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Rund um den Grüntensee
Ausgabe 36/2026
Markt Wertach
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Sonstige Mitteilungen

Förster Christian Müller erklärt anhand einer Grafik den typischen Aufbau eines Plenterwaldes: Kleine, mittlere und mächtige Bäume wachsen auf derselben Fläche nebeneinander. Gerade diese Mischung verschiedener Höhenstufen macht den Plenterwald für ihn zu einem „Mehrgenerationenwald“.

Geduld gehört zum Prinzip Plenterwald: Der jüngere Baum neben dem mächtigen Altbaum wächst zunächst im Schatten. Erst wenn der große Nachbar eines Tages entnommen wird, bekommt er Licht und Raum, um sich richtig zu entfalten.

Typisch Plenterwald: Junge Bäume wachsen zwischen kräftigen Altbäumen heran. Die unterschiedlichen Höhen- und Entwicklungsstufen auf derselben Fläche machen den Wald besonders strukturreich und vielfältig.

 

Mit Förster Christian Müller durch den Plenterwald bei Scheidegg, in dem Geschichte, Naturschutz und nachhaltige Holznutzung seit Jahrhunderten zusammenfinden.

Scheidegg/Westallgäu – Christian Müller bleibt vor einer mächtigen alten Tanne stehen und blickt hinauf in ihre Krone. Wer mit dem Förster vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten (AELF) durch den Plenterwald bei Scheidegg geht, merkt schnell: Müller sieht hier weit mehr als Bäume. Er erkennt, was über Jahrzehnte gewachsen ist, wo Licht fehlt, welche jungen Bäume sich entwickeln können und welche alten bewusst stehen bleiben sollten. Und trotz all seines Wissens hat der Wald für ihn nichts von seiner Faszination verloren. „Ein Gefühl von Ehrfurcht erfüllt mich, wenn ich durch diesen Wald gehe“, sagt Müller. Immer wieder bleibt er stehen, zeigt auf eine junge Tanne, eine Öffnung im Kronendach oder einen alten Stamm.

Wie eine Großfamilie

„Der Plenterwald ist wie eine Großfamilie“, beschreibt Müller diese besondere Form der Waldbewirtschaftung. Auf derselben Fläche stehen kleine, mittlere und mächtige Bäume nebeneinander. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem der gesamte Wald gleichzeitig geerntet und anschließend neu begründet wird. Stattdessen werden einzelne reife Bäume entnommen. Direkt daneben wachsen andere weiter, unter ihnen steht häufig längst der Nachwuchs bereit. Der Plenterwald ist somit ein Mehrgenerationenwald, der sich über Zeiträume von 200 Jahren und mehr entwickelt.

Drei Baumarten prägen ihn klassischerweise: Weißtanne, Fichte und Buche. Weitere Mischbaumarten wie der Bergahorn können hinzukommen. Eine Schlüsselrolle spielt die Weißtanne. Junge Tannen können viele Jahre unter dem Kronendach größerer Bäume ausharren und nur langsam wachsen. Wird ein alter Baum entfernt, fällt mehr Licht auf den Waldboden. So öffnet sich Raum für die jungen Bäume.

Warum ausgerechnet im Westallgäu?

Rund um Scheidegg und Weiler-Simmerberg erstrecken sich etwa 680 Hektar Plenterwald. Für Müller ist es kein Zufall, dass sich diese besondere Waldform ausgerechnet hier erhalten hat. Einerseits bietet der Standort günstige Bedingungen. Die Lage zwischen Bodensee und Alpen sowie feuchte Westwetterlagen und hohe Niederschlagsmengen kommen insbesondere der Weißtanne zugute. Andererseits ist der heutige Wald eng mit der Geschichte der Region verbunden. Scheidegg gehörte über Jahrhunderte hinweg nicht zu Bayern. Das Gebiet kam im Jahr 1571 unter habsburgische Herrschaft, gehörte zu Vorarlberg und wurde erst im Jahr 1806 bayerisch.

Holz war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Rohstoffe. Es wurde zum Heizen und Bauen, für Ställe, Zäune, Werkzeuge und viele Dinge des täglichen Lebens gebraucht. Die Versorgung der Bevölkerung mit Holz musste daher langfristig gesichert werden. Entsprechend streng war die Waldnutzung geregelt. Forstordnungen legten fest, welche Mengen entnommen werden durften. Müller sieht darin einen wichtigen Grund dafür, dass die Wälder in dieser Region nicht großflächig verschwanden, sondern über lange Zeit erhalten und gezielt genutzt wurden. Auch die sogenannte Vereinödung prägte das Westallgäu. Dabei wurden zuvor verstreut liegende Flächen eines Hofes zu größeren Einheiten zusammengeführt. Höfe wurden teilweise aus Dörfern und Weilern hinaus auf die neu geordneten Flächen verlegt. So entstand die bis heute typische Landschaft des Westallgäus mit ihren zahlreichen Einzelhöfen. Im 18. Jahrhundert wurde diese Entwicklung unter Maria Theresia und Joseph II. gefördert. Wald und Hof waren dabei eng miteinander verbunden.

