85 Jahre und noch kein bisschen brav oder müde. Drei neue Werke des Adelsrieder Künstlers Hans Malzer schmücken die Gemeinde. In seiner neuen Trias lehrt er dem modernen Menschen Ehrfurcht. Der Hans-Malzer-Weg wächst damit weiter.
Mit 85 Jahren wird ein mancher altersmilde und denkt gerechterweise an den Ruhestand; nicht so Hans Malzer. Ruhestand, das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass die Kunst ihm nur schnöder Brotberuf gewesen wäre. Sie war und ist ihm aber viel mehr: Möglichkeit eines Menschen, in sich die ganze Welt aufzunehmen und durch das eigene Schaffen andere an ihr teilhaben zu lassen. Deshalb bleibt der Oberpfälzer, der in Adelsried seine schöpferische Heimat fand, auch im gehobenen Alter ein Künstler, ein Rufer, ein Provokateur im eigentlichsten Sinne.
„Provokation“ ist ein geläufiges Schlagwort in der Modernen Kunst: Das Ergebnis dabei ist aber nicht selten plakativer Klamauk und politisierendes Geklingel, das handwerkliches Können der Lautstärke opfert. An solch einem Maßstab gemessen, ist Hans Malzer ganz und gar unmodern, kein Schlagzeilenkünstler, sondern einer, der überdauert, im Dialog mit der Geschichte steht, dessen Botschaft nicht Tagesgeschäft ist. „Provokation“ versteht der altsprachlich geschulte, bodenständige Künstler nämlich im ursprünglichen Sinne, abgeleitet vom lateinischen Verb „provocare“, das so viel bedeutet wie „hervor“ oder „heraus rufen“.
Neue Kunstwerke: Eine ermutigende Provokation zu Liebe und Ehrfurcht
„Heraus rufen“, das möchte Malzer mit seiner neu entstandenen Trias die Betrachter nicht ins alltägliche Meinungsgepolter. Er provoziert den Betrachter dagegen zum Mut, ruft heraus aus der Höhle der selbstgewählten Isolation, aus der Gleichgültigkeit, die die Seele so müde und zugleich empfänglich für schreihalsige mediale Ablenkung macht.
Welches Thema könnte hierfür passender, unzeitgemäßer, provokativer sein als „Ehrfurcht“; ein Begriff ganz und gar aus der Zeit gefallen, „Ehre“, „Furcht“, ein Wortfossil.
Hans Malzer aber haucht diesem Begriff durch Form, Farbe, Figuren Leben ein. So werden die hölzernen Skulpturen zum Stachel im Fleisch des Betrachters, dem fortan nicht mehr alles einfach egal sein kann. Was kann Kunst mehr?
Den Ausgang nahm die neue Skulpturenfolge von einem Besuch im Franziskanerkloster Marienthal. Der Bildhauer und Goldschmied Hein Wimmler hatte das dortige Tabernakel mit einem Sinnspruch versehen, der Hans Malzer keine Ruhe ließ, ihn provozierte:
„Das Größte auf Erden ist die Ehrfurcht. Denn sie ist der Kern der Liebe.“
Dieser Satz allein ist für den modernen Menschen, für den Machbarkeit von der Wiege bis zur Bahre selbstverständlich ist, der das Scheitern verdrängt und das Wagnis meidet, im Grunde nicht ertragbar. Und genau deshalb schnitzte ihn Hans Malzer in einen rund zwei Meter hohen Fichtenstamm, ließ das Wort Gestalt annehmen. In farbig illustrierten Großbuchstaben schmückt er in naher Zukunft den Radweg, genauer das Rasthäuschen in Kruichen, das an den Halt der Weldenbahn erinnert und damit im Grunde zugleich einen ironischen Abgesang auf das fortschrittsverliebte Industriezeitalter darstellt. Den Radlern und Rastern wiederum bietet es in der Gegenwart einen Haltepunkt für die Seele zwischen E-Bike-Tour und Arbeitsweg.
