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Brensbacher Nachrichten
Ausgabe 31/2022
Kirchliche Nachrichten
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Gedanken zum Wochenende

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Gedanken zum Wochenende stammen diesmal von Matthias Kraft von der Evangelischen Kirchengemeinde Brensbach. Wir vier Kirchengemeinden in Brensbach wünschen Ihnen ein schönes Wochenende.

Anja Encarnacao, Katholische Kirchengemeinde

Miriam von Nordheim-Diehl, Evangelische Kirchengemeinde Wersau

Cyrille Tchamda, Freie Christengemeinde

Matthias Kraft, Evangelische Kirchengemeinde Brensbach


Liebe Leserinnen und Leser,

Rabbi Gamaliel ist ein im Talmud hochgeschätzter Rabbiner. Er stammte aus einer bedeutenden Rabbinerdynastie und war zur Zeit der Apostel Mitglied des Hohen Rates in Jerusalem. Sein Großvater war Rabbi Hillel gewesen, ein Mitbegründer der Pharisäer. Es mutet sonderbar an, dass dieser jüdische Gelehrte zugleich auch noch ein katholischer und orthodoxer Heiliger ist. Sein Gedenktag im katholischen Heiligenkalender ist der 3. August.

Wie kommt es, dass ein bedeutender jüdischer Gelehrter sozusagen eine zweite Karriere als katholischer Heiliger machen konnte?

In der Apostelgeschichte finden sich zwei Hinweise: In einer Rede in Jerusalem sagt der Apostel Paulus: „Ich bin ein jüdischer Mann, geboren in Tarsus in Zilizien, aufgewachsen aber in dieser Stadt und mit aller Sorgfalt unterwiesen im väterlichen Gesetz zu Füßen Gamaliels, und war ein Eiferer für Gott, wie ihr es heute alle seid.“ (Apostelgeschichte 22,3)

Rabbi Gamaliel war der Lehrer des Paulus. Gamaliel hat ihn zum Rabbi, d.h. zum Phärisäer ausgebildet. Paulus betont die gute Ausbildung, die er von diesem berühmten Lehrer bekommen hat. Er ist stolz darauf. Dies hat mit Sicherheit sein Denken geprägt, so dass wir davon ausgehen können, dass sich bei Paulus einiges von dem findet, was er bei Gamaliel gelernt hat.

Gamaliel sagte einmal: „Schön ist das Studium der Weisung (Gottes) zusammen mit weltlicher Beschäftigung.“ (Talmud, Sprüche der Väter, II,2) Er war also kein Schriftgelehrter, der abgehoben vom Alltag nur die Bibel und die Auslegung der Gelehrten studierte. Für ihn brauchte es eine Ausgewogenheit zwischen religiösem Nachdenken und beruflichem Alltagsleben. Dieser Tradition folgt Paulus: Er hat sich darum als Zeltmacher seinen Lebensunterhalt verdient. Dies war seine weltliche Beschäftigung neben seiner Tätigkeit als Apostel. Seine Auslegung der Bibel finden wir in seinen Briefen, wo er ganz lebensnah und praktisch auf die Anliegen und Fragen der christlichen Gemeinden eingeht. Hier folgt er vielleicht auch dem Vorbild seines Lehrers, der mehrere Briefe an jüdische Gemeinden geschrieben hat, um sie in religiösen Fragen zu unterrichten.

Der zweite Hinweis aus der Apostelgeschichte: Gamaliel mahnte im Hohen Rat zur Zurückhaltung gegenüber den Aposteln Johannes und Petrus. Über den sogenannten „Rat des Gamaliel“ erzählt die Apostelgeschichte: „Da stand aber im Hohen Rat ein Pharisäer auf mit Namen Gamaliel, ein Lehrer des Gesetzes, vom ganzen Volk in Ehren gehalten, und ließ die Männer für kurze Zeit hinausführen. Und er sprach zu ihnen: Ihr Männer von Israel, seht genau zu, was ihr mit diesen Menschen tun wollt. … Und nun sage ich euch: Lasst ab von diesen Menschen und lasst sie gehen! Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird's untergehen; ist's aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten - damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen.“

Gamaliel ist überzeugt, dass die Jesusbewegung scheitern wird, wenn sie gegen den Willen Gottes verstößt. Damit ist Gamaliel kein Befürworter des Christentums, er mahnt allerdings zu Besonnenheit. Dass aus den Predigten der Apostel eine neue Religion entstehen würde, die die Botschaft vom Gott Israels unter den Völkern verbreiten würde, ahnte noch niemand. Erst als Paulus, der Schüler Gamaliels, sich den Aposteln anschloss und als gelehrter Rabbiner die Lehre von Jesus weiterdachte, entstand die Kirche.

Gamaliel legte die Gebote zum Teil erleichternd aus. Er folgte dabei dem Grundsatz: „Im Blick auf das Wohl der ganzen Welt.“ D.h. bei der Auslegung der Gesetze sollte es keine unzumutbaren Härten geben, die die Welt ins Ungleichgewicht bringt. Er war in seinem Denken besonnen und wohlwollend.

Auch Paulus trat für eine Erleichterung für die Menschen ein, die von außerhalb des Judentums zur christlichen Gemeinde dazu stießen. Er vertrat die Meinung, wer an Jesus glauben will, muss nicht erst Jude werden, muss nicht beschnitten werden und braucht nicht alle Regeln des „Gesetzes der Väter“ einzuhalten.

Mit dieser Erleichterung des Zugangs für die Nichtjuden stand er ganz in der Tradition Gamaliels und Hillels. Es ging ihnen um den Geist hinter den Geboten Gottes. Nicht um den Buchstaben.

Als einmal ein Nichtjude zu Hillel kam und ihn bat, ihm das ganze Gesetz auf einem Bein stehend beizubringen, antwortete Hillel: Was du nicht willst, das tue auch deinem Nächsten nicht, das ist das ganze Gesetz, alles Übrige ist nur Erläuterung, gehe und lerne es.“

Ihr Matthias Kraft, Pfarrer