Stehle Dr. Wilhelm Baumann im Anlagenring Ebern mit Apfelbäumchen "Baumann Renette"
Die beiden Bürgermeister Jürgen Hennemann, Ebern, und Jacques Prigent, Trun, beim Besuch der französischen Partner in Ebern im Juli 2024
Große Politik mag in den fernen Hauptstädten erdacht werden - doch gelebt wird sie erst dort, wo sich Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnen. In Ebern blicken wir auf zwei Beispiele, die eines eindrucksvoll beweisen: Frieden ist kein glücklicher Zufall. Er ist eine bewusste Entscheidung, die jeden Tag aufs Neue aktiv gestaltet werden muss.
In unserer Stadt ist dieser Frieden das bleibende Werk mutiger Wegbereiter. Er ist das Vermächtnis eines Arztes und eines Geistlichen, die im Krieg den Schutz von Menschenleben über zerstörerische Befehle setzten. Er ist aber auch das Verdienst einer mutigen Schule, die den Pioniergeist besaß, Grenzen zu überschreiten, und von Schülern, die als junge Botschafter die Welt entdeckten. Und nicht zuletzt von Politikern, die sich dieser Arbeit bewusst sind. Sie alle wurden zu Botschaftern eines geeinten Europas. Dieses Streben nach internationaler Freundschaft hat in Ebern viele Gesichter - von den Alpen bis in die Normandie.
Die Wurzeln der Verbindung Ebern - Trun liegen in den dunkelsten Stunden der europäischen Geschichte. Im August 1944 war die Region ein Inferno; die Wehrmacht befand sich auf dem Rückzug, und das Grauen des Zweiten Weltkriegs hatte seinen Höhepunkt erreicht. Inmitten dieses Chaos erhielt der Eberner Stabsarzt Dr. Wilhelm Baumann den zerstörerischen Befehl, den Kampf fortzusetzen. Doch gemeinsam mit einem französischen Geistlichen setzte er ein Zeichen der Menschlichkeit: Er stellte den Schutz der Verwundeten und den Erhalt von Menschenleben über die Vollstreckung eines sinnlosen Befehls.
Diese Tat blieb über Jahrzehnte hinweg in Ebern ein verborgenes Erbe, bis sich der Kreis im Jahr 2011 auf bewegende Weise schloss. Ein französischer Heimatforscher, ehemaliger Tierarzt, Michele Lefèvre, kam aus der Normandie nach Ebern, um gezielt nach dem Grab von Dr. Baumann zu suchen. Dieser Besuch brachte die gemeinsame Geschichte von 1944 ans Licht und wurde zum eigentlichen Keim der offiziellen Städtepartnerschaft mit Trun. Es war ein Akt der späten Versöhnung, der bewies, dass Taten der Menschlichkeit niemals vergessen werden.
Der langjährige Bürgermeister von Trun, Jacques Prigent, ein überzeugter Europäer, wurde auf französischer Seite zum Motor dieser Städtepartnerschaft und war viele Male in Ebern zu Gast. Ganz bewusst hatte er diese Partnerschaft als Friedensarbeit gepflegt. Er hat die Schule bei sich immer animiert, die Partnerschaft zu betreiben. Gemeinsam mit seinem Eberner Kollegen Jürgen Hennemann wollte er die Partnerschaftsarbeit im Jugendbereich ausweiten, unter dem Titel "Friedensschule" sollen sich die Schüler aus beiden Ländern mit der Geschichte und der Gegenwart beschäftigen.
Sein Wirken als Bürgermeister, er war über 30 Jahre Bürgermeister von Trun, wird nun durch ein kulturelles Zeugnis gewürdigt: Der Musiker André Debève widmete ihm ein Lied, dessen Videoclip die Bedeutung der Partnerschaft unterstreicht. Der Clip dokumentiert, dass die Freundschaft mit Ebern heute fest im Bewusstsein der Menschen in Trun verankert ist. Wenn man darin das Schild der Partnerstädte mit dem Namen Ebern sieht oder das Bild betrachtet, auf dem die Bürgermeister gemeinsam die Europafahne halten, erkennt man die gelebte Entsprechung zu Andrés Zeilen. Er singt von "tant de dévouement" (so viel Hingabe) und davon, dass Prigent die Träume der Menschen eingraviert hat ("gravé nos rêves").
Ein anderes Kapitel der Völkerverständigung schlug die Realschule Ebern bereits im Januar 1966 auf. Was mit einem Schul-Skilager begann, entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen Freundschaft, die bis heute anhält. 1966 organisierte die Konrektorin Frau Direder etwas für die Zeit ganz Ungewöhnliches: das erste Skicamp in der Geschichte der Schule. Rund 100 Schülerinnen und Schüler machten sich auf den Weg nach Welschnofen, Südtirol.
Die Reise war alles andere als unproblematisch. Die Straßen über die Berge waren schmal, gefährlich im Winter und kaum ausgebaut. Zudem war die politische Lage in Südtirol instabil; die Bevölkerung kämpfte erbittert um ihre Identität. So lernten die Schüler "den blauen Schurz" kennen, das markante Kleidungsstück der Südtiroler, das damals auf eine Verbindung zum "Befreiungsausschuss Südtirol" (BAS) hinweisen konnte - einer separatistischen Organisation, die bis Ende der 1960er Jahre operierte. Inmitten dieser unruhigen Zeiten legte diese Reise den Grundstein für eine internationale Freundschaft.
Unter den 15-jährigen Jugendlichen war auch Renate Pfeufer (heute Becker). In den verschneiten Bergen lernte sie Zita Pittner (heute Oberrauch) kennen. Was mit einer einfachen Brieffreundschaft begann, wuchs über die Jahre zu einer tiefen familiären Verbindung heran.
Die Freundschaft bewährte sich vor allem in den dunkelsten Stunden. Als Zitas Ehemann in Südtirol ein furchtbares Unglück ereilte - er stürzte mit seinem Bulldozer viele Meter tief ab und überlebte nur knapp - war die Bestürzung in Ebern groß. In dieser Zeit der Not standen die Familien Becker und Oberrauch enger zusammen als je zuvor. Es war kein bloßer Austausch mehr, es war eine Schicksalsgemeinschaft.
Wie zerbrechlich die europäische Freiheit ist, erfuhren die Familien zu Beginn der Corona-Pandemie. Zu der Zeit waren die Beckers gerade zu Besuch bei ihren Freunden in Südtirol. Plötzlich drohte die Schließung der Grenzen - ein Szenario, das seit 1966 undenkbar schien. Hals über Kopf mussten Beckers die Rückreise antreten, um dann zu Hause 14 Tage in Quarantäne zu bleiben.
Die Geschichte von Jacques Prigent und die 60-jährige Freundschaft zwischen Renate Becker und Zita Oberrauch sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie zeigen, dass Völkerverständigung nicht nur aus feierlichen Reden besteht, sondern aus dem Mut, über gefährliche Berge zu fahren, sich in schweren Stunden beizustehen und die Europafahne auch dann hochzuhalten, wenn die Zeiten stürmisch werden. Ebern darf stolz sein auf diese Brücken, die bis heute halten.
Text: Kreisheimatpflegerin Christiane Tangermann