Kreises Bergstraße am 27.04.2026
Heppenheim, den 08.04.2026