Was nicht gebraucht wurde, blieb stehen.

Während in anderen Teilen des Allgäus große Holzmengen unter anderem für die Köhlerei und Verhüttung benötigt wurden, blieb im Westallgäu vielerorts die Nutzung einzelner Stämme erhalten.

Wie besonders diese Bewirtschaftungsform heute ist, zeigt ein Blick über die Grenze. Laut Müller macht Plenterwald in Bayern nur rund zwei Prozent der Waldfläche aus. Im benachbarten Vorarlberg sind es dagegen etwa 30 Prozent. Doch wer beim Plenterwald an einen sich selbst überlassenen Naturwald denkt, liegt falsch. „Der Plenterwald ist ein reiner Wirtschaftswald“, betont Müller. Gerade seine scheinbare Natürlichkeit ist das Ergebnis einer sehr bewussten Bewirtschaftung. Beim Plentern werden einzelne reife Bäume ausgewählt und entnommen. Dabei muss sorgfältig gearbeitet werden. Schließlich stehen direkt daneben jüngere Bäume, die möglichst unbeschädigt bleiben sollen. Plenterwirtschaft bedeutet deshalb viel Handarbeit, Erfahrung und Beobachtung. Der Förster muss jeden Eingriff sorgfältig abwägen: Welcher Baum wird genutzt? Welcher braucht noch Zeit? Wo soll mehr Licht entstehen? Wo bleibt ein Altbaum bewusst stehen? Für Müller ist der Plenterwald deshalb eine der anspruchsvollsten Formen der Waldbewirtschaftung.

Zwischen jungen Tannen, Fichten und Buchen stehen alte Bäume mit Höhlen, Rissen, abgestorbenen Ästen oder Faulstellen. Was aus Sicht der Holzproduktion zunächst wie ein Makel aussehen mag, kann ökologisch besonders wertvoll sein. Als Biotopbäume bieten sie Insekten Nahrung und Lebensraum. Vögel finden Höhlen zum Brüten und Rückzugsmöglichkeiten. Auch Pilze, Moose und Flechten profitieren von den alten Strukturen.

Für Müller zeigt sich gerade darin, was der Plenterwald leisten kann: wirtschaftliche Nutzung und Naturschutz auf derselben Fläche. „Alle Funktionen werden im Plenterwald optimal erfüllt“, sagt er. Der Wald liefert den nachwachsenden Rohstoff Holz, schützt Boden und Wasser, bietet Lebensraum und ist gleichzeitig Erholungsraum für den Menschen.

Stabil durch Vielfalt

Auch mit Blick auf den Klimawandel ist diese Struktur interessant. Verschiedene Baumarten, unterschiedliche Höhen und Entwicklungsstufen verteilen das Risiko. Wird ein einzelner Baum durch Sturm, Trockenheit oder Schädlinge geschädigt, ist nicht automatisch der gesamte Bestand betroffen. Hinzu kommt die dauerhafte Überschirmung. Anders als nach einer großflächigen Nutzung liegt der Waldboden nicht plötzlich frei, sondern bleibt weitgehend beschattet. Das schützt das Waldinnenklima und hilft, Feuchtigkeit im Bestand zu halten. Auch der Plenterwald ist gegen die Folgen des Klimawandels nicht gefeit. Seine vielfältige Struktur kann ihn jedoch stabiler und widerstandsfähiger gegenüber Störungen machen.

Einen Wald lesen können

Dass Christian Müller all diese Zusammenhänge so selbstverständlich erkennt, kommt nicht von ungefähr. 1980 begann er sein Forststudium in Weihenstephan. Nach seiner Anwärterzeit führte ihn sein beruflicher Weg in den Landkreis Lindau. Seit rund 40 Jahren berät Müller im Landkreis Lindau private Waldbesitzer und kommunale Körperschaften. Entsprechend viele Wälder hat er in dieser Zeit wachsen und sich verändern sehen.

Müller liest den Wald

Vielleicht ist es genau das, was besonders hängen bleibt, wenn man mit ihm durch den Wald geht. Sein Wissen ist groß. Doch je mehr er über die Zusammenhänge des Waldes erzählt, desto deutlicher wird auch sein Respekt davor. Denn der Wald wächst in Zeiträumen, die weit über ein Berufsleben hinausreichen.

Im kommenden Jahr wird Christian Müller in den Ruhestand gehen. Nach Stillstand klingt das allerdings nicht. Er hat bereits einige Projekte im Kopf, denen er sich danach widmen möchte. Ganz loslassen wird ihn der Wald vermutlich ohnehin nicht. Und vielleicht passt auch das zum Plenterwald. Einen wirklichen Schlussstrich gibt es hier nicht. Während ein mächtiger Baum genutzt wird, wächst wenige Meter weiter bereits der Nachwuchs heran. Andere Bäume stehen mitten in ihrer Entwicklung. Wieder andere dürfen als Biotopbäume alt werden. Die Entscheidungen, die heute getroffen werden, werden noch sichtbar sein, wenn andere einmal zwischen diesen Bäumen stehen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen im Plenterwald unmittelbar nebeneinander. Wie in einer Großfamilie.

Text: Eva Herz