Die vielen niedergelegten Blumen rund um das kleine Gedenkmal bekundeten die große Anteilnahme an der Geschichte von Ernestine Reinhardt.
Dieses Foto aus dem Privatbesitz der Familie zeigt Ernestine Reinhardt um 1950. Auf dem Bild hat die hübsche Frau ihre tiefen seelischen Wunden gut versteckt, die von der unvorstellbar grauenvollen Zeit in den Konzentrationslagern herrühren.
In würdevollen Rahmen und unter großer Anteilnahme mit rund 50 Bürgerinnen und Bürger fand auf dem Kirchplatz in Surberg jüngst die Stolpersteinverlegung für die von den Nationalsozialisten im Dritten Reich verfolgte Sintizza Ernestine Reinhardt statt. Gekommen war auch ihre Tochter Sonnia Reinhardt und die Stolperstein-Patin Khando Ronge. Seit 1996 werden europaweit „Stolpersteine“ verlegt. Die im Boden plan eingelassenen vermeintlich kleinen Gedenkmale mit den Maßen 96 x 96 x 100 mm, erinnern an Menschen - Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Behinderte, Euthanasieopfer - die im Dritten Reich verfolgt, vertrieben, ermordet oder in den Tod getrieben wurden.
Nachdem Stefan Starzer, der gefühlvoll an der Gitarre für die musikalische Umrahmung sorgte, das Zeremoniell instrumental mit einem John-Lennon-Song eröffnete, ging Gunter Demnig, der Begründer des Stolperstein-Projektes ans Werk. Er kniete vor der kleinen Aussparung nieder, die die Bauhofmitarbeiter vorbereitet hatten und setzte bedächtig den „Stolperstein“ - eine in einen Betonblock eingelassene Messingplatte mit den Erinnerungsdaten von Ernestine Reinhardt. Zwar unterstützt ihn mittlerweile ein mehrköpfiges Team, aber seit 30 Jahren fährt der 1947 in Berlin geborene Künstler Gunter Demnig mit seinem roten Transporter durch ganz Europa und verlegt bis heute zahllose und immer den ersten „Stolperstein“ in einem Ort oder einer Stadt. In über 30 europäischen Ländern liegen schon 126.000! „Stolpersteine“, somit das Stolpersteinprojekt als das größte Flächendenkmal der Welt gilt. Im Landkreis Traunstein liegt bislang nur ein weiterer „Stolperstein“ und zwar in Reit im Winkl, der an das grausame Schicksal von Therese Mühlberger erinnert.
Ernestine Reinhardt wurde gnadenlos diskriminiert und verfolgt und es gebe nach wie vor, stellte Thomas Nowotny, Sprecher der „Initiative Erinnerungskultur Stolpersteine Rosenheim und Traunstein“ bedauernd fest, solche Ereignisse der Menschenverfolgung, die nicht 1933 angefangen und 1945 aufgehört hätten.
„Zu unseren Füßen liegt ein kleiner Stein, kein riesiges Denkmal das sich aufdrängt, aber trotzdem eine gewaltige Kraft ausstrahlt“, sagte zweiter Bürgermeister Jakob Steiner. Er sehe den Stein mit seiner Geschichte über Ernestine Reinhardt, die in der Gemeinde einmal daheim war, als Mahnmal für die Gegenwart und Zukunft, die Würde jedes einzelnen Menschen zu schützen, jeden Tag - mitten in unserem Alltag.
Es war Sonnia Reinhardt, die Tochter von Ernestine, die sich vor einiger Zeit an Thomas Nowotny wandte und den Stein für die Stolpersteinverlegung sprichwörtlich ins Rollen brachte. Gemeinsam mit Friedbert Mühldorfer, Historiker und Autor des Buches „Aus Traunstein „freiwillig verzogen…“ übernahm Nowotny dazu die Vorbereitungen. Die Patenschaft für den „Stolperstein“ übernahm mit Khando Ronge eine Freundin von Sonnia, die die Anfertigung des Steines mit einem kleinen dreistelligen Betrag finanzierte und die Biographie von Ernestine Reinhardt vorlas.
Ernestine Reinhardt wurde am 25. April 1925 in Sendling Kreis Wasserburg in einer katholischen Sintofamilie geboren und reiste mit ihrer Familie durch verschiedene Orte Oberbayerns. 1934 wurde sie ihren Eltern weggenommen und musste in ein Kinderheim bei Haag in Oberbayern, ehe sie 1938/39 in die Gemeinde Kapell (heute Surberg) kam. Zwei Jahre arbeitete sie im Rahmen der „Landhilfe“ in der Landwirtschaft. Danach arbeitete sie als Korbmacherin und wohnte bei ihren Eltern im Surberger Ortsteil Wiesen. Später war sie bei der Firma Kreiller in Traunstein beschäftigt. Am 8. März 1943 wurde sie von der Traunsteiner Gendarmerie verhaftet und auf Befehl des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler eingepfercht in einen überfüllten Viehwagon erst ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht, später ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt und schließlich dem Konzentrationslager Buchenwald zugewiesen. Auf ihrer Kleidung trug sie den „schwarzen Winkel“ als Kennzeichnung für „Arbeitsscheu“ bzw. „Zigeuner“. Während ihre sechs Geschwister und weitere Familienangehörige die Gräueltaten nicht überlebten, kam Ernestine Reinhardt am 13. Dezember 1944 nach einer Zeit undenkbar grausamen Lebens- und Arbeitsbedingungen überraschend frei. Plötzlich ergab eine Neubewertung ihrer Person, dass sie als „Nichtzigeunerin“ gelte und den „Zigeunerbestimmungen“ - so das Vokabular der Nazis - nicht mehr unterliege. Vielleicht haben aber auch entsprechende Anträge ihres früheren Arbeitgebers Fa. Kreiller zu ihrer Freilassung beigetragen……
Mit ihrem Mann Anton bekam sie zwischen 1948 und 1951 drei Kinder, wohnte noch bis 1952 in der Gemeinde Surberg und später in verschiedenen Orten Oberbayerns. Sie starb 2000 in Peißenberg.
„Unsere Mutter hatte ständig Angst, lief oft von daheim weg und wir mussten manchmal sogar im Wald mit ihr übernachten“, gab die sichtlich bewegte Sonnia Reinhardt kleine Einblicke in ihre prägende Kindheit mit einer schwer traumatisierten Mutter. Sie legte, wie alle Anwesenden Blumen um den „Stolperstein“, der jetzt oberhalb der „Guin“ im Kopfsteinpflaster am Surberger Kirchplatz ihrer Mutter Ernestine Reinhardt gedenkt.