Schleching. 76,9 Prozent der Stimmen holte Thomas Müllinger bei der Kommunalwahl. Seit 100 Tagen steht er nun an der Spitze der Gemeinde Schleching. In dieser Zeit ging es um Wasser, Straßen, Hochwasserschutz und die Ortsmitte, aber auch um Jugend, Tourismus und die Finanzen. Was ihn nach den ersten Monaten besonders beschäftigt, ist jedoch eine andere Frage: Wie gelingt es, dass die Menschen im Dorf miteinander im Gespräch bleiben und gemeinsam Lösungen finden?
Herr Müllinger, 100 Tage Bürgermeister – wie fühlt sich das an?
Es war vor allem eine Zeit des Ankommens. Ich habe viele Gespräche geführt, viele Menschen kennengelernt und versucht, die Abläufe in der Gemeinde noch besser zu verstehen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass sich in Schleching gerade einiges bewegt.
Ich nehme eine gewisse Aufbruchstimmung wahr. Menschen bringen sich ein, neue Ideen werden diskutiert, Vereine und Bürger helfen mit und an vielen Stellen wird gemeinsam nach Lösungen gesucht.
Was ist Ihnen dabei als Bürgermeister besonders wichtig?
Das Wichtigste ist für mich, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen. Vertrauen, Respekt und ein offener Umgang miteinander sind die Grundlage meiner Arbeit.
Man muss miteinander reden – auch dann, wenn es bei einzelnen Sachthemen unterschiedliche Meinungen gibt. Deshalb suche ich, wann immer sich die Gelegenheit ergibt, das Gespräch: bei Festen, Veranstaltungen oder einfach unterwegs im Dorf.
Eines der drängendsten Themen ist die Wasserversorgung. Wie ist die Situation?
Vor allem für den Ortsteil Achberg brauchen wir eine Lösung für Situationen, in denen die Versorgung nicht ausreicht. Derzeit wird deshalb eine Notbetankung durchgeführt. Rund 15 Kubikmeter Wasser werden in Ettenhausen aufgenommen und mit einem Tanklaster auf den Achberg gebracht.
Auch am Streichen kann die Wasserversorgung zum Thema werden. Wenn der Berggasthof Anfang September nach der langen Sanierung wieder öffnet, müssen wir schauen, ob die eigene Quelle den zusätzlichen Bedarf decken kann. Auch Schleching bekommt über den Notverbund teilweise Wasser aus Ettenhausen.
Das klingt nach einer Aufgabe, die über die nächsten Monate hinausgeht.
Auf jeden Fall. Wir müssen die Wasserversorgung langfristig sichern. Wasser wird meiner Meinung nach künftig eine der wertvollsten Ressourcen auf der Welt werden.
Ein weiteres Thema ist die Ortsmitte. Was wird aus dem leerstehenden Gasthof „Zur Post“?
Die Entwicklung der Ortsmitte war für mich bereits vor der Wahl ein Schwerpunkt. Der „Post“-Gasthof ist dabei natürlich ein wichtiges Gebäude.
Eine Lösung kann nur gemeinsam mit den Eigentümerinnen gefunden werden. Dafür müssen wir offen sein für neue Konstellationen und Ideen. Was aus dem Gebäude letztlich wird, ist noch offen. Wichtig ist, dass die Suche nach einer guten Lösung angestoßen ist.
Beim Thema Wohnen für Senioren arbeiten die Achental-Gemeinden zusammen. Was ist geplant?
Unter dem Dach des Ökomodell Achental soll ein tragfähiges Konzept für bezahlbares Wohnen im Alter, gutes Wohnen daheim und Teilhabe entwickelt werden. Derzeit wird dafür ein Fragebogen für Seniorinnen und Senioren erarbeitet. Die Rückmeldungen sollen uns wichtige Hinweise für die weitere Planung geben.
Auch beim Straßenbau tut sich einiges.
Ja. Die Sanierung der B 307 zwischen Raiten und Marquartstein wurde nach langer Zeit erneut angestoßen. Im kommenden Frühjahr soll ein Erörterungstermin stattfinden, damit das Projekt weiter vorbereitet werden kann.
In Schleching selbst wurde die Straße zwischen Achberg und Unterwössen bereits saniert. Als Nächstes ist die Verbindung von Schleching – vom Abzweig der B 307 – hinauf zum Achberg dran. Der Auftrag für die neue Asphaltierung ist vergeben. Spätestens im kommenden Frühjahr soll begonnen werden.
Und warum ist die B 307 an der Zellerwand derzeit teilweise gesperrt?
Es wird eine Hangsicherung durchgeführt, Gehölz und Steine werden entfernt. Das Staatliche Bauamt Traunstein rechnet mit einer Dauer von etwa fünf bis sechs Wochen.
Wie sieht es beim Hochwasserschutz in Ettenhausen aus?
Auch dort ist ein wichtiger Schritt gemacht. Das Wasserwirtschaftsamt Traunstein arbeitet an einer Planung für den Bereich des Alpbaches. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Brücke, an der es bei Hochwasser zu Verklausungen kommen kann.
Sie sprechen viel vom Engagement der Bürger. Wo erleben Sie dieses ganz konkret?
Zum Beispiel beim Dorfladen. Der genossenschaftliche Dorfladen hat mit dem Hybridbetrieb eine gute Lösung gefunden. Dadurch ist eine Öffnung bis 22 Uhr möglich.
