In der jüngsten Gemeinderatssitzung berichtet der Kommandant der Oberwössner Feuerwehr Korbinian Mühlberger.
Große Anerkennung und Wertschätzung äußerten die Kommandanten der beiden Wössner Wehren Michael Klauser (links) und Korbinian Mühlberger für Bürgermeister Johannes Weber (mitte). „So ein Katastrophenfall verlangt oft schwierige, weitreichende Entscheidungen“, so Mühlberger. Sie überreichten ihm eine Einsatzweste.
Unterwössen – Neun Tage, 955 Einsatzkräfte, brennendes Steilgelände auf 5,86 Hektar – am Ende kein zerstörtes Gebäude. Noch einmal lebte die Geschichte des Oberwössner Waldbrandes auf, dieses Mal dicht am Geschehen. Der Kommandant der Oberwössner Feuerwehr Korbinian Mühlberger berichtete dem Gemeinderat Unterwössen.
Korbinian Mühlberger zum größten Einsatz in der Geschichte seiner Wehr: „Die erste Nacht werde ich mein Leben lang nicht vergessen!" Auf 5,86 Hektar brannte die Steilwand. 955 Einsatzkräfte waren im rotierenden Schichtsystem beteiligt, in Spitzenzeiten bis zu 300 gleichzeitig, aus mehr als 27 Feuerwehr-Standorten mehrerer Landkreise. Am Ende stand eine einzige leichte Verletzung: ein Sturz mit lädiertem Knie. Zivile Verletzte gab es keine.
Die erste Nacht: aus 40 werden 700 Quadratmeter
Mittwoch, 29. Juli, 18:04 Uhr, lösten die Sirene und der Alarm aus. Eine Brandmeldung vom Spielplatz Hinterwössen berichtete von Flammen und Rauch in der Wand. Zunächst waren 40 Quadratmeter schwer zugänglicher Wald in Flammen. Eine Stunde später waren es 700 Quadratmeter und drei getrennte Brandnester. Um 20.04 Uhr warf der erste Polizeihubschrauber Löschwasser ab.
Mit einbrechender Dunkelheit fiel die Entscheidung. Hubschrauber konnten nicht mehr fliegen. Die Kräfte am Berg zogen sich vom direkten, unmittelbaren Einsatz zurück. Zu gefährlich die Situation im Steilgelände mit Geröll, Steinschlag und brennenden Baumteilen. Statt weiter zu löschen, setzten die Kräfte Kreisregner und bauten eine Riegelstellung gegen das Feuer auf. Um 06.18 Uhr liefen die ersten Kreisregner. Am Morgen waren es vierzehn.
Und der Brand? Mühlberger zeigte einen Zeitrafferfilm aus Bildern vom Hang, Stunde um Stunde. „Es ist eins, jetzt wird es zwei, jetzt drei" verfolgte er die langsame Ausdehnung des Brandes im Steilhang. Dann gegen vier erfasste ein unberechenbarer Fallwind – so Mühlberger – den Hang. „Innerhalb von einer halben Stunde brennt der ganze Berg", schildert er das Geschehen auf der Leinwand. Um 4.43 Uhr maßen die Kräfte 140 Meter bis zur Wohnbebauung.
Am Mittag des 30. Juli rief Landrat Andreas Danzer den Katastrophenfall aus, der bis zum 31. Juli galt. Am 2. August kehrte die Einsatzleitung zur Feuerwehr zurück.
„Wer sagt mir denn, wie groß das Feuer wird?"
Abwägen ließ sich in dieser Lage wenig. Als ein Gemeinderat Florian Demmel (Bündnis 90/Die Grünen) später fragte, wer entscheide, ob aus viereinhalb Hektar auch acht werden dürften, und wie viel Wald man für den Schutz der Häuser opfere, stellte Mühlberger eine Gegenfrage: „Wer sagt mir denn, wie groß das Feuer wird?" Für die Feuerwehr gebe es nur ein Ziel, einen Maßstab: „das Feuer so schnell und so klein wie möglich zu halten“.
Dass dies kein gewöhnlicher Waldbrand war, machte Mühlberger am Gelände fest. Unter einer dünnen Moosschicht verbarg sich loses Geröll. Einsatzbuch-Einträge wie „Massiver Steinschlag, Kräfte zurückgezogen" wiederholten sich täglich. Hinzu kam die sengende Sommerhitze am Südhang bei über 30 Grad. Mühlberger sprach Klartext über die Schutzkleidung: „In der schweren Feuerwehrkleidung bist du am Berg chancenlos. Am zweiten Tag stand jeder in privaten Bergsachen und T-Shirt da."
Jeder Liter musste hinauf
An der Lackenbergwand gibt es keinen Hydranten – jeder Liter musste hinauf. Über einen Pendelverkehr vom Hammerergraben füllten Tanklöschfahrzeuge Faltbehälter am Hang. An Spitzentagen bewegten die Kräfte weit über eine halbe Million Liter.
Was der Einsatz der Mannschaft abverlangte
Der größte Faktor, sagte Mühlberger, sei die Erschöpfung gewesen, spürbar ab dem dritten Tag. Die Dorfbevölkerung in ihrem Zusammenhalt und ihrer Unterstützung hob Mühlberger besonders heraus.
Bürgermeister Johannes Weber sah: „Von der ersten Minute an wurde „entschlossen, konsequent und umfassend" gehandelt, „hochprofessionell". „Eine herausragende Gemeinschaftsleistung.“ Weber dankte allen Beteiligten, den Einsatzorganisationen sowie allen weiteren Helferinnen und Helfern. Besonders der Feuerwehr Oberwössen mit Kommandant Korbinian Mühlberger, der Feuerwehr Unterwössen mit Kommandant Michael Klauser sowie der Bergwacht Marquartstein mit Bereitschaftsleiter Christian Tegethoff.
Was die Wehren mitnehmen
Aus dem Einsatz zog Mühlberger fünf Lehren: eine Waldbrandausrüstung für solches Gelände; Wärmebildtechnik per Drohne, deren Beschaffung auf Gemeindeebene oder mit den Nachbarwehren zu prüfen sei; leichtere persönliche Ausrüstung fürs bergige Gelände; mehr Ausbildung in der Vegetationsbrandbekämpfung; und einen Umgang mit der Belastung der Mannschaft, von den Arbeitgebern bis zur Nachbetreuung.
Weitere Fotos gibt es auf den Einsatzseiten des Kreisfeuerwehrverbandes Traunstein.