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Mitteilungsblatt der Verwaltungsgemeinschaft Ebern
Ausgabe 9/2026
Stadt Ebern
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Ein Stein gegen das Vergessen: Eberns erster Stolperstein

Hier Helmut Schuhmacher, der als Kind auf dem Arm von Konrad Wendler auf dem Bilde des Flyers zur Veranstaltung zu sehen war.

In der Ritter-von-Schmitt-Straße in Ebern breitete sich an diesem Sonntag eine andächtige Stimmung aus, als die Musik des Duos JanuEla – Manuela Steffan an der Querflöte und Jan Gnyp an der Gitarre - erklang. Die rund 250 anwesenden Gäste waren vor dem Haus mit der Nummer 8 zusammengekommen, um des Schicksals Konrad Wendlers zu gedenken, dessen Lebensweg über Jahrzehnte im Verborgenen lag und nun dem Vergessen entrissen wurde.

Der Vorsitzende des Vereins Stolpersteine Haßberge e. V., A. Klubertanz, hieß die versammelten Bürgerinnen und Bürger sowie die Ehrengäste willkommen. In ihren Grußworten unterstrichen Landrat Wilhelm Schneider und der Bezirksheimatpfleger für Unterfranken Riccardo Altieri die existenzielle Bedeutung dieses Projekts für die regionale Erinnerungskultur. Beide Redner verliehen ihrer besonderen Anerkennung Ausdruck, dass sich die Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Rückert-Gymnasiums (FRG) so intensiv mit dem Schicksal Konrad Wendlers auseinandergesetzt hatten. Es sei auch ein gutes Signal, dass die junge Generation die Verantwortung für die Gestaltung der Gedenkveranstaltung übernommen habe und somit das historische Erbe aktiv in die Gegenwart trage. Der Stein ist eine Mahnung an die Unantastbarkeit der Menschenwürde und wird es bleiben.

 

 

Bürgermeister Jürgen Hennemann rückte in seinen Ausführungen die universelle Lehre der Geschichte in den Fokus. Er betonte mit Nachdruck, wie entscheidend es gerade für die heutige Jugend sei, den Wert der demokratischen Grundfesten zu begreifen. Die freie Meinungsäußerung und die Unantastbarkeit der Menschenrechte seien keine Selbstverständlichkeiten, sondern Güter, die niemals einer Ideologie zum Opfer fallen dürfen. Deswegen sei Ebern Mitglied in der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg und habe ein Bündnis Ebern ist bunt, das für Demokratie und sich gegen Angriffe wehrt. Diese Aussagen erhielten spontan Beifall.

Besonders beeindruckend war, dass Nachkommen von Konrad Wendler gekommen waren. Sie bedankten sich für das ehrenvolle Gedenken ihres Großvaters.

 

 

Das Schicksal von Konrad Wendler (1893–1945)

Lange Zeit war über das Ende des begabten Uhrmachers und Musikers wenig bekannt. Erst eine Entdeckung im Jahr 2017 stieß die Aufarbeitung an: Simone Bastian, die Frau des Bürgermeisters, bemerkte auf der Rückseite von Wendlers Grabstein einen Hinweis auf das Konzentrationslager Dachau.

Dank der Forschung der Kreisheimatpflege durch den ehemaligen Kreisheimatpfleger Günter Lipp und eines Projekts des Gymnasiums Ebern (Leistungsfach Geschichte) unter der Leitung des Oberstudienrats Christian Langer mit Kreisheimatpflegerin C. Tangermann konnte seine Geschichte rekonstruiert werden:

  • 1941: Verhaftung in einem Betrieb für Feinmechanik bei Nürnberg unter dem Vorwurf der „Spionage und Volksverhetzung“.
  • Haft: Verurteilung zu eineinhalb Jahren Gefängnis durch ein Sondergericht ohne Anhörung von Entlastungszeugen.
  • Deportation: Anstatt nach der Haft entlassen zu werden, wurde Wendler als „politisch gefährlich“ eingestuft und direkt in das KZ Dachau verschleppt.
  • Tod: Am 12. Januar 1945 verstarb er in Dachau, offiziell an Tuberkulose – ein Opfer der willkürlichen NS-Ideologie.

Ein Mahnmal aus Messing

Louis Göhring hielt den Stein mit der Messingplakette, die die nüchternen Daten eines ausgelöschten Lebens enthält. Es ist der erste Stolperstein der Stadt Ebern. Er wird zu einer unvergänglichen Mahnung an die Unantastbarkeit der Menschenwürde – ein Symbol, das die Zeit überdauert und stets zur Wachsamkeit verpflichtet.

 

 

Besonders bewegend war der Moment, als Raphael Kastner und Klara Schmidt, zwei Schüler des Leistungsfachs Geschichte, die Lebensgeschichte Wendlers aufrollten und aus den Aufzeichnungen von Wendlers Tochter zitierten. Die Tochter beschrieb die verzweifelte Hoffnung der Familie, die tagelang an den Bahngleisen auf die Rückkehr des Vaters wartete, als die Haftzeit abgelaufen war. Die Familie wurde erst drei Monate später darüber informiert, dass Konrad Wendler nach Verbüßung seiner Haft ohne Verfahren von der Gestapo abgeholt worden und nach Dachau überstellt worden war, was er nicht mehr lebend verließ.

 

 

Dann setzten Christian Raehse und Magnus Harnold vom Bauhof den Stein in das Kopfsteinpflaster ein. Einen würdevollen Abschluss verliehen die Pfarrer Holger Manke und Gregor Sauer der Veranstaltung mit ihrem gemeinsamen ökumenischen Segen. Ein zartes Vergissmeinnicht auf dem Messing bekräftigte symbolisch das Versprechen, Konrad Wendlers Schicksal niemals zu vergessen – ein Gedenken, das nun durch den Stolperstein unverrückbar in das Bewusstsein der Stadt eingemauert ist.

Text und Bild: Christine Tangermann