Die in Paris lebende Ich-Erzählerin Jina Khayyer durchlebt 2022 die tödlich endende Verhaftung der iranischen Frauenrechtlerin Jina Mahsa Amini und die sich daran anschließenden heftigen Proteste in Teheran via Instagram. Durch den identischen Vornamen und die Verbindung zu ihrer in Teheran lebenden Schwester und deren Tochter, die sich an den Protesten beteiligen, schmilzt die Entfernung online auf null, Jina postet die Handyaufnahmen aus Teheran, die ihr die Nichte zeitnah zur Verfügung stellt und nimmt so Anteil an den Aufständen gegen das religiöse Regime. Gleichzeitig wird Jina durch die neuerlich aufflammenden Demonstrationen erinnert an ihren Besuch im Iran nach den Aufständen von 1979. Und sie zeichnet nochmals ihre Beobachtungen zur reichhaltigen Poesie und Kultur das Landes, vom erlebten familiären Zusammenhalt und von den Überlebenskünsten der eigenen Familie nach – zur Erinnerung an das Positive, was durch die menschenverachtenden Vorgaben der Herrschenden unterdrückt wird. Und wie 1979 sind es auch 2022 wieder die Frauen, die mit ihren Protesten die Unterdrückung nicht auch ihren Töchtern weiter zumuten wollen.
Der in Deutschland ausgebildeten, in Frankreich lebenden Autorin iranischer Abstammung gelingt in ihrem Debütroman ein sprachlich packender Blick auf den Iran. Der offensichtlich stark autobiografisch geprägte Text lebt auch von der Kraft, die für die handelnden Personen in iranischer und deutscher Poesie steckt. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis)
(Quelle: St. Michaelsbund)