Seit dem Frühjahr führt Johannes Weber (CSU) die Geschäfte im Unterwössner Rathaus – gewählt im ersten Wahlgang mit knapp 78 Prozent bei zwei Gegenkandidaten, als erster hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde. Er ist mit seinen 35 Jahren der jüngste der 35 Bürgermeister im Landkreis. Nach rund 100 Tagen haben wir mit ihm über den Wechsel von Traunstein nach Unterwössen gesprochen, über den Bergwaldbrand, die großen Bauprojekte und die Frage, was ihn im neuen Amt am meisten überrascht hat.
Ankommen im Amt
Herr Weber, die ersten 100 Tage liegen hinter Ihnen. Was hat Sie am meisten überrascht?
Ehrlich gesagt muss ich überlegen, ob „überrascht" das richtige Wort ist – vielleicht trifft „bewegt" es besser. Es ist ein besonderes Gefühl, jeden Tag in der eigenen Gemeinde und für die eigene Gemeinde arbeiten zu dürfen. Was ich so nicht erwartet hätte, war der sehr explizite, positive Zuspruch. Ein kleine Anekdote: Dass mich auf dem Weg zum Rathaus, Schulkinder die 25 Jahre jünger sind als ich, kennen und mit „Hallo Herr Bürgermeister" grüßen, hat mich tatsächlich überrascht.
Sie waren zuletzt bei der Stadt Traunstein, also in der Kommunalverwaltung. Jetzt sind Sie politisch verantwortlich. Was hat sich verändert?
Traunstein ist eine tolle Stadt, und als sogenannte rechte Hand des Oberbürgermeisters zu arbeiten war eine sehr wertvolle Erfahrung. Meine Zeit in Traunstein bleibt mir dabei in bester Erinnerung und die Verbundenheit besteht fort. Der erste Unterschied ist ganz praktisch die Örtlichkeit: Früher bin ich täglich rund 30 Kilometer gefahren, jetzt bin ich im Ort tätig. Der zweite ist die Perspektive. In der Verwaltung hat man, selbst in einer Führungsposition, immer auch beratende Funktion, jetzt trifft man als gewählter Bürgermeister täglich eine Vielzahl von Letztentscheidungen – und das für den Ort, in dem man aufgewachsen ist und lebt. Das macht es besonders.
Sie sind der erste hauptamtliche Bürgermeister der Gemeinde. Was ändert das?
Ich glaube weniger, als man meinen könnte. Das Bürgermeisteramt ist ohnehin mehr als reine Arbeit – es endet ja nicht um eine bestimmte Uhrzeit. Hintergrund für die Hauptamtlichkeit ist die 2024/2025 reformierte Bayerische Gemeindeordnung: Weil die Aufgaben zugenommen haben ist bei Gemeinden zwischen 2.500 und 5.000 Einwohnern der erste Bürgermeister nunmehr in der Regel hauptamtlich. Der Gemeinderat hat dies in der letzten Wahlperiode dann entsprechend des gesetzlichen Regelfalls für die neue Wahlperiode festgelegt.
Die prägenden Momente der ersten 100 Tage
Gab es zwei, drei Entwicklungen, die für Sie besondere Bedeutung hatten?
Es waren drei Dinge. Erstens der Hochwasserschutz in Oberwössen, bei dem wir nach Jahren der Planung jetzt in die ersten konkreten Umsetzungsmaßnahmen kommen. Zweitens, ich habe es für mich mit „beste Bildung für unsere Kinder und Jugendlichen" überschrieben: die Eröffnung der offenen Ganztagsschule für die Mittelschule, in komplett neuen, hellen Räumen. Und drittens das Einsatzgeschehen beim Bergwaldbrand in Oberwössen.
Der Brand war sicher der Moment, in dem die Verantwortung besonders spürbar wurde.
Ja, das war er. Für alle völlig unvorhergesehen. Was mich beeindruckt hat, war der Zusammenhalt – intensive Tage und Nächte, Einsatzgeschehen quasi rund um die Uhr. Dabei wurde von Beginn an entschlossen, konsequent und umfassend gehandelt. Es war eine herausragende Gemeinschaftsleistung aller Beteiligten: der vielen Einsatzkräfte und derer, die bei der Versorgung mitgeholfen haben.
Gab es umgekehrt etwas, das mehr Zeit braucht, als Sie erwartet hätten?
Man wünscht sich vieles nicht nur umfassend, sondern auch schnell. Allerdings gibt es vielfach öffentliche Verfahren. Diese brauchen aus gutem Grund ihre Zeit, damit sie unter Beteiligung der Interessengruppen durchgeführt werden. Der Hochwasserschutz in Oberwössen ist so ein Beispiel: ein großes Projekt, aber auch ein großes Verfahren mit langem Vorlauf.
Was hat der Bürger vom Amtsantritt bislang konkret gemerkt?
