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Oberzent aktuell
Ausgabe 16/2026
Schulen in der Oberzent
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Odenwälder Nachkriegsgeschichte in der Oberzent-Schule

Einen Vormittag gab es 80 Jahre Odenwälder Nachkriegsgeschichte in der Oberzent-Schule: Mit dem früheren SPD-Landrat Horst Schnur war in Begleitung seiner Frau Traudel ein Kommunalpolitiker zu Gast, der an ihrer Entwicklung beteiligt war. Seine kurzweiligen Beiträge waren mit vielen persönlichen Anekdoten geschmückt. Der 84-Jährige stellte seine Vita vor und streifte die Themen Schulkarriere sowie Landratsberuf.

Nach seiner Geburt 1942 in Darmstadt floh die Familie nach der dortigen Bombennacht 1944 erst nach Klein-Umstadt, dann in den Odenwald. Schnur wuchs als Halbwaise (der Vater war in Stalingrad gefallen) in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach dem Abitur am Gymnasium Michelstadt studierte er in Frankfurt auf Lehramt. Zur Sozialdemokratie kam er in seiner Schulzeit. Damals wurden an einem Tag Schulspenden eingesammelt, erinnerte er sich. Er stellte fest, dass es Unterschiede bei der späteren Notenvergabe gab, wenn es raschelte und nicht nur klimperte. Was seinen Sinn für Gerechtigkeit empfindlich störte.

Nach dem Schuldienst in Rai-Breitenbach und an der OZS wurde er 1974 Leiter der Theodor-Litt-Schule in Michelstadt. Ab 1968 gehörte er dem Odenwälder Kreistag an. 1986 wurde der heute in Olfen lebende Schnur hauptamtlicher Erster Beigeordneter im Odenwaldkreis und 1991 zum Landrat gewählt. Durch einen Zeckenbiss erkrankte er an FSME. Seitdem ist er stark gehbehindert. Nach seinem kommunalpolitischen Ruhestand engagierte er sich sozialpolitisch und in der Flüchtlingshilfe. Ein weiterer Schwerpunkt war die Erforschung der Regionalgeschichte. Daraus entstanden mehrere Schriften. Die wurden entweder beim Kreisarchiv im Jahrbuch „gelurt“ oder im Eigenverlag veröffentlicht.

Wie die Bücher, die der 84-Jährige mitgebracht hatte: zur Odenwaldbahn, zum Spinnenforscher aus Beerfelden, zum Raubacher Jockel oder zu Kätchen Paulus. Seine Autobiografie „Rückspiegel“ ist 2013 erschienen. Ein prägnantes Zitat daraus trug Schnur vor: „Das Schulsystem darf keine Sackgassen haben, es muss durchlässig sein.“

Schnur war immer der Meinung, dass fachliche Kompetenzen in Verbindung mit pädagogischer Zuneigung die natürliche Autorität des Lehrers prägen konnten. Weshalb er sich auch nie gegen die Vermittlung von sogenannter „Primärtugenden“ verwahrte, wie Fleiß und Zuverlässigkeit, Höflichkeit und Rücksichtnahme, Kameradschaft und Hilfsbereitschaft. Denn: „Jeder Schüler sollte im Lernprozess einen Erfolg spüren“, sagte er. Aufmunterndes Lob, eingebunden in konstruktive Kritik, sei in vielen Fällen Ansporn zu besserer Leistung. Nicht die Kritik müsste man aber voranstellen, sondern das Lob!

Die Schüler lauschten den „Old boy tales“ von Horst Schnur interessiert, fasste Schulleiter Bernd Siefert die Stunde augenzwinkernd zusammen. Die Jugendlichen im Politik- und Wirtschaftsunterricht lernten so eine beeindruckende Persönlichkeit des Odenwalds kennen.