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Wössner Gemeindezeitung Amtliches Bekanntmachungsorgan der Gemeinde Unterwössen
Ausgabe 8/2026
Aus dem Gemeinderat
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Aus dem Gemeinderat

Unterwössen - Unter den Straßen von Unterwössen liegt ein Problem, das man nicht sieht. Das Kanalnetz der Gemeinde stammt aus den 1970er Jahren, erinnert Bürgermeister Ludwig Entfellner (CSU), und eine systematische Kamerabefahrung im Bereich südlich der Hauptstraße Richtung Grabmühle hat nun dokumentiert, was sich dort unten abspielt: Risse im Mauerwerk der Steinzeugrohre, eindringendes Fremdwasser, schadhafte Hausanschlüsse. Das Ingenieurbüro Dippold und Gerold aus Prien am Chiemsee stellte dem Gemeinderat am Montagabend die Ergebnisse vor und legte ein Sanierungskonzept auf den Tisch. Der Gemeinderat gab einstimmig rund 350.000 Euro für die kommenden zwei Jahre frei.

Bürgermeister Ludwig Entfellner ordnete den Vortrag in eine längere Geschichte ein. Bereits Anfang der 1990er Jahre habe der Abwasserzweckverband (AZV), in dem sich die Gemeinden der Region die Abwasserentsorgung teilen, auf Fremdwasserprobleme hingewiesen. Fremdwasser - also Grund- und Regenwasser, das durch undichte Stellen in die Abwasserkanäle eindringt - belastet die Kläranlage und treibt die Abwasserkosten in die Höhe. 2019 stellte sich Unterwössen mit Fachkraft Thomas Sollacher in Kooperation mit dem AZV neu auf. 2021 fiel der Grundsatzbeschluss für eine umfassende Kanalsanierung. Insgesamt hat die Gemeinde vier Sanierungsgebiete definiert. Das erste ist abgeschlossen, das zweite - der Bereich Grabmühle - steht nun an. Die Gebiete drei und vier, darunter Oberwössen, sind noch nicht untersucht.

Dipl.-Ing. Christian Fellner und Johannes Höglauer vom Büro Dippold und Gerold erläuterten anschließend die Ergebnisse. Per Kamera waren 156 Abschnitte des Hauptkanals, des Rohrstückes zwischen zwei Kanalschächten, mit einer Gesamtlänge von gut 5,1 Kilometern untersucht worden, dazu 307 Hausanschlüsse über 2,2 Kilometer sowie 127 Schächte. Die Bewertung durch das Ingenieurbüro Dippold und Gerold erfolgt nach einem sechsstufigen Klassensystem: Zustandsklasse 0 bedeutet Gefahr im Verzug und sofortigen Handlungsbedarf, Zustandsklasse 5 steht für einen mängelfreien Zustand.

Das Ergebnis fiel zweigeteilt aus. Gut die Hälfte des Hauptkanals, rund 56 Prozent der untersuchten Abschnitte, wies nur geringfügige oder keine Mängel auf. Doch 29 Abschnitte, knapp 19 Prozent, fielen in die schlechteste Kategorie. Fellner zeigte in seiner Präsentation Kamerabilder. Die zeigten Längsrisse dort, wo die Belastung durch den Straßenverkehr am größten ist. Querrissen hatten sich bereits nach außen ins Erdreich ausgebreitet. Netzartige Rissmustern deuten auf den nahen Einsturz des Rohres hin. An manchen Stellen dringe Grundwasser ein, an anderen könne umgekehrt Schmutzwasser ins Erdreich gelangen, nicht nur ein Umweltrisiko, sondern auch eine Straftat, macht Fellner deutlich.

Als Sanierungsmethode empfiehlt das Büro das sogenannte Schlauchliner-Verfahren: Ein mit Kunstharz getränkter Glasfaserschlauch wird durch die vorhandenen Kanalschächte in das beschädigte Rohr eingeführt, aufgeblasen und vor Ort mit UV-Licht ausgehärtet. Nach dem Aushärten bildet er ein eigenständiges, neues Rohr im alten Rohr. Das Verfahren decke rund 98 Prozent der Schadensbilder ab, erklärte Fellner. Keine Straße muss aufgerissen werden, die Kosten liegen erheblich niedriger als bei einem Neubau in offener Baugrube, und die Sanierung geht schneller. Als Nachteil nannte Fellner eine minimale Verengung des Rohrdurchmessers um drei bis vier Millimeter. Berechnungen zeigen aber, dass eine leicht verringerte Abflussleistung im Unterwössner Netz keine Probleme bringt. Die Haltbarkeit des Liners beziffert Fellner auf 70 bis 80 Jahre.

Die geschätzten Gesamtkosten für die Sanierung aller schadhaften Abschnitte im Bereich Grabmühle belaufen sich auf rund 1,063 Millionen Euro brutto. Begonnen wird mit den 29 am schwersten geschädigten Abschnitten, die allein mit rund 710.000 Euro zu Buche schlagen. Fellner mahnt zur Eile: Die Materialpreise stiegen zum 1. April um sieben Prozent und zum 1. Juli um weitere acht Prozent, insgesamt 15 Prozent in diesem Jahr.

Bartholomäus Irlinger (OWG) erkundigte sich nach dem Material für künftige Neubauten. Höglauer erklärte, die herkömmlichen Tonrohre würden kaum noch verbaut. Kunststoffrohre und Gussrohre seien heute Standard. Martin Nieß (CSU) fragte nach den Übergängen zwischen dem neuen Liner und dem bestehenden Kanal. Fellner erläuterte, dass an jedem Schacht eine Manschette aus Edelstahl eingebaut werde, die den schmalen Hohlraum zwischen altem Rohr und neuem Liner abdichte. Pro Stück koste eine solche Manschette 400 bis 600 Euro.

Verwaltungsleiter Thomas Müllinger wies darauf hin, dass die Kanalgebühren für die nächsten zwei Jahre voraussichtlich nicht erhöht werden müssten. Danach sei eine Anpassung allerdings nicht ausgeschlossen. Die Hausanschlüsse auf privaten Grundstücken, also die Leitungen von der Grundstücksgrenze bis zum Gebäude, die lägen in der Zuständigkeit der Eigentümer. Das müsse man den Bürgern kommunizieren.

Was unter der Erde liege, sei „nicht lustig" und sehe nicht so schmuck aus wie Gebäude, räumte der Bürgermeister ein, aber es gehöre zur Infrastruktur die sorgfältig zu behandeln sei.

Der Gemeinderat stimmte dem Sanierungskonzept und der finanziellen Aufteilung einstimmig zu. Der erste Bauabschnitt geht nun in die Auftragsvergabe. Die Ausschreibung des zweiten Bauabschnitts ist für Ende 2026 geplant, die Ausführung für März bis September 2027.

fg