Ich hoffe, dass ihm der Kontakt aufgefallen ist. Mir ist wichtig, präsent und nah bei den Bürgerinnen und Bürgern zu sein. Ich versuche, möglichst alle Veranstaltungen wahrzunehmen, unter der Woche wie am Wochenende. Wenn ich auf den Kalender schaue, sind das sehr viele, aber ich empfinde das, die Gemeinschaft als wertvoll und als großes Geschenk.
Vertrauen und Zusammenarbeit
Sie sind mit deutlicher Mehrheit gewählt worden. War das ein Vertrauensvorschuss oder Liegt die Ursache im Wahlprogramm?
Ich empfinde es als sehr großes Vertrauen. Im ersten Moment ist man einfach dankbar, gewählt worden zu sein. Dass es dann knapp 78 Prozent waren – rund acht von zehn –, das realisiert man eher, wenn andere darüber sprechen. Woran es lag, können Außenstehende besser beurteilen als ich. Für mich sind es zwei Dinge: unsere konkreten Projekte und der persönliche Einsatz. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass sich unsere Gemeinde weiterhin positiv entwickelt, und dafür setze ich mich mit ganzer Kraft ein.
Rechnerisch hätte die CSU im Gemeinderat die Mehrheit. Sehen Sie die Gefahr, dass die kritische Debatte über alle Themen leidet?
Nein, und das sage ich aus voller Überzeugung nach zwölf Jahren im Gemeinderat. In Wössen hatten wir immer eine gelebte Debattenkultur, auch innerhalb der Fraktionen. Entscheidungen werden nach persönlichem Gewissen getroffen, auf Grundlage der fachlichen Vorbereitung durch die Verwaltung. Da gibt es kein Fraktionsdenken, jeder entscheidet nach eigener Überzeugung. So habe ich es zwölf Jahre erlebt, und so erlebe ich es auch in den ersten Sitzungen der neuen Periode.
Es sind viele neue Gemeinderäte dazugekommen, oft mit dem Elan, jetzt richtig anzupacken. Wie fühlt sich das an?
Grundsätzlich gut. Jeder ist einmal neu in einem Gremium – ich war es vor zwölf Jahren auch. Bei meiner ersten Wortmeldung hat der geschätzte damalige Kollege Andreas Bichler sie nicht geteilt und seine andere Sicht dargelegt. Aus dieser Vielfalt der Meinungen bildet sich am Ende eine Entscheidung. Das ist gut so, und das funktioniert.
Die großen Projekte
Beim Hochwasserschutz Oberwössen – welcher Termin steht als Nächstes an?
Das Verfahren liegt beim Wasserwirtschaftsamt, wir sind beteiligt. Derzeit sind verschiedene Vereinbarungen zu treffen. Das geht in Richtung Grundstücksverhandlungen und Finalisierung. Vom Charakter her sind das vorbereitende, verwaltungsmäßige Termine. Wann konkrete Orts- oder Sitzungstermine folgen, zeigt sich danach.
Seit Januar gelten neue Wassergebühren: 2,50 Euro je Kubikmeter, die Grundgebühr jetzt je Wohneinheit. Wie kommt das an?
Uns ist wichtig, die Kosten stabil und moderat zu halten. Bei Wasser, Abwasser und ähnlichem gilt aber das Prinzip der Kostendeckung, das System muss sich selbst tragen. Das Wasserwerk ist als GmbH & Co. KG rechtlich verselbstständigt; die Preise sind von der Geschäftsführung fachlich durchkalkuliert. Der Geschäftsführer Stefan Wimmer und sein Team stehen für Fragen zur Verfügung.
Ausgelöst wurde das auch durch den Neubau des Hochbehälters. Wann geht der in Betrieb?
Das ist ein sehr wichtiges Projekt: ein moderner Doppelkammer-Hochbehälter, der oben neben dem bisherigen Hochbehälter errichtet wurde. Derzeit laufen noch die Arbeiten. Geplant ist die Inbetriebnahme im Verlauf des Oktobers. Dazu wird es voraussichtlich an einem Samstag in der zweiten Hälfte des Oktobers einen Tag der offenen Tür geben, zu dem alle Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen sind. Vor Ort wird vieles klarer, und man kann Fragen direkt an die Fachleute stellen.
Die Gemeinde hat ein großes Grundstück erworben und damit ein neues Gewerbegebiet im Neuschmied ermöglicht. Welche Bedeutung hat das?
Es ist ein Baustein für die positive Entwicklung. Wir haben in Unterwössen nicht den einen großen Betrieb, sondern sind breit und kleinteilig aufgestellt. Für größere Betriebe und Handwerker brauchen wir aber Flächen. Die wurden im Bereich Neuschmied-Stücklmühle gesichert, die Erschließungsstraße ist vergeben. Gewerbe schafft Produkte und Dienstleistungen, bringt Belebung, es bildet aus, es ist Arbeitgeber vor Ort, und es trägt über die Gewerbesteuer zur Finanzierung des Gemeinwesens bei.
Der Glasfaserausbau rückt näher – ein Projekt der interkommunalen Zusammenarbeit.