Das gefällt mir – und ganz persönlich kann ich dem Konzept natürlich auch etwas abgewinnen. (lacht) Damit ist auch mein eigener „Süßigkeitsbedarf“ jederzeit gedeckt.
Aber im Ernst: Ich erlebe die Bereitschaft der Menschen, sich einzubringen, als eine der positiven Überraschungen meiner ersten 100 Tage. Bürger helfen bei der Lösung von Problemen, Vereine zeigen sich kooperativ und bei Dorffesten wird gemeinsam angepackt – nicht nur während der Veranstaltung, sondern auch davor und danach.
Auch bei Kindern und Jugendlichen gibt es neue Angebote.
Der Verein der Murmeltiere hat einen Jugendtreff eingerichtet. Rund 25 Kinder und Jugendliche nehmen das Angebot inzwischen an. Damit genügend Platz vorhanden ist, konnten wir einen zusätzlichen Raum im Haus des Gastes zur Verfügung stellen.
Und wie entwickelt sich Schleching als Tourismusort?
Positiv. Im Sporthaus Bauer hat ein Dorfcafé eröffnet, das sehr gut angenommen wird. Ein weiteres soll demnächst beim „Alten Knoglerhof“ dazukommen.
Das Alpenhotel Dahoam in Ettenhausen hat seinen Gastronomiebetrieb inzwischen ebenfalls für die Öffentlichkeit geöffnet. Und Anfang September soll nach langer Sanierung der Berggasthof Streichen wieder öffnen.
Das ist nicht nur für unsere Gäste wichtig. Gastronomische Angebote sind genauso für die Menschen vor Ort wichtig. Sie schaffen Orte, an denen man sich trifft, zusammensitzt und Zeit miteinander verbringt.
Auch das Profil als Bergsteigerdorf soll weiterentwickelt werden.
Ja. Zweimal jährlich sollen künftig unter der Leitung unserer Tourismuschefin Elisabeth Keihl Themen wie Steigsanierung oder Beschilderung besprochen werden.
Ein besonderer Termin steht bereits bevor: Am 13. Oktober ist Schleching, gemeinsam mit dem DAV, Gastgeber für ein Treffen der deutschen Bergsteigerdörfer.
Sie haben die Mitarbeiter des Bauhofs ausdrücklich gelobt. Warum?
Die Mitarbeiter machen unglaublich viel. Sie arbeiten sehr selbstständig und leisten neben ihren eigentlichen Aufgaben vieles für den Ort.
Sie bauen beispielsweise neue Bänke selbst, kümmern sich um Grünanlagen und Kurpark, betreuen den Pumptrack und pflegen den Rasen des Sportplatzes. Dazu kommen die vielen Reparaturen und Instandsetzungen, die im Ort anfallen.
Dass der Bauhof so vielseitig arbeiten kann, liegt auch daran, dass dort unterschiedliche Berufe und Ausbildungen vertreten sind.
Was möchten Sie im Rathaus verändern?
Ich möchte noch stärker als Team arbeiten. Eine personelle Veränderung hat es bereits gegeben: Johanna Detsch hat das Bauamt übernommen.
Sehr dankbar bin ich für die konstruktive und harmonische Zusammenarbeit mit dem gesamten Gemeinderat. Das gilt besonders auch für die zweite Bürgermeisterin Martina Hammerl-Tiefenböck, die mich bei verschiedenen Terminen vertritt.
Die finanzielle Lage der Gemeinde ist allerdings angespannt.
Das stimmt. In den vergangenen Jahren wurde viel investiert, unter anderem in den Schulumbau und die Brückensanierung.
Ich möchte auch der Frage nachgehen, warum Schleching bei der Gewerbe- und Grundsteuer so hohe Hebesätze hat. Gerade angesichts der angespannten finanziellen Lage wird uns dieses Thema noch beschäftigen.
100 Tage sind vorbei. Was war für Sie persönlich die wichtigste Erfahrung?
Dass sehr viel möglich ist, wenn die Menschen miteinander reden und bereit sind, sich einzubringen.
Ich möchte zuhören, unterschiedliche Sichtweisen verstehen und gemeinsam Lösungen finden. „Vertrauen“ ist dabei für mich ein ganz wichtiges Wort. Vertrauen entsteht nicht automatisch. Es muss im täglichen Miteinander wachsen.
Die ersten 100 Tage waren für Sie auch persönlich eine Herausforderung.
Ja. Neben dem Amt als Bürgermeister bin ich weiterhin Geschäftsführer in Unterwössen. Diese Doppelbelastung kostet natürlich Zeit und Kraft.
Dann kam auch noch der Waldbrand in Oberwössen dazu, der diese ohnehin intensive Zeit zusätzlich geprägt hat. Ich hoffe, dass sich die verschiedenen Aufgaben künftig besser einspielen – auch für mich persönlich.
Und was steht nun für die kommenden Monate auf der Agenda?
Vieles, was heute angestoßen ist, wird uns noch weit über die ersten 100 Tage hinaus beschäftigen. Wasserversorgung, Ortsentwicklung, Wohnen, Verkehr, Hochwasserschutz und Finanzen – die großen Fragen lassen sich nicht in wenigen Monaten lösen.
Aber nach 100 Tagen muss auch noch nicht alles fertig sein.
Entscheidend ist, dass die ersten Schritte gemacht sind. Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass in Schleching viele Menschen bereit sind, diese Schritte gemeinsam zu gehen.
Bürgermeister Thomas Müllinger