Kunst an der Kirchenmauer: Glaube als Zu-Mutung
Wenige hundert Meter weiter stoßen diese dann bereits auf die nächste Skulpturengruppe, wiederum am Radweg, angebracht an der Kirchenmauer gegenüber dem Adelsrieder Kriegerdenkmal, mitten im Ort. „Ohne Gott kann der Mensch nicht leben“, schrillt es dem Betrachter entgegen, jedes Wort auf einer Säule aus Esche und Robinie, weiß getüncht, in blutroter Farbe eingeritzt: das Wort als Wundmal, als Stigma, des Menschen. Mancher wird nickend passieren, mancher abschätzig lächeln, mancher vielleicht etwas aufgebracht sein. „Seit es Menschen gibt, gibt es Religionen, gibt es das Bewusstsein eines Gottes“, erklärt Malzer hierzu, „vielleicht mögen einzelne Menschen in gewissen Zeiten ohne Gott auskommen, die Menschheit aber kann es nicht.“
Für Malzer ist sein Kunstwerk hier das atmende, in Holz und in Farbe lebendige Gegenstück zum kalten Kategorischen Imperativ Kants. Dass jeder Mensch nach den Maximen der Vernunft lebe, das sei zwar ein schöner Traum, aber die Geschichte von Kommunismus und Nationalsozialismus habe gezeigt, dass gerade hier für die Menschheit die Gefahr, die Schlange im Baum der Erkenntnis, lauere: „Wenn der Mensch sich selbst der Maßstab ist, wird er immer aus Egoismus selbstsüchtig anders handeln. Der Maßstab muss außerhalb des Menschen liegen: Gott.“
Diese Aussage freilich muss für den sich aufgeklärt wähnenden Zeitgenossen eine Kränkung sein, die ihn entweder zügig wieder auf das E-Bike zum nächsten Eiskaffee treibt, oder zurückwirft auf die mühsame Schau ins eigene Herz: Was ist mein ehrlicher Maßstab für mich selbst? Wo will ich wirklich hin? Das schmerzt, das heilt, das ruft aus dem betulichen Trott heraus.
Zu den Quellen: Gott und das Grundgesetz
Vom Individuum wendet Malzer diese Frage auf die Gesellschaft und legt dabei zugleich ein unzeitgemäßes Plädoyer dafür ab, sich der eigenen abendländisch-christlichen Grundlagen rückzuversichern. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – davon zeugen die Großbuchstaben in der Skulptur unmittelbar vor der Adelsrieder Pfarrkirche. Dieser Satz wiederum ist bekannt als Artikel 1 des Grundgesetzes und wäre vermeintlich vor dem Rathaus als Verwaltungssitz besser aufgehoben als vor dem Gotteshaus der Gemeinde. Malzer aber geht den Dingen auf den Grund. Ernst-Wolfgang Böckenförde, vormaliger Bundesverfassungsrichter, prägte den Satz, dass „der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann.“ Und eben jene Fundamente fördert Malzer mit seiner Skulptur zutage. Die ureigene, natürliche Würde „eines jeden Menschen, des Mannes, der Frau, der Kinder, der Alten, der Behinderten, der unschätzbare Wert“, hat ihren Ursprung im christlichen Menschenbild. Und manchmal – so vergegenwärtigt Malzers Werk – braucht es einen Blick auf die eigenen Wurzeln, damit man selbst daran glaubt, weiter wachsen zu können. All die aufgezählten Gruppen wiederum kolorierte Malzer im Kunstwerk farbig – wertvoll, unverwechselbar, einzigartig, „gleich den Edelsteinen,“ wie er selbst darlegt.
Der Künstler Malzer, das wird in der Gesamtschau klar, tritt hinter die Werke zurück, hat keine „originellen“ Botschaften, ist stattdessen selbst ein ganz und gar Ehrfürchtiger. Er bedient sich am geistesgeschichtlichen Repertoire der Heiligen Schrift wie unzählige vor ihm. Letztlich ist er damit ein großer Liebender, denn er hat nie die Mitte verloren; weil er immer Maß hielt, war er nie modern und ist deshalb nie veraltet, ebenso wie der provozierende Gedanke, zu dessen Sprachrohr er sich bereitwillig mit seiner neuen Trias macht: „Das Größte auf Erden ist die Ehrfurcht. Denn sie ist der Kern der Liebe.“