Unterwössen - Am Abend des Mittwochs, des 29. Juli, lodern Flammen an der Lackenbergwand. Neun Tage später, am 6. August, ist der Bergwaldbrand über Oberwössen gelöscht – nach einem der aufwändigsten Einsätze, den die Gemeinde Unterwössen je erlebte.
In einem Bereich von rund fünf Hektar Bergwald brannte in 685 bis 911 Metern Höhe, in steilen, steinschlaggefährdeten Bereichen der Schutzwald an verschiedenen Stellen. Aus der Luft ließ sich die erste Nacht das Feuer nur bis 21.30 Uhr bekämpfen, dann zwang die Dunkelheit die Hubschrauber zu Boden. Die Einsatzleitung reduzierte aus Sicherheitsgründen die Kräfte am Berg. In jener Nacht stürzte brennendes Gehölz die Hänge hinab und entzündete tiefer gelegene Vegetation. Am folgenden Tag, dem 30. Juli, stellte Landrat Andreas Danzer um 11.30 Uhr den Katastrophenfall fest. „Die richtige und notwendige Entscheidung", urteilte Danzer später: Sie führte alle Kräfte ohne Zeitverlust zusammen und brachte rasch umfangreiche Luftunterstützung.
Die Zahlen des Einsatzes sind außergewöhnlich. In neun Tagen packten insgesamt 955 Einsatzkräfte an, in Spitzenzeiten rund 300 gleichzeitig. Feuerwehren von mindestens 27 Standorten in drei Landkreisen rückten an, dazu Bergwacht, Bayerische Polizei, Bayerisches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk und die Bayerischen Staatsforsten.
Entscheidend war das Zusammenspiel von oben und unten. Fünf Löschhubschrauber gleichzeitig, kurzfristig auch einmal sechs kreisten in festgelegten Anflugsystemen zwischen Wasseraufnahme und Löschort, mehr ließ der beengte Luftraum nicht zu. Im Oberwössner Talkessel ergab das eine beinah unerträgliche Lärmkulisse. Sie trugen mehr als 1,3 Millionen Liter Wasser in das kaum zugängliche Gelände, überwiegend aus dem Wössner See, in den die österreichischen Maschinen ihre Behälter im Minutentakt tauchten. Sein Pegel sank dennoch nur geringfügig. Eine weitere Million Liter schafften Tankfahrzeuge im Pendelverkehr nach oben, wo Pumpen das Wasser aus den großen Löschwasserfaltbehältern über kilometerlange Schlauchleitungen verteilten.
Um die Ausbreitung talwärts zu stoppen, zogen die Trupps Kreisregnerstrecken. Gemeinsam mit der Bergwacht Marquartstein entwickelten sie dafür eigens eine neue Befestigungstechnik. Wärmebilddrohnen von Bergwacht, Rotem Kreuz und Polizei spürten versteckte Glutnester auf, Lastendrohnen brachten Material dorthin, wo kein Fahrzeug hinkam. Verborgene Geröllfelder unter dünner Waldbodenschicht und ständiger Steinschlag machten jeden Schritt zur Gefahr. Dass es am Ende bei einer einzigen leicht verletzten Einsatzkraft blieb, ist das Bemerkenswerte an dieser Bilanz.
Unter dem Hang standen die Häuser. Fünf bis sechs Gebäude sicherten die Kräfte, evakuiert werden musste keines. Im Ort kochten unterdessen mehr als 50 Ehrenamtliche unter der Leitung von Christina Aberger für die Einsatzkräfte bis zu 300 Essen am Tag, dann gab es Pizza und Eiskaffee als Abwechslung. Vereine, Betriebe, Bäckereien, Getränkehändler und Privatleute stellten Lebensmittel und Sachspenden bereit. Immer wieder erreichten die Helfer selbst gemalte Dankes-Bilder von Kindern.
Erster Bürgermeister Johannes Weber fand klare Worte: „Von Beginn an wurde entschlossen und konsequent gehandelt. Eine herausragende Gemeinschaftsleistung aller Beteiligten. Größter Dank an alle Einsatzkräfte! Die Hilfsbereitschaft war überwältigend." Sein Stolz galt den örtlichen Feuerwehren Oberwössen und Unterwössen sowie der örtlichen Bergwachtbereitschaft Marquartstein. Auch über die Gemeinde hinaus zog der Brand Aufmerksamkeit: Mehrere hundert Presseanfragen aus dem In- und Ausland gingen ein, Fernseh- und Hörfunkteams berichteten aus Oberwössen. Ein eigenes Pressezentrum im Oberwössner Schulhaus und bis zu drei Lageberichte täglich hielten Bevölkerung und Medien auf dem Laufenden.
Kreisbrandrat Christof Grundner, Örtlicher Einsatzleiter, zog ein klares Fazit: „Die eingesetzte Strategie ist vollständig aufgegangen." Die Führungsstruktur habe sich bewährt; ohne die Luftunterstützung wäre der Einsatz in diesem Gelände praktisch nicht zu bewältigen gewesen. Korbinian Mühlberger, Kommandant der Feuerwehr Oberwössen, sieht: „Jeder Handgriff hat gesessen."
Zugleich blickt Grundner nach vorn. Die Feuerwehren müssten bei Ausbildung und Ausrüstung gezielter auf Einsätze im alpinen Gelände vorbereitet werden. Standardschutzkleidung und Feuerwehrstiefel stoßen im steilen Bergwald an ihre Grenzen. Nötig seien zusätzliche Sicherungs- und Seiltechnik sowie weiteres Spezialgerät.
Mit Ablauf des 31. Juli endete der Katastrophenfall; der Einsatz lief als Koordinierungsfall weiter, den die Einsatzleitung am 2. August um 13 Uhr aufhob. Von da an lag die Feuerwehreinsatzleitung bei Mühlberger, bis am 6. August das letzte bekannte Glutnest abgelöscht war. Inzwischen sind Schläuche und Pumpen aus dem Berg zurückgebaut; wegen der anhaltenden Trockenheit bereiteten die Mannschaften Fahrzeuge und Geräte rasch wieder auf, sie einsatzbereit zu halten. Die Brandursache ist offen, die Kriminalpolizei ermittelt.
Die Kosten trägt im Katastrophenfall zu 80 Prozent der Freistaat. 20 Prozent tragen der Landkreis und die Kommunen. Es ist aber guter Brauch im Landkreis – so Danzer – dass im Kreistag für den Einzelfall entschieden wird, diesen Kostenanteil allein vom Kreis zu tragen. So soll es auch in diesem Fall kommen.
Den Menschen bleibt die Erinnerung an neun Tage, in denen eine ganze Region zusammenrückte.
fg