Titel Logo
Wössner Gemeindezeitung Amtliches Bekanntmachungsorgan der Gemeinde Unterwössen
Ausgabe 22/2026
Quartiers-Management und Seniorenbeauftragter
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe
-

Quartiers-Management und Seniorenbeauftragter

Ein langer Freitagnachmittag zum Thema „Vielfalt Wohnen – ein Plädoyer für mehr Gemeinschaft“ dauerte von 3,5 Stunden. In der Zeit gab es drei Referate von Architekt Johannes Frischholz, Dagmar Alsbach, Referentin für Wohnraumförderung bei der Regierung von Oberbayern und Architekt Benjamin Nejedly (2. Bis 4. von links). Organisiert hatten den die drei heimischen Quartiersmanagerinnen (verbleibende von links) Brigitte Schmitz, Ulrike Speicher und Romana Zuber

Warum sechs Häuser mehr Platz schaffen als 14

Unterwössen –Gut 50 Zuhörer waren neugierig auf ein aktuelles Thema mit seinen drängenden Fragen und Antworten: „Vielfalt Wohnen – ein Plädoyer für mehr Gemeinschaft“. Unter den Teilnehmern waren die Ersten Bürgermeister Johannes Weber (Unterwössen), Thomas Müllinger (Schleching), Andreas Scheck (Marquartstein) und Martina Gaukler (Staudach-Egerndach). In die Achentalhalle eingeladen hatten die Quartiersmanagerinnen Brigitte Schmitz (Marquartstein), Ulrike Speicher (Reit im Winkl) und Romana Zuber (Unterwössen). Der Anlass ist konkret: Der Druck steigt, finanzierbare Wohnungen für Einheimische sind knapp. Marquartstein hat ein erschlossenes, gemeindeeigenes Baugebiet und sucht Interessenten für Baugemeinschaften.

Marquartsteins Bürgermeister Andreas Scheck beschrieb einen Widerspruch, den alle Achentaler Gemeinden kennen. Immer mehr Ältere leben oft allein in großen Häusern und drohen zu vereinsamen. Junge Familien können sich Bauland und Mieten kaum leisten. Vor dem Hintergrund seien gemeinschaftliche Wohnformen „nicht Ersatz, sondern sinnvolle Ergänzung“. Baugemeinschaften interessieren sich bereits für das Marquartsteiner Areal, die Gemeinde möchte zeitnah bauen lassen.

Wie das aussehen kann, zeigte Architekt Benjamin Nejedly vom Wessobrunner Kreis unter dem Titel „Positive Dichte“ – gefällt ihm besser als „Nachverdichtung“. Das typische Neubaugebiet beschrieb er so: Ringstraße, Zaun ums Grundstück, „und die Mähroboter mähen nebeneinander“. Er rechnete ein Beispiel aus Siegsdorf vor. Wo der Bebauungsplan 14 Einfamilienhäuser für 56 Menschen vorsah, fänden in sechs größeren Häusern 132 Menschen Platz – und dazwischen gäbe es Raum für Gemeinschaft und gegen die Vereinsamung. Dass Nähe nicht Enge heißt, zeigten alte Dorfkerne, in denen Stadel oft drei Geschosse hoch sind, belegte er auch mit Fotos. Die dazugehörigen Pläne zeigen ein anderes Bild als moderne Bebauungspläne mit ihren parallel gesetzten gleichartigen Gebäuden auf Linie. Baukörper stehen da nicht in Reihe ausgerichtet, stehen in wechselnden Winkeln zueinander. Sie bieten verschiedene Höhen und auch das vierstöckige Gebäude fügt sich da harmonisch neben das einstöckige.

Nejedly lobt das Südtiroler Modell: Wer saniert, darf anbauen, etwa eine barrierefreie Wohnung im Erdgeschoss. 1980 bewohnte jeder Bundesbürger im Schnitt 35 Quadratmeter, heute sind es mehr als 50. Der Wessobrunner Kreis fordert in seinem Heft „lebenswert“ familientaugliche Wohnungen statt neuer Einfamilienhäuser.

Aus der Praxis berichtete Architekt Johannes Frischholz. Er lebt mit fünf weiteren Familien in der Baugemeinschaft „HolzHäuserHörnlestraße“ am südlichen Ortsrand von Wielenbach bei Weilheim. Die Gemeinde hatte das Grundstück eigens für eine Baugruppe ausgeschrieben. Die sechs Reihenhäuser in Massivholzbauweise stehen in zwei Dreierzeilen einander gegenüber, dazwischen liegt ein Gemeinschaftsgarten. Photovoltaik und eine Grundwasser-Wärmepumpe versorgen alle Häuser gemeinsam. Pro Haus brauchte die Gruppe rund 200 Quadratmeter Grund, ein Einfamilienhaus hätte etwa das Doppelte belegt. Verträge, Finanzierung – alle sechs mussten zur selben Bank – und Kompromisse kosteten Kraft. Sein Fazit: Gemeinsam bauen sei nicht anstrengender, nur anders, „aber es war für mich und meine Familie besser“. Entscheidend sei, dass Gemeinden ein Grundstück reservieren und mindestens ein halbes Jahr Zeit lassen, in der die Bauherren ihr Projekt bis zur Finanzierung entwickeln können. Auf dem freien Markt kommen Baugruppen mit solchen Entwicklungszeiten nicht zum Zug. Mehrfach und auch im anschließenden Gedankenaustausch mit Brigitte Schmitz, trat hervor, wie gemeinschaftsbildend und gegen die Vereinsamung ein solches Projekt über die Generationen hinweg wirkt.

Dagmar Alsbach, Referentin für Wohnraumförderung bei der Regierung von Oberbayern, stellte die neu geordnete Förderung des Freistaats vor. Die von ihr genannten Konditionen stammen aus der neuen Richtlinie, die laut Alsbach noch im Oktober veröffentlicht werden soll; bis dahin sind sie nicht amtlich.

Anträge sind künftig nur noch zu Stichtagen möglich, für 2027 endet die Frist am 15. Oktober. „Es stimmt nicht, dass die Fördergelder aus sind“, sagte Alsbach, die Zahl der Anträge sei aber sehr hoch. Vorrang haben Projekte im Ortskern und im Bestand. Nach der neuen Richtlinie, die noch im Oktober erscheinen soll, erhalten Gemeinden für Mietwohnungen die Hälfte der förderfähigen Kosten als Zuschuss.

In der Pause gab es reichlich Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Stände unter anderem vom Quartiersmanagement des Landkreises Traunstein und der Unterwössner MARO Genossenschaft informierten zum Thema.

Die Ausstellung des Wessobrunner Kreises ist ab voraussichtlich Mittwoch, 14. Oktober, im Rathaus Marquartstein zu sehen. Auskunft zum neuen Baugebiet gibt das Bauamt Marquartstein.

fg