Die Gemeinden südlich des Chiemsees haben mit der AVACOMM Systems GmbH eine Rahmenvereinbarung geschlossen, um eine flächendeckende Glasfaseranschlussversorgung durch diese realisieren zu lassen. Es ist kein eigenes Projekt der Gemeinden, sondern das des privaten Betreibers. Die Gemeinden unterstützen die Erschließung. Für Unterwössen, Oberwössen ist der Ausbau Richtung Süden in den nächsten ein bis zwei Jahren vorgesehen. Wir schauen dabei sehr aufmerksam auf die Erfahrungen in Übersee und Grassau, um es bei uns von Anfang an gut umzusetzen.
Finanzen und Bildung
Geschäftsleiter Thomas Müllinger meinte bei der noch in der alten Wahlperiode gelegenen Haushaltssitzung im März 2026 mit Blick auf den Gemeindehaushalt, Unterwössen habe kein Einnahme-, sondern ein Ausgabenproblem. Muss der Rotstift angesetzt werden?
Ich würde eher von einer Herausforderung sprechen, denn es geht um die Lösung. Wir stehen dabei vor den gleichen Herausforderungen wie alle Gemeinden im südlichen Oberbayern. Unterwössen hat schon früher herausfordernde Zeiten gemeistert, etwa den Hochwasserschutz Anfang der 2000er Jahre. Die finanziellen Spielräume werden enger, das teilen wir mit allen Gemeinden. Inflation, Baukosten, die Förderlage, all das wird nicht besser. Aber wenn wir weiterhin klug wirtschaften, wie Verwaltung und Gemeinderat es in den letzten Jahren getan haben, wenn das Gewerbe weiter so breit aufgestellt ist, bin ich optimistisch, dass uns wieder ein guter und stabiler Haushalt gelingt.
Das große Projekt ist die Modernisierung des Schulhauskomplexes – das zieht sich bis etwa 2032.
Diese Entwicklung macht Freude, weil dahinter ein klarer Auftrag steht: sehr gute Bedingungen für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte. Bildung ist ein Standortfaktor. Bildung verstehen wir dabei umfassend, von der Kinderkrippe im Alten Bad über den Kindergarten St. Martin, dessen Liegenschaft in Gemeindeträgerschaft steht und der über den Kitaverbund Franz von Assisi/Oberes Achental betrieben wird, bis zu unserer Grund- und Mittelschule. Am Kindergarten sind ein vierter Gruppenraum, ein neuer Turnraum und die Sanierung der Sanitäranlagen geschaffen worden. Im Schulhaus sind nach den energetischen Maßnahmen, mittelfristig der Ausbau der Dachgeschossräume, also neuer Raum für Besprechungen, Lehrerzimmer, Bibliothek vorgesehen. Auch die Musikschule hat Bedarf an einem Probenraum. Ziel ist es helle, freundliche Räume mit toller Atmosphäre entstehen zu lassen. Wir bauen und investieren für Kinder, Jugendliche und Familien: Genau darum geht es.
Aus dem Sondervermögen des Bundes fließen 492.000 Euro als pauschales Investitionsbudget, abrufbar bis 2032. Gibt es schon Entscheidungen?
Wir sind sehr dankbar für dieses Programm. Die Verwaltung hat Straßen, Energieprojekte oder die Feuerwehr als mögliche Verwendung genannt. Das waren Gedankenanstöße, keine Festlegung. Das Geld ist über mehrere Jahre verteilt abrufbar, Der Eingang von rund 250.000 Euro ist bereits sicher. Wofür das und der Rest konkret eingesetzt wird, entscheidet der Gemeinderat. Das Thema wird uns die nächsten Jahre begleiten.
Ausblick
Die Wahlperiode dauert sechs Jahre. Wo steht die Gemeinde am Ende dieser Zeit?
Eine Entwicklung lässt sich nicht an einer Jahreszahl ablesen. Aber der Anspruch ist, in den laufenden Bereichen messbar besser dazustehen: Hochwasserschutz in Oberwössen, Glasfaser, Sanierung des Kanalnetzes, Investitionen in Schule und Bildung, dazu die Trinkwasserversorgung mit dem zweiten Hochbehälter und dem Wasserleitungsnetz. Diese Projekte liegen im Millionenbereich und verdienen besondere Beachtung. Eine Kanalsanierung sieht man nicht. Gerade deshalb lohnt es, sich ihre Bedeutung immer wieder bewusst zu machen.
Zum Schluss: Was macht Wössen für Sie aus?
Ich habe es für mich auf eine Überschrift gebracht mit: Ein lebendiges Dorf für alle Generationen. Starkes gesellschaftliches Leben, starkes Vereinswesen und starkes Ehrenamt – das zeichnet Unter- und Oberwössen aus, darauf dürfen wir stolz und dafür dankbar sein. In diesem Jahr feiern wir mehrere Jubiläen, etwa 30 Jahre Wössner Regenbogen und im Herbst 135 Jahre Trachtenverein D‘ Achentaler Unterwössen. Das Amt des Ersten Bürgermeisters ausüben zu dürfen, ist für mich jeden einzelnen Tag eine große Freude und Ehre. Und das Schönste daran ist die Gemeinschaft, der direkte